«Snake in the Eagle’s Shadow»: Von der Bruceploitation zu Jackie Chans Aufstieg

Nein, es gab nicht nur einen Bruce Lee, sondern gleich ein Dutzend – und Jackie Chan war einer davon. Der Erfolg als «Lee-alike» blieb aber aus. Der Durchbruch gelang ihm erst mit Yuen Woo-pings «Snake in the Eagle’s Shadow», dem Prototyp der Martial-Arts-Actionkomödie nach Chan-Art.

Adlerklaue gegen Schlangenbiss. | Bildmaterial: GDJ & OpenClipart-Vectors, bearbeitet von Jan Wattenhofer

Teil 1: Lee, Li, Lei und … Chan

Alle kennen’s: dieses nagende Gefühl, wenn man glaubt, einen Film irgendwie nicht richtig verstanden zu haben. Verloren hockt man in solchen Momenten da, zerbricht sich ohne Rast und Ruh den Kopf, einzig um zum Schluss zu kommen, dass man wirklich so dumm ist wie fünf Meter Feldweg. Solch eine Überforderung, die durchaus frustrierend ausfallen kann, brauchen wir jedoch hin und wieder, um zu lernen, was mit dem Medium Film überhaupt alles möglich ist. Hey, und wer weiss, vielleicht begreift man beim zweiten Sehen schon etwas mehr …

Ein Glück gibt’s aber auch Filmschaffende, die mit ihren Streifen eine universell verständliche Sprache sprechen. Jackie Chan ist einer davon. Die Martial-Arts-Actionkomödien, die er ab Ende der 1970er-Jahre zu drehen begann, sind überall auf der Welt gleichermassen einleuchtend. Keine komplexen Dialoge, keine verschachtelten Plots, keine vielschichtigen Figuren. Jackies Helden bewältigen simple Konflikte mit niederträchtigen Schuften, schneiden hier und da eine witzige Grimasse, bringen uns mit Akrobatik und Slapstick zum Lachen und hauen dem Bösen spektakulär aufs Maul. Ja, ich behaupte einfach mal, dass Jackie-Chan-Filme sogar ohne Tonspur funktionieren würden, genau wie die Streifen seiner Vorbilder aus der Stummfilmära: Charlie Chaplin, Buster Keaton und Harold Lloyd.

Wie gut und massentauglich die Mischung aus Kung-Fu und Humor funktioniert, durfte Jackie 1978 erstmals mit «Snake in the Eagle’s Shadow» beweisen. Noch im selben Jahr doppelte er mit «Drunken Master» – im Deutschen unter den sensationellen Titeln «Sie nannten ihn Knochenbrecher» und «Der Superbomber mit der schnellen Faust» bekannt – nach. Diese Streifen, beide entstanden unter der Regie von Yuen Woo-ping, katapultierten ihn hoch zum Firmament der Hongkonger Actionstars und liessen ausserdem das Martial-Arts-Genre neu erstrahlen, nachdem dessen hellster Stern am 20. Juli 1973 unerwartet erloschen war.

Warum ich nicht die deutschen Verleihtitel nutze

Obwohl ich auf «Einfach nur Film» in der Regel die deutschen Titel verwende, nenne ich die Werke im Folgenden bei ihren internationalen Verleihtiteln. Die Gründe sind simpel: Klarheit auf der Webseite und ein gewisser Ordnungswahn meinerseits. Denn man muss wissen, dass die Verleihfirmen im deutschsprachigen Raum Streifen, in denen Jackie Chan mitspielt, teilweise vollkommen willkürlich benannten, um sie besser zu vermarkten. Ein gutes Beispiel hierfür ist die «Powerman»-Trilogie, bei der die einzelnen Filme keinerlei inhaltliche Verbindungen aufweisen. «Powerman 2» etwa ist eigentlich der dritte Teil von Sammo Hungs «Lucky Stars»-Reihe …

Bruce Lee verstarb nur sechs Tage vor der Premiere von «Enter the Dragon», dem vierten und letzten vollständig abgedrehten Film mit ihm in der Hauptrolle. Der Streifen wurde ein weltweiter Box-Office-Hit, auf dem die Hongkonger Filmproduzenten weiter aufbauen wollten. Und das taten sie … auf Biegen und Brechen … denn endlich hatten sie Fuss gefasst auf dem westlichen Kinomarkt … Nur wie war es möglich, mit der Kampfsportlegende weiter Kohle zu scheffeln? … Warum musste ihnen ihr Kassenmagnet gerade jetzt wegsterben? … Geld! … Wie?!

