
Die Filme des Hongkonger Martial-Arts-Action-Kino der 80er-Jahre folgen einer gewissen Tradition: Ausserhalb ihres Produktionslandes lümmeln sie unter vielen Namen herum. Als Beispiel nehmen wir einen Actionklopper von Sammo Hung aus dem Jahr 1988, in dem Jackie Chan die Hauptrolle mimte. Für die internationale Vermarktung wurde der Streifen «Dragons Forever» getauft, er ist aber ebenfalls als «Three Brothers» bekannt, in Japan wiederum heisst er «Cyclone Z». Und im deutschsprachigen Raum? Da nannte der Verleiher ihn schlicht «Action Hunter» … unter den erwähnten Namen sicher der langweiligste und nichtssagendste. Übrigens: Der kantonesische Originaltitel «Fei Lung Maang Jeung» bedeutet wörtlich übersetzt «Fliegender Drache, wilde Herausforderung».
Warum ich ausnahmsweise nicht die deutschen Verleihtitel nutze
Obwohl ich auf «Einfach nur Film» in der Regel den deutschen Titel verwende, nenne ich die Werke im Folgenden bei ihren internationalen Verleihtiteln. Die Gründe sind simpel: Klarheit auf der Webseite und ein gewisser Ordnungswahn meinerseits. Denn man muss wissen, dass die Verleihfirmen im deutschsprachigen Raum Streifen, in denen Jackie Chan mitspielte, teilweise vollkommen willkürlich benannten, um sie besser zu vermarkten. Der offensichtlichste Beweis hierfür ist die «Powerman»-Trilogie, bei der die einzelnen Filme keinerlei inhaltliche Verbindungen aufweisen. «Powerman 2» beispielsweise ist eigentlich der dritte Teil von Sammo Hungs «Lucky Stars»-Reihe …
Der Tradition weiter folgend, trägt «Dragons Forever» nicht nur fünf verschiedene Titel, sondern ist zudem in fast so vielen Schnittfassungen erschienen. Zum einen gibt’s die ursprüngliche Kinoversion aus Hongkong mit einer Länge von 94 Minuten (diese habe ich mir für diesen Beitrag angeschaut, auf Kantonesisch mit englischen Untertiteln). Zum anderen existiert eine Fassung für das internationale Publikum mit derselben Laufzeit. Einen vier Minuten längeren Cut bekamen die Japaner:innen zu sehen – und mit leichter Verspätung dann auch die deutschsprachigen Zuschauenden. Der deutsche Verleiher Splendid hat eine eigene Langfassung erstellt, indem er zusätzliche Szenen aus der internationalen Version in die Hongkong-Fassung hineinschnitt.
Filmfakten
Originaltitel: 飛龍猛將 / 飞龙猛将
Deutscher Titel: Action Hunter
Alternative Titel: Three Brothers / Cyclone Z
Regie: Sammo Hung
Drehbuch: Chuek-hon Szeto
Kamera: Jimmy Leung, Joseph Cheung
Schnitt: Joseph Chiang, Peter Cheung
Musik: James Wong Jim
Mit: Jackie Chan, Sammo Hung, Yuen Biao, Deannie Yip, Pauline Yeung, Yuen Wah, Benny «The Jet» Urquidez
Produktionsland: Hongkong
Länge: 94 Minuten (Hongkong- und International-Cut) / 98 Minuten (japanische und deutsche Fassung)
Erscheinungsjahr: 1988
Puh … nun da das geklärt ist, und alle durchblicken, kommen wir endlich zum Film selbst, angefangen bei der Handlung: Jackie Lung (Jackie Chan) ist ein Anwalt, der von einer zwielichtigen Chemiefirma angeheuert wird, um diese vor Gericht zu vertreten. Denn die Fischereibesitzerin Miss Yip (Deannie Yip), mit Unterstützung der Umweltwissenschaftlerin Mei-ling (Pauline Yeung), verklagt das Unternehmen, weil es mit seinen giftigen Abfällen die örtliche Küste verpestet und dadurch die Fischbestände gefährdet. Mithilfe seiner zwei Bekannten, dem Waffenhändler Fei-hung (Sammo Hung) und dem Erfinder sowie Kriminellen Tak-Biao (Yuen Biao), soll Jackie sich Informationen über die Fischerei erschwindeln, um den Fall für die Umweltverschmutzer zu gewinnen. Blöd nur, dass sowohl er selbst als auch Fei-hung sich verlieben und dem wahren Kerngeschäft der Chemiefirma auf die Schliche kommen.
