
Film ist eine Kunst. So weit, so klar. Zugleich ist er immer ein Konsumgut, ein Produkt, das wir meist zwecks Unterhaltung erwerben. Doch was wäre, wenn der Film auch ein Dienstleister wäre, dessen Service wir in Anspruch nehmen würden? Welche Dienstleistung ist gemeint? Indem wir uns beispielsweise ein Kinoticket kaufen, bezahlen wir die Filmschaffenden dafür, dass sie uns anlügen, damit wir fühlen können. Anstatt dass sie also unseren defekten Geschirrspüler reparieren, verschaffen sie uns Freude, Spass, Trauer, Spannung, Angst, Unbehagen, Lust … Die Schauspieler:innen nehmen dabei eine besondere Rolle ein, da sie als sichtbare Persönlichkeiten in unmittelbarem Kontakt mit der Kundschaft – uns – stehen und den Gefühls-Service erbringen.
Die japanische Regisseurin Hikari behandelt genau das in ihrem zweiten Spielfilm «Rental Family» (Deutschschweizer Kinostart war am 8. Januar), in dem ein Unternehmen einen Dienst für emotionsgeladene und kundengerechte Lügen anbietet. Die US-amerikanisch-japanische Koproduktion erzählt vom einsamen Schauspieler Phillip Vanderploeg (Brendan Fraser), der aus den Vereinigten Staaten stammt und seit sieben Jahren in Tokio lebt.
Da er kaum ein Engagement an Land zieht – sein grösster Coup war ein verrückter Werbespot für Zahnpasta –, nimmt er eines Tages eine Anstellung bei der Firma Rental Family an, die schauspielerische Dienstleistungen für die unterschiedlichsten Lebenssituationen offeriert. Egal, ob man seine eigene Beerdigung inszenieren möchte, einen längst verschollenen Vater aus der Versenkung holen will oder einfach nur jemanden braucht, der mit einem als Freund ein paar Videospiele zockt, Rental Family verspricht die passende Figur, um die gewünschten Gefühle heraufzubeschwören.
Filmfakten
Regie: Hikari
Drehbuch: Hikari, Stephen Blahut
Kamera: Takurō Ishizaka
Schnitt: Alan Baumgarten, Thomas A. Krueger
Musik: Jónsi, Alex Somers
Mit: Brendan Fraser, Takehiro Hira, Mari Yamamoto Shannon Mahina Gorman, Akira Emoto, Shino Shinozaki, Kimura Bun, Sei Matobu, Misato Morita, Tamae Ando
Produktionsland: USA, Japan
Länge: 110 Minuten
Kinostart Deutschschweiz: 8. Januar 2026
Der Film thematisiert dieses in Japan beliebte Geschäftsmodell, das auf viele gesellschaftliche Probleme verweist, allen voran die Tabuisierung von psychischen Erkrankungen. Er zeigt uns jedoch auch – und auf das will ich mich hier fokussieren – die interessante Beziehung zwischen Schauspieler:in und Zuschauer:in, zwischen Lüge und Wahrheit sowie zwischen Schein und Realität. Verpackt wird das Ganze in eine einfühlsame, sanfte und sehr sehenswerte Tragikomödie, die gelegentlich in den Kitsch abrutscht und meist vorhersehbar bleibt. Dennoch bewahrt sie sich einige Überraschungen und hat mit dem Oscarpreisträger Brendan Fraser einen Hauptdarsteller, der zu jeder Sekunde eine aufrichtige Güte und Wehmut ausdrückt.
Das Wahrhaftige in der Lüge
Wenn Phillip den Kund:innen seine Schauspieldienste bereitstellt, um die vereinbarten Emotionen zu wecken, bietet uns Brendan Fraser gleichzeitig dasselbe an, um im Publikum Emotionen hervorzurufen. Die Figuren, mit denen es Phillip während seiner Arbeit zu tun bekommt, spiegeln demnach uns Kinozuschauer:innen wider. Wie die Rental-Family-Kundschaft buchen wir uns Darsteller:innen samt Lügen und Gefühlen als Servicekomplettpaket. Einziger Unterschied: Wir gehen dafür ins Lichtspieltheater.
In diesem Zusammenhang – Kino als Dienstleister – machte der französische Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline in seinem Roman «Reise ans Ende der Nacht» aus dem Jahr 1932 einen treffenden Vergleich: «Das Kino hingegen, dieser kleine neue Angestellte im Dienst unserer Träume, den können wir kaufen, für eine Stunde oder zwei, wie eine Prostituierte.»
Phillip geht in «Rental Family» selbst zwei- oder dreimal zu einer Sexarbeiterin namens Lola (Tamae Ando), der er von seinem neuen Job erzählt. Lola meint dann, dass er nun in einem sehr ähnlichen Geschäft tätig sei wie sie. Beide würden einen Mangel an Zuneigung ausgleichen. Während sie Körperliches anbiete, offeriere er Emotionales. Wenn sich Phillip und Lola verabreden, kommen folglich diese beiden Seiten des Menschen zusammen.
Schafft das Kino nicht immer wieder genau das, eine Verbindung zwischen Seelischem und Physischem? Wenn zum Beispiel der Xenomorph in «Alien» (1979) sich den Weg aus Kanes (John Hurt) Brustkorb bahnt, sind wir doch voller Spannung und Angst, und zwar so sehr, dass es zu einer körperlichen Erfahrung wird. Oder wenn wir die Romanze in «Call Me by Your Name» (2017) verfolgen: Wir werden berührt von der Liebe zweier Männer, die derart intensiv ist, dass wir glauben, sie real mit dem eigenen Körper zu spüren.
Phillip bietet seinen Klient:innen in gewisser Weise ein tiefgehendes Kinoerlebnis, indem er lügt. Oder mit anderen Worten: Er erhält einen Schein aufrecht, exakt wie es ein Film tut. In diesem Schein wiederum kann etwas Wahrhaftiges verborgen liegen – eine Emotion, eine Erfahrung oder eine Erkenntnis über uns selbst, andere oder die Welt. Bezogen auf die Filmkunst ist «wahrhaftig» aber keineswegs mit dem Wort «real» gleichzusetzen. Realität kann ein fiktives Werk niemals wiedergeben. Genauso wenig ein dokumentarisches, weil auch bei einer Doku der Mensch in deren Gestaltung eingreift und dadurch die Realität manipuliert. Auf der Leinwand sehen wir nie und nimmer die Wirklichkeit, allerdings oft genug etwas Wahrhaftiges.
Mit seinem durchgehenden Spiel aus Lüge und Schein führt uns «Rental Family» die Kraft des Kinos vor Augen. An diese verliert er im Verlauf seiner Handlung jedoch den Glauben, wenn die Lüge als solche entlarvt wird. «Wahrhaftiges ist nur im echten Leben, in der Realität zu finden», sagt uns dieser Film und könnte dabei nicht falscher liegen. Und trotzdem sind wir, wenn der Abspann läuft, berührt von dem, was wir die letzten 110 Minuten gesehen haben. «Rental Family» entlässt uns mit einer bittersüssen Melancholie, die noch länger nachgewirkt hätte, wenn das Happy End weniger forciert gewesen wäre.
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