Die ebenso einfache wie geniale Lösung ihres kniffligen Problems ist auf eine ganz leichte Wahrscheinlichkeitsrechnung herunterzubrechen. In den 1970er-Jahren umfasste die Weltbevölkerung circa vier Milliarden Menschen. Das wiederum bedeutete, dass aller Voraussicht nach irgendwo Leute existierten, die Bruce Lee verdammt ähnlich sehen mussten. Und die Produzenten behielten (selbstverständlich) recht … Tada! Die Bruceploitation war geboren!

Ab 1974 entstanden massenhaft Billigproduktionen mit Bruce-Lee-Imitatoren, die eifrig versuchten, an den Erfolg des Originals anzuknüpfen. Bei der Namensgebung ihrer «Lee-alikes» sprudelten die Studios vor Kreativität über! Nach Lust und Laune mal ein E aus dem Nachnamen gestrichen und zack, da stand er, Bruce Le. Oder wie wär’s, wenn man die Aussprache von Lee beibehält, aber andere Buchstaben verwendet? Klar, warum denn nicht! Hallo, Bruce Li! Wie geht’s, wie steht’s, Bruce Lie? Alles fit im Schritt, Bruce Ly? Grüss Gott, Bruce K. A. Lea … Verdammt, uns gehen die Buchstaben aus! Artikulation anpassen, aber zackig! … Bruce Lai, Bruce Thai, Bruce Lei (alias Dragon Lee) … Neue Idee: Wir behalten den Vornamen und ändern den Familiennamen komplett … Bruce Chen, Bruce Liang, ihr seid dran! … Halt, stopp! Geistesblitz! Wir behalten den Familiennamen und ändern den Vornamen komplett! … Absolut genial, Chef! … Bronson Lee klingt doch brutal cool! Apropos brutal … Ich hab’s, Brute Lee! … Wie viele braucht’s noch? … ’ne Menge, wir wollen ja unsere Taschen mit Moneten füllen! … Alles klar, ich schnapp mir einfach irgendeinen Namen aus dem Telefonbuch und klatsch ihn vorne hin! … Augenblick, bitte … Aha! Sehr schön! … Myron Bruce Lee! … Heureka! Alle Geringverdiener Schnauze halten, und zwar dalli! Das ist er, der perfekte Name! … (Pause für dramatischen Effekt) … Lee Bruce … Chef, Sie sind ein Genie!

Ungefähr in dem Stil lief’s wohl bei den Filmstudios ab. Und die Drehbuchautoren scheinen sich genauso prächtig amüsiert zu haben, wenn man einen flüchtigen Blick auf die Geschichten dieser Möchtegern-Bruce-Lee-Streifen wirft. Vorab ein Geständnis: Die folgenden vier Filme habe ich noch nicht gesehen (Schande über mich!), sondern nur darüber gelesen, unter anderem in diesem empfehlenswerten «Spiegel»-Artikel. Also, bereit?

In «Bruce Lee Fights Back from the Grave» (1976) schlägt zu Anfang ein Blitz auf Lees Grab ein und anschliessend geht’s um etwas vollkommen anderes. Genialer Plot-Twist oder radikaler Experimentalfilm? Wer weiss. Sicher ist: Für all diejenigen, denen das zu wenig Kung-Fu-Ikone ist, existiert «The Clones of Bruce Lee» (1980). Darin erschafft ein Wissenschaftler Klone der Kampfsportlegende und bildet aus diesen eine Spezialtruppe, die Kriminelle verkloppt. Dann ist da «The Dragon Lives Again» (1977) … Kurzversion des Plots: Bruce Lee kratzt ab, landet in der Hölle, macht eine Muckibude auf, wird von den nackigen Ehefrauen des Teufels umgarnt und verpasst mithilfe seines treuen Gehilfen Popeye dem Exorzisten, Don Vito Corleone, James Bond, Erotikdame Emmanuelle, Clint Eastwood und Graf Dracula eine Abreibung.