Das Dickerchen, der Sidekick und der Verlierer
«Dragons Forever» ist die bis dato letzte Zusammenarbeit der sogenannten «drei Brüder» Jackie Chan, Sammo Hung und Yuen Biao, die sich im Kindesalter an der China Drama Academy kennenlernten. Kampfkunst, Akrobatik, Gesang und Schauspiel standen auf dem Stundenplan ihrer Peking-Oper-Ausbildung. Von da war der Weg in die Filmindustrie nicht mehr weit. Sie wurden zuerst Stuntmen und Schauspieler, dann Actionchoreografen und Regisseure. Vor allem Chan und Hung setzten mit ihrer Actioninszenierung neue Massstäbe im 80er-Jahre-Martial-Arts-Kino.
Wenn die Brüder sich verbündeten, um gemeinsam einen Streifen zu realisieren, hörten die Produzenten die Kassen so laut klingeln, dass sie Monate später noch Ohrensausen hatten. «Project A» (1983) und «Wheels on Meals» (1984) sowie Hungs «Lucky Stars»-Trilogie, bestehend aus den Filmen «Winners & Sinners» (1983), «My Lucky Stars» (1985) und «Twinkle, Twinkle, Lucky Stars» (1985), waren allesamt Riesenerfolge.
«Dragons Forever» hingegen blieb laut Filmkritiker Scott Harrison und seinem Essay «The Difficult Third Movie – Dragons Forever: From Pariah to Classic» (im beiliegenden Booklet der Blu-ray von 88 Films) sowohl in Hongkong als auch international hinter den Erwartungen zurück. «Es schien, als liege der Grund für die negative Reaktion des Publikums in der Wahl der Rollen, für die sich Chan, Hung und Biao entschieden hatten», schreibt er.
Gewöhnlich waren die drei auf bestimmte Typen festgelegt: Hung verkörperte aufgrund seiner etwas fülligeren Statur oft das tollpatschige, treudoofe Dickerchen, das jedoch genauso hart und dynamisch zuschlagen konnte wie seine Gefährten; Biao war häufig als sympathischer wie akrobatischer Sidekick zu sehen, der seinen Freunden mit Tritt und Faustschlag zur Seite stand; und Chan spielte meist den «liebenswerten, grossherzigen Verlierer», wie Harrison ihn beschreibt. In «Dragons Forever» allerdings schlüpften sie tatsächlich in eher untypische Rollen, die sich – zumindest bis etwa ins letzte Drittel des Films – als stark ambivalent charakterisieren lassen, ohne auf alle zuvor etablierten Wesenszüge zu verzichten.
Das führt zu einer netten Abwandlung der altbekannten Typen. Aus dem Dickerchen wird ein korpulenter Waffenhändler, der mit seinen Deals für Tod und Verderben sorgt, selbst wenn das nie gezeigt wird. Der Sidekick gerät zum erfinderischen, aber leicht verrückten Kriminellen, der kommunistische Goldfische in Plastikschläuchen hält. Und der einstige Verlierer wird zum selbstgefälligen Anwalt und Schürzenjäger, der für Geld und Frauen gerne vergisst, dass er eigentlich Gesetz und Moral vertreten sollte.
Man könnte beinahe meinen, ich hätte die Schurken beschrieben, doch diese treten in Gestalt des Chemiekonzernchefs Hsien-Wu und dessen niederträchtigen Entourage auf. Yuen Wah, ein alter Freund der «drei Brüder» aus Peking-Oper-Zeiten, mimte den Chef und machte aus ihm einen unterhaltsamen Comic-Kapitalisten ohne Gewissen, der viel zu gerne an seiner Zigarre nuckelt und von Umweltschutz und dergleichen nichts wissen will – ganz zum Leidwesen von Mei-ling und Miss Yip.
Die beiden unabhängigen Frauen zeigen den Männern mit Köpfchen (oder manchmal mit Nunchaku), wo’s langgeht. Trotzdem sind sie nicht gegen die Liebe gefeit. Um das Gerichtsverfahren zu gewinnen, schleimt sich Jackie bei der Umweltwissenschaftlerin ein und bezahlt Fei-hung dafür, bei der Fischereibesitzerin anzubandeln. Wir kennen den Ablauf solcher Romanzen aus Streifen wie «10 Things I Hate About You» (1999) und vielen anderen: Aus einem Auftrag, sich an jemanden ranzumachen, wird plötzlich echte Liebe. Das zeigt uns «Dragons Forever» in einer der kitschigeren Varianten, begleitet von James Wong Jims schmalzigem 80’s-Cantopop-Score.
