
Seit 2014 zeigt das Ginmaku Japanese Film Festival in den Zürcher Kinos Houdini und Riffraff kleine japanische Streifen, die es sonst wohl kaum in die Schweiz schaffen würden. Auch die diesjährige Ausgabe bot vom 26. bis zum 31. Mai mit 15 Werken im Programm erneut einen vielseitigen und spannenden Einblick in das aktuelle Filmschaffen Japans. Ich habe mir vier davon angesehen – zwei Spielfilme und zwei Dokumentationen – und kann schon mal vorwegnehmen: Jeder einzelne ist eine wahre Perle!
«The Chatterboxes» von Ken Kawai
Filmfakten
Regie: Ken Kawai
Drehbuch: Ken Kawai, Kyohei Otoguro, Haruka Takenami
Kamera: Eiji Mukoyama
Musik: Takashi Watanabe
Mit: Itsuki Nagasawa, Kazuyoshi Kezuka, Firat Yildirm, Oki Fukuda, Murat Çiçek, Hideaki Nasu, Shunya Itabashi, Karin Ono
Produktionsland: Japan
Länge: 143 Minuten
Erscheinungsjahr: 2025
Manchmal lösen winzige Missverständnisse grosse Konflikte aus. Im Fall von Ken Kawais wundervollem zweitem Spielfilm «The Chatterboxes» (2025) sorgt eine kaputte Glühbirne für Aufruhr. Als der gehörlose Elektrogeschäftsführer Kazuhiko Koga (Kazuyoshi Kezuka) seinen neuen kurdischen Nachbarn Rifat (Murat Çiçek) neben den Glasscherben in seinem Laden sieht, ist für den Witwer klar: Der Ausländer war’s. So entbrennt zwischen den beiden ein Streit, der aufgrund von Sprachbarrieren und Vorurteilen eskaliert und sich auf die örtliche Gemeinschaft der Gehörlosen einerseits und die kurdischen Einwanderer andererseits ausweitet.
Mittendrin stehen Natsumi (Itsuki Nagasawa), Kazuhikos Tochter, die anders als ihr Vater und ihr kleiner Bruder hören kann, und Hiwa (Yildirm Firat), Rifats Sohn, der in Japan aufgewachsen ist. Die jungen Erwachsenen versuchen verzweifelt, die Wogen zwischen den Konfliktparteien zu glätten. Natsumi übersetzt die japanische Zeichensprache, während Hiwa als Dolmetscher für Kurdisch und Türkisch fungiert – doch ihre Bemühungen scheitern. Als der PR-Manager Okita (Shunya Itabashi) dann ein Pilotprogramm initiiert, das verschiedene Minderheiten im Ort friedlich zusammenbringen soll, verschärft sich die Lage nur.
«The Chatterboxes» ist ein Film der Sprachen und des Sprechens: Auf Japanisch, Englisch, Kurdisch, Türkisch, Arabisch und in Gebärdensprache kommunizieren die Figuren in den etwas zu lang geratenen 143 Minuten meist aneinander vorbei, woraus die Tragikomödie aber ihre witzigsten Momente zieht. Gleichzeitig wird gezeigt, dass Sprache immer Teil der eigenen Identität ist, ohne in schwachsinnigen Patriotismus abzudriften. Und dann ist «The Chatterboxes» auch ein Film des Kulturtransfers, was wir an Natsumis Bruder Shun (Oki Fukuda) sehen. Der Junge teilt sich kaum mit, weder seinen Mitschüler:innen noch seiner Familie gegenüber. Erst als er fasziniert von arabischen Schriftzeichen eine eigene Sprache entwickelt, baut er sich selbst und den zankenden Erwachsenen eine Brücke, die zu Verständnis, zu Akzeptanz und letztlich zu Freundschaft führt.
Ken Kawai will uns mit seinem klugen wie unterhaltsamen Film eine optimistische Botschaft senden: Wenn wir mehr miteinander kommunizieren und aufeinander eingehen würden, brächte uns das näher zusammen. Natürlich ist die Realität weitaus komplexer, und Kommunikation allein reicht nicht aus, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, dafür sind die bestehenden Interessenkonflikte, die Gier nach Macht und Geld sowie konkurrierende Ideologien zu stark. Kawais Optimismus tut dennoch gut und kommt weitaus weniger naiv daher, als es zunächst scheint. Denn «The Chatterboxes» zeigt, dass auch diskriminierte Minderheiten andere Minderheiten diskriminieren können. So erinnert uns der Film daran, dass wir alle Vorurteile hegen und zu Schablonendenken neigen.
Mit einem äusserst absurden, aber zugleich logisch konstruierten und herzerwärmenden Ende feiert Kawai die Vielfalt und lädt uns dazu ein, das Gespräch mit anderen zu suchen und Sprachbarrieren, Kulturunterschiede sowie Ressentiments zu überwinden.