Tja, und zuletzt haben wir noch ein Machwerk, das weniger durch seine abstruse Story auffällt als vielmehr durch seinen Hauptdarsteller. Der war bereits in «Enter the Dragon» durch die Faust des wahrhaftigen Bruce Lee gestorben, bevor er, vermarktet als Nachfolger desselben, in «New Fist of Fury» (1976) zum ersten Mal prominent in einer grossen Kinoproduktion auftrat. Ihr fragt nach seinem Namen? Chan … Jackie Chan. Genau so heisst der Typ, der zwei Jahre danach mit der Kombination aus Action und Komödie endgültig seinen Durchbruch feierte und den Niedergang der «Lee-alikes» einläutete.

Teil 2: Meister und Schüler

Allein der Vorspann von «Snake in the Eagle’s Shadow» wischt mit diesen unzähligen billig zusammengeschusterten Bruceploitation-Streifen den Boden auf. Vor einem knallroten Hintergrund demonstriert uns ein 24-jähriger, voll im Saft stehender Jackie seinen Schlangenbiss. Wendig, elegant und gefährlich wie die Schuppenkriechtiere, die diese Technik inspiriert haben, schwingt er Arme und Beine zu den ausserirdischen Synthesizer-Klängen von «Magic Fly» der französischen Band Space. Diese 90 Sekunden deuten bereits auf drei bestimmende Elemente des Films hin: den Spass an Bewegung, die Kunst im Kung-Fu und den mitreissenden rhythmischen Tanz, den jede überzeugende Kampfchoreografie innehat.

Filmfakten

Originaltitel: 蛇形刁手 (Se ying diu sau)
Deutscher Titel: Die Schlange im Schatten des Adlers
Regie: Yuen Woo-ping
Drehbuch: Ng See-yuen, Hsiao Lung, Tsai Chi-kuang
Kamera: Chang Hai
Schnitt: Pan Hsiung
Musik: Chow Fu-liang, Ting Yuen-tai
Mit: Jackie Chan, Yuen Siu-tien, Hwang Jang-lee, Tino Wong Cheung, Dean Shek, Peter Chan Lung, Fung Ging-man, Roy Horan, Fung Hark-on, Chiang Kam, Chiu Chi-ling, Hsu Hsia
Produktionsland: Hongkong
Länge: 98 Minuten
Erscheinungsjahr: 1978

Wir können diese eineinhalb Minuten zudem als Teaser für zwei aussergewöhnliche Karrieren begreifen. Selbstredend für die des mittlerweile weltberühmten Hauptdarstellers, aber ebenfalls für jene von Yuen Woo-ping, der mit «Snake in the Eagle’s Shadow» sein Regiedebüt vorlegte. Über 30 Filme hat er bis heute inszeniert und das Hongkonger Martial-Arts-Kino massgeblich geprägt. Seine Spuren lassen sich sogar bis nach Hollywood zurückverfolgen. Unter anderem arbeitete er an den Actionsequenzen von Lana und Lilly Wachowskis «The Matrix» (1999) und Quentin Tarantinos «Kill Bill»-Filmen (2003/04), um nur die bekanntesten zwei Beispiele zu nennen.

Schon bei «Snake in the Eagle’s Shadow» kümmerte sich Yuen selbst um die Kung-Fu-Choreografien. Wobei, ganz alleine erdachte er die Kämpfe nicht, sondern erarbeitete sie mit dem Schauspieler und Regisseur Hsu Hsia, der im Film eine Nebenrolle als hinterhältiger Attentäter übernahm. Wie gross Jackies Einfluss auf die Ausgestaltung der Kloppereien war, lässt sich nur schwer sagen. Zweifelsohne muss er von Yuen einiges für zukünftige Projekte gelernt haben. Denn wir beobachten hier die Entstehung von Jackies unverkennbarem Stil – bestehend aus einem kurzweiligen Mix aus Komik, Akrobatik und Action –, den er in den folgenden Jahren als Filmemacher perfektionieren würde.

Von Perfektion ist diese einflussreiche Martial-Arts-Komödie aber noch ein ganzes Stückchen weit entfernt, genauso wie die Kampffertigkeiten ihres Protagonisten zu Beginn der Geschichte. Chien Fu (Jackie Chan) ist als Findelkind in einer Kung-Fu-Schule aufgewachsen, wo er allerdings niemals in die Kunst des Kämpfens eingeweiht wurde, dafür musste er seit jeher den «Putzlumpen spielen», wie es im Film so schön heisst. Und während er sich den Buckel krumm schuftet, darf er dem sadistischen Stümper … ähm, ich meine natürlich … Lehrer Li (Dean Shek) als Prügelknabe dienen, wenn dieser seinen Schülern wieder mal ein paar neue Schlagkombinationen beibringt. Chien Fu, um es kurz zu machen, ist ein armer, ausgebeuteter, untrainierter Tropf.

Zumindest so lange, bis er eines Tages einem Bettler zur Hilfe eilt, den gerade eine Handvoll Kung-Fu-Novizen aufmischen. Nach erfolgreicher Flucht bietet Chien Fu dem Fremden einen Unterschlupf, etwas Tee und eine Schale Reis an, ohne zu ahnen, dass es sich beim Alten um Pei Ching-yeng (Yuen Siu-tien) handelt, einen Meister der Schlangentechnik. Ehe Chien Fu sich versieht, steht ihm ein Sifu an der Seite, der ihn in die Kunst des Kampfes unterweist, zugleich aber auch in einen grösseren Konflikt verwickelt. Denn Pei Ching-yeng ist ein Rebell auf der Flucht vor den Anhängern der Adlerklauenschule. Ihr Oberhaupt Len Yün (Hwang Jang-lee) will sich höchstpersönlich um den betagten Meister kümmern.

Kaum hat uns Jackie im stylischen knallroten Vorspann die Gefahr des Schlangenbisses präsentiert, werfen uns die Drehbuchautoren Ng See-yuen, Hsiao Lung und Tsai Chi-kuang prompt in ebendiese Fehde. Regisseur Yuen Woo-ping nutzt einen einleitenden Schlagabtausch effektiv, um uns Len Yün mit einem genretypischen Crash-Zoom vorzustellen und ihn dann als unbesiegbaren Schurken sowie kaltblütigen Mörder einzuführen. So ist uns der Endgegner quasi ab Sekunde eins bekannt, und es wird niemanden überraschen, dass Chien Fu diesem Halunken früher oder später gehörig die Hucke vollhaut.

Dramaturgisch bleibt «Snake in the Eagle’s Shadow» also denkbar einfach strukturiert: Nichtskönner trifft auf Meister, Meister macht aus Nichtskönner einen Vielkönner, Vielkönner besiegt bösen Buben, Abspann. Der Zwist zwischen Rebellen und Adlerklauenschule dient hierfür als ordentlicher Aufhänger für die artistischen und ulkigen Actioneinlagen – und genau für die haben wir eingeschaltet! Yuen Woo-ping hält das Tempo der Erzählung angenehm hoch und wechselt Exposition, lustige Sprüche und Keilereien in einem ausgewogenen Rhythmus ab.

Darüber hinaus besiedeln diesen Film allerlei drollige Figuren, meist von charismatischen Darstellern verkörpert, die mit unterhaltsam theatralischer Mimik und Gestik aufspielen. Da wäre zum einen der Südkoreaner Hwang Jang-lee als schon erwähnter Bösewicht Len Yün, dessen charmantes Lächeln, auf dem ein dicker schwarzer Schnorres thront, so umwerfend ist wie sein Roundhouse-Kick. Zum anderen haben wir Dean Shek in der Rolle des wunderbar schmierigen Lehrers Li, der mit Hochgenuss den bemitleidenswerten Chien Fu schikaniert. Eine derart miese kleine Ratte ist er, dieser Lehrer, dass es wiederum für uns ein Hochgenuss ist, dabei zuzusehen, wenn er eins auf den Deckel bekommt.