«Threads of Time» von Yukio Iokibe
Filmfakten
Regie: Yukio Iokibe
Produktionsland: Japan
Länge: 101 Minuten
Erscheinungsjahr: 2025
«Threads of Time» (2025) ist ein Musterbeispiel für gründlich recherchierten, informativen und kritischen Journalismus, der mit einfachsten Mitteln realisiert wurde. Regisseur und Journalist Yukio Iokibe erzählt die Geschichte des ehemaligen Mathematiklehrers Motoyuki Takii sowie der kleinen Küstenstadt, in der der 80-Jährige lebt. Anamizu, in der Präfektur Ishikawa gelegen, hat noch knapp 7000 Einwohner:innen und ist eines von vielen japanischen Städtchen, die den Bevölkerungsrückgang deutlich zu spüren bekommen.
Insgesamt ist Japans Population laut einem kürzlich erschienenen Artikel der New York Times in den letzten fünf Jahren um mehr als drei Millionen Menschen geschrumpft, von 126 auf 123 Millionen. Bleibt die Geburtenrate niedrig und hält die konservative Regierung an ihrem zurückhaltenden Kurs in der Einwanderungspolitik fest, könnte die Zahl bis 2070 sogar auf 87 Millionen sinken. Vor allem ländliche Regionen leiden unter der Depopulation.
Jung und Alt wandert vom Land in urbane Zentren wie Tokio oder Osaka ab und hinterlässt leerstehende Häuser, an denen der Zahn der Zeit gnadenlos nagt. Das zieht nicht nur ökonomische Folgen nach sich, was wir an Anamizu sehen können. Medien schenken dem Städtchen kaum Beachtung, was zu einem Informationsloch unter den Bewohnenden führen würde, wäre da nicht Takii-san. Zweimal im Monat veröffentlicht er den handgeschriebenen Newsletter «Tsumugu», um seine Mitmenschen über lokale Ereignisse zu informieren, sie zusammenzubringen und den amtierenden Bürgermeister sowie dessen Stadtregierung zu kritisieren.
Diese betreiben eine Politik des Stillstands. Die allermeisten Lokalpolitiker in Anamizu sitzen schon zehn Jahre oder gar noch länger auf ihren Posten, ohne nennenswerte politische Vorstösse vorweisen zu können. Zudem nutzt der Bürgermeister seine Position, um sich in die eigene Tasche zu wirtschaften: Mit Steuergeldern finanziert er über seine eigene Stiftung ein Gemeindezentrum, das auf dem gemieteten Land seines Amtsvorgängers gebaut wird.
Yukio Iokibe ist eine packende TV-Lokalreportage gelungen, die in eineinhalb Stunden nicht nur die Trägheit und Inkompetenz mancher Lokalpolitiker anprangert, sondern zudem drängende Fragen aufwirft, die weit über Japan hinausreichen. Wie steht es um die Pressefreiheit, wenn politische Geschäfte wie Budgetpläne hinter verschlossenen Türen verabschiedet werden? Wie sichern wir die Zukunft von Lokalredaktionen, die trotz wachsenden finanziellen Drucks unverzichtbare Informationen liefern und zur Meinungsbildung beitragen? Wie kann es sein, dass Leute wie Takii-san sich aufopfern und systemrelevante Dienste – neben seinem Newsletter hilft er in Anamizu, wo er kann – leisten, wenn doch eigentlich die Politik diese Pflicht übernehmen müsste?
«Threads of Time» führt uns eindringlich vor Augen, dass unser Zusammenleben direkt vor der eigenen Haustür entschieden wird – und dass wir unsere Stimme nutzen müssen, um zu hinterfragen, zu diskutieren und zu widersprechen.
«Love on Trial» von Koji Fukada
Filmfakten
Regie: Koji Fukada
Drehbuch: Koji Fukada
Kamera: Hidetoshi Shinomiya
Schnitt: Sylvie Lager
Musik: agehasprings
Mit: Kyoko Saito, Yuki Kura, Erika Karata, Kenjiro Tsuda
Produktionsland: Japan
Länge: 124 Minuten
Erscheinungsjahr: 2025
Kinostart Deutschschweiz: 4. Juni 2026
Wer Satoshi Kons «Perfect Blue» (1997) kennt, weiss, dass das Leben als japanisches Pop-Idol einige Tücken mit sich bringt. Mai Yamaoka (Kyoko Saito), ein aufstrebendes Pop-Idol der Girlgroup Happy Fanfare und Protagonistin in «Love on Trial» (2025), weiss das ebenfalls nur zu gut. Wie in Kons Anime-Meisterwerk bekommt es Mai mit fanatischen Fans zu tun, die gerne mal 50 Exemplare derselben CD kaufen, um ihr Lieblings-Idol zu unterstützen. Viel mehr Sorgen bereitet ihr jedoch das Rudel Juristen, das ihr ehemaliger Chef auf sie gehetzt hat. Der Grund für den Rechtsstreit ist völlig abstrus: Mai hat sich in den freiberuflichen Pantomimen Kei (Yuki Kura) verliebt und führt mit ihm eine romantische Beziehung.