Jackie Chan gibt hier sein Debüt in der Paraderolle, in die er noch Dutzende Male schlüpfen würde: der Verlierer, der eigentlich gar keinen Ärger möchte, sich in eine nachteilige Position manövriert und schliesslich doch den Sieg erringt. Lässig, humorvoll und liebenswürdig, als wäre er von einer höheren Macht dazu bestimmt, solche Figuren zu mimen, spielt er unseren Protagonisten Chien Fu. Sympathien sind ihm garantiert! Genauso wie dem Meister Pei Ching-yeng, dargestellt vom grossartigen Yuen Siu-tien, der wie ein älteres, aber nicht minder amüsantes Semester von Jackie Chan daherkommt. Fast könnte man meinen, die beiden seien verwandt gewesen, aber nein. Stattdessen war Yuen Siu-tien tatsächlich der Vater von Regisseur Yuen Woo-ping.

Wie exzellent Jackie und Yuen senior aufeinander abgestimmt waren, ist ab dem ersten Moment bemerkbar, wenn sie sich gemeinsam gegen einen Trupp Schläger zur Wehr setzen. Dieses urkomische Zweigespann wirkt so eingespielt, tritt so selbstverständlich und unzertrennlich auf, als hätten sie vor «Snake in the Eagle’s Shadow» schon 25 gemeinsame Streifen runtergedreht. Dadurch hinterfragen wir niemals das starke Freundschaftsband, das nach nur wenigen Szenen zwischen Chien Fu und dem Meister geschnürt wird. Zumal sich auch ihre Lebenswelten ähneln, denn beide sind sie mittellos. Während der eine misshandelt wird, dafür aber regelmässig eine Mahlzeit kriegt, kann sich der andere zwar verteidigen, bekommt jedoch zu selten etwas zwischen die Beisser. Gegenseitig helfen sie sich aus der Patsche. Was auf Erden könnte zwei Kumpels enger zusammenschweissen als geteiltes Leid? …

Teil 3: Kung-Fu mit Taktgefühl

… Na klar, Kung-Fu! Als Meister Pei Ching-yeng für eine Weile verschwinden muss, hinterlässt er Chien Fu mit Kohle gezeichnete Fussspuren am Boden und eine Nachricht: «Drehschritte und Sprünge üben. Krafttraining für Arme und Beine. Du musst beweglicher werden. Leicht wie die Luft, schnell wie ein Blitz, geschmeidig und biegsam wie ein Grashalm im Wind.» Diesmal ist es nicht Space, die die sphärische Musik für die folgende Trainingsmontage beisteuert, sondern Jean-Michel Jarre mit «Oxygène Part 2». Die Übungen führen zu ersten Erfolgen. Wenn der Prügelknabe zum Dienst antraben muss, kann er den Schlägen immerhin ausweichen, ganz zu Lehrer Lis Unmut.

Nach einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Leuteschinder türmt Chien Fu aus der Schule und begegnet zufällig wieder seinem Sifu, der in einen Hinterhalt geraten ist und eine verheerende Wunde davongetragen hat. Chien Fu pflegt den alten Mann wieder gesund. Nun endlich ist es so weit, das richtige Training könnte beginnen, damit aus Chien Fu ein fähiger Kämpfer wird. Allerdings hat Pei Ching-yeng drei Bedingungen, bevor er seinem Schüler die Schlangentechnik beibringt.

Erstens: Der Meister will niemals Meister genannt werden. «Warum nicht?», fragt Chien Fu, woraufhin der Alte entgegnet: «Weil du mein bester Freund bist, Junge.»

Zweitens: Chien Fu darf niemals zeigen, dass er Kung-Fu beherrscht – es sei denn, ein drängender Notfall verlangt es.

Drittens: Niemals darf sich der Schüler in einen Kampf seines besten Freundes einmischen, selbst dann nicht, wenn dieser unterlegen ist.

Obligatorische Trainingsmontage, Kraftübungen, Kondition, Schweiss, Qualen, Schmerzen, ein Gag und am Ende kann sich Chien Fus Schlangenbiss mehr als sehen lassen. Und wie’s der Zufall will, ergibt sich schnurstracks die passende Notlage, um direkt mal zuzubeissen.

Die Martial-Arts-Choreografien zeichnen sich durch rhythmische Bewegungen aus, als kämpften die Darsteller zum gleichmässigen Klicken eines Metronoms. Der Takt ist derart klar, dass wir oft mitzählen können, wann ein Schlag auf einen der Fighter trifft: eins, zwei, drei, vier, eins, zwei, drei, vier, Schnitt! Beim Zählen hilft, dass jeder Schlag knallt wie ein Peitschenhieb, was den Rhythmus der tanzähnlichen Choreografien noch mal deutlich hervorhebt. In Jackies späteren Filmen – vor allem in jenen, die er ab Mitte der 80er-Jahre drehte – können wir sehen, wie er den bei Yuen Woo-ping gelernten Kampftakt verfeinert, variiert und das Tempo beeindruckend erhöht.

Zum Rhythmus von «Snake in the Eagle’s Shadow» gesellen sich eine Kamera, die die Prügeleien hauptsächlich in statischen Totalen einfängt, und eine Montage, die den Bewegungsfluss der Akrobatik- und Kampfeinlagen mit gezielten Schnitten aufrechterhält. In Kombination führt das zu ruhigen, übersichtlichen und harmonisch getakteten Bildern, die uns nichts von der spassigen Action verheimlichen. Wir sehen alles, und zwar immer.

Und das ist nur fair, da uns der Film einiges zu zeigen hat, worüber wir lachen und staunen dürfen. Da wird mit Stäbchen und Reisschale geprügelt, der eigene Kopf und der Hintern dienen als Rammbock, zum Ausweichen nutzt man Hechtrollen und Drehsprünge und selbst mit Angriffen auf die Klöten wird nicht gespart. Dem einen gibt Chien Fu einen Handrückenhieb zwischen die Beine und ergänzt den nett gemeinten Ratschlag: «Leg dir Eis auf deinen Klingelbeutel, das hilft.» Doch damit nicht genug Eiertütschen, denn unser Held scheint eine gewisse Vorliebe für Schläge in diese empfindliche Körperregion zu haben! Mit einem brillanten Todesstoss auf Sack und Gemächt bezwingt er einen Missionar (Roy Horan), der in Wahrheit gar kein Missionar ist. Sein eigenes Ableben untermalt der Geistliche mit übertriebenem Geschrei und geradezu wunderschönen Fratzen. Mit anderen Worten: eine Szene für die Ewigkeit!

Trotz aller Highlights ist dennoch erkennbar, dass es sich bei diesem Streifen um die erste Martial-Arts-Actionkomödie nach Chan’scher Formel handelt. Zwar sind alle Zutaten präsent, doch die Schlagzahl an guten Sprüchen, kreativen Einfällen in den Kampfchoreografien und Stunts mit Wow-Effekt fällt gerade verglichen mit dem direkten Nachfolger «Drunken Master», der nur wenige Monate nach «Snake in the Eagle’s Shadow» erschien, leider geringer aus. Der Vergleich dieser zwei Filme passt auch deshalb wie die Faust aufs Auge, weil Cast und Crew vor und hinter der Kamera mehrheitlich identisch sind. Zudem ähneln sich Dramaturgie und Figurenkonstellationen stark, wobei in «Drunken Master» freilich alles etwas versoffener vonstattengeht.

Und natürlich teilen sich die beiden Werke ebenfalls die Besetzung des Antagonisten: Hwang Jang-lee. Als Len Yün in «Snake in the Eagle’s Shadow» bringt er Pei Ching-yeng ganz schön ins Schwitzen, so sehr sogar, dass Chien Fu die dritte Regel seines Freundes brechen und in dessen Kampf eingreifen muss. In petto hat der Jungspund gleich eine neue Kampftechnik: die Tigerpranke – abgeguckt von und getauft nach seinem Kater namens … Tiger. Gegen die phänomenale Kombination aus Grosskatze und Reptil wirken die scharfen Klauen des Adlers wie Zahnstocher. Len Yün ist besiegt.

Völlig ungeschoren ist Chien Fu aber nicht davongekommen … Moment, ich muss wohl eher schreiben: ist Jackie nicht davongekommen. Unerfreulicherweise erlebte er nämlich während der Aufnahmen zum Finale, wie hart Hwang Jang-lee tatsächlich war. Der südkoreanische Kampfsportler schlug ihm mit einem seiner berühmten Tritte einen Vorderzahn aus. Gemessen an den zahlreichen – teilweise lebensgefährlichen – Verletzungen, die Jackie sich in seiner weiteren Karriere noch zuziehen sollte, eine kaum nennenswerte Blessur.

Na ja, selbst der halsbrecherischste Actionstar fängt mal klein an …

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