Eine Klausel in ihrem Arbeitsvertrag verbietet ihr sowohl Dating als auch Sex. Regisseur Koji Fukada wirft mit seinem Liebes- und Gerichtsdrama einen Blick hinter die düsteren Kulissen der glänzenden Idol-Industrie Japans. Für die Agenturen hinter den Girlgroups ist nicht nur das gute Aussehen der jungen Frauen Kapital, sondern auch deren Jungfräulichkeit. Treue Fans investieren Unsummen in Fanartikel und nehmen teilweise horrende Reisekosten auf sich, um bei einem zweiminütigen Meet-and-Greet die Hand ihres favorisierten Popstars zu schütteln und ein paar Fotos zu machen. Natürlich wollen die Agenturen ihre Goldesel nicht damit vergraulen, dass die Idols ihre Fans mit einem anderen Mann «betrügen».
Fukada zeigt in «Love on Trial», wie stark der Arbeitgeber ins Privatleben der Arbeitnehmenden eingreifen kann, wenn der rechtliche Rahmen nur dürftig abgesteckt ist. Hinzu kommt, dass diese Industrie mit den Träumen junger Frauen spielt, die ein glamouröses Leben im Rampenlicht ersehnen, ohne zu begreifen, wie unfrei das Idol-Dasein wirklich ist.
Es erstaunt, wie es Fukada trotz der ernsten Thematik gelingt, eine berührende Liebesgeschichte einzuweben, die mit buchstäblich magischen Momenten aufwartet. Zugleich sehen wir, wie der Kampf vor Gericht eine Beziehung vergiftet, die vielversprechend angefangen hat. «Love on Trial» lässt uns melancholisch auf die Liebe und mutig in die Zukunft blicken.
Ab dem 4. Juni in den Deutschschweizer Kinos.
«Life is Fruity» von Kenshi Fushihara
Filmfakten
Regie: Kenshi Fushihara
Produktionsland: Japan, Singapur, Vietnam
Länge: 91 Minuten
Erscheinungsjahr: 2016
Wenn die Festivalleiterin am Ende eines Films mit Taschentüchern am Ausgang des Kinosaals wartet, kann das nur zweierlei bedeuten: Entweder haben wir gerade etwas Todtrauriges gesehen, das uns die Tränendrüsen bis zum letzten Tropfen ausgequetscht hat, oder wir sind Zeug:innen von etwas so Wunderschönem geworden, das unser Herz dermassen erwärmt hat, dass der aufsteigende Dampf als Augenwasser wieder aus dem Körper entweichen musste. Bei Kenshi Fushiharas Dokumentation «Life is Fruity» (2016) trifft beides zu.
Der Film begleitet das betagte Ehepaar Tsubata: Shuichi ist 90 Jahre alt und hatte jahrelang als Architekt gearbeitet, bevor er sich für ein ruhigeres Leben entschied. Seine 87-jährige Frau Hideko stammt aus einer altehrwürdigen Sake-Brauerfamilie. Gemeinsam wohnen sie in einem von Shuichi selbst designten Haus mit üppigem Garten, in dem sie 70 verschiedene Gemüsearten und 50 unterschiedliche Sorten Früchte anbauen. Nahezu alles in ihrem Haushalt ist selbstgemacht oder schon jahrzehntelang in Gebrauch. Geht etwas kaputt, wird’s repariert, nicht ersetzt.
«Life is Fruity» ist eine Ode an das entschleunigte Leben und gleichzeitig hat die Doku eine rebellische Note: Während seiner Zeit als Architekt leistete Shuichi vehement Widerstand gegen düstere, graue Plattenbauten. Seine Vision von Architektur und Städteplanung setzt auf Nachhaltigkeit, auf die Einbindung von Naturelementen und vor allem auf Lebensqualität. Wie er auf einem seiner handgezeichneten Entwürfe festhält: «Bäume sind eine natürliche Klimaanlage.» Shuichi war seiner Zeit weit voraus. Betonwüsten und Hitzeinseln wie zum Beispiel die Zürcher Europaallee wären unter seiner Verantwortung nie entstanden.
Doch «Life is Fruity» liefert nicht nur Denkanstösse zur Städteplanung, sondern porträtiert auch das vielleicht süsseste Ehepaar Japans. Über 60 Jahre waren die beiden verheiratet und in jeder einzelnen Sekunde dieses voll mit herzerwärmenden Details gespickten Films spüren wir die aufrichtige Liebe der beiden zueinander. Shuichi und Hideko Tsubata bringen uns ins Grübeln: Was ist in unserem Leben tatsächlich von Bedeutung? Sicher ist: Selbst Tage, Wochen, Monate und Jahre nachdem wir «Life is Fruity» gesehen haben, werden wir an diesen Film zurückdenken.
Nicht umsonst läuft die kinoexklusive Dokumentation rund zehn Jahre nach ihrer Premiere regelmässig in den japanischen Lichtspieltheatern. Wir können nur hoffen, dass auch wir irgendwann nochmals die Gelegenheit bekommen, den Tsubatas einen Besuch abzustatten, um vergeblich zu versuchen, bittere wie freudige Tränen zurückzuhalten.


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