Die Liebesgeschichte wäre an sich nicht störend – zumal sie mit ein paar durchaus witzigen Slapstick-Momenten aufwartet –, doch ihre Dosierung ist das Problem. Mehr Minuten, als nötig wären, werden wir gezwungen, einer Schnulze zu folgen, deren Ausgang von der ersten Sekunde an so vorhersehbar ist, wie die Tatsache, dass in einem Film mit den «drei Brüdern» die Fäuste fliegen.
So geht Action!
Ach … und wie spektakulär diese abermals fliegen, während Restaurants, Bars, Appartements und Yachten in Mitleidenschaft gezogen werden! Die Umgebung ist in Sammo-Hung- oder Jackie-Chan-Streifen immer Teil der brillanten Kampfchoreografien. Was in Griffweite rumliegt, dient als Waffe – Nahrungsmittel eingeschlossen. Dass man mit Essen nicht spielt, lernt man schon als Kind, doch wenn derart effektvoll damit rumhantiert wird, sind wir gewillt, den Food Waste zu verzeihen.
Und kein Wunder tun wir das, denn wir haben es hier mit echten Profis zu tun … also nicht im Lebensmittelverschwenden, sondern im kreativen Prügeln. Wobei «Profis» wohl kaum die angemessene Bezeichnung ist. Nein, die Leute, die vor unseren Augen halsbrecherische Stunts und Keilereien ausführen, haben jahrelanges, vielleicht eher jahrzehntelanges Training hinter sich, während dem sie ihre Kampffertigkeiten zur wahren Kunst ausgestalteten.
Diese Kunst muss mit der Kamera erst richtig eingefangen werden, um zu wirken, was für Sammo Hung zu jener Zeit bereits Routine war. Nach seinen vorherigen Regiearbeiten inszenierte er seine Fights auch in «Dragons Forever» mit einer atemberaubenden Dynamik, einer irren Akrobatik, ein wenig Humor und einem sagenhaften Rhythmus, der durch perfekt gesetzte Schnitte innerhalb der rasanten wie wuchtigen Action entsteht. Beinahe bei jedem Kick, Kinnhaken oder Sturz verzieht es uns schmerzerfüllt das Gesicht. Teilweise fallen die Stuntmen aus schwindelerregenden Höhen und prallen auf ihrem Weg zum Boden noch an stein- oder stahlharten Hindernissen ab. Verdammt, tut das weh! Besonders wenn Hung uns die Kraft einzelner Aktionen in erstaunlichen Zeitlupen vorführt.
Obendrein zeichnet sich die Action durch eine Klarheit aus, die trotz des ganzen Tumults niemals verloren geht. Stets wissen wir, wer gerade was tut oder wer gegen wen kämpft. Das haben wir der präzisen Positionierung der Kamera sowie der Kadrage zu verdanken, aber ebenso den Kostümen, an denen wir durch farbliche Unterschiede immer erkennen, welche Figuren sich gerade die Köpfe einschlagen.
Eine Ausnahme in dieser Klarheit gibt es jedoch: Eine Szene, in der Jackie Chan mit Yuen Biao kämpft, läuft im Dunkeln ab, wobei die Übersicht etwas flöten geht. Und ja … zwischen dem Brüder-Trio kommt’s hier des Öfteren zu Raufereien, die den spassigsten Slapstick des Films bieten. Sie raffen sich fürs Finale natürlich zusammen, um der Chemiefirma endgültig das Handwerk zu legen. Motivation dafür ist weniger ihr Bewusstsein für Umweltschutz, – obwohl dieser ein Nebeneffekt ist –, sondern die Liebe zu ihren neuen Bekanntschaften und die Freundschaft untereinander.
Rematch: Jackie Chan vs. Benny «The Jet» Urquidez
Für den Endkampf in einem versteckten Untergrundlabor liess Sammo Hung zwei Martial-Arts-Lichtgestalten aufeinanderprallen. In der einen Ecke das hellste Sternchen des Hongkonger Filmfirmaments: Jackie Chan. In der anderen Ecke eine lebende Kampfkunstlegende: der US-Amerikaner Benny «The Jet» Urquidez. Blitzartig bläut uns «Dragons Forever» ein, was für eine Urgewalt Urquidez darstellt. Ein einziger Tritt von ihm hat die Power ein Dutzend Männer wegzuschleudern, als wären sie Pins beim Bowling. Also ein unbezwingbarer Kontrahent für Jackie?
Wer Hungs «Wheels on Meals» gesehen hat, kann die Frage mit einem Nein beantworten. Darin sind die beiden schon einmal gegeneinander angetreten und haben sich einen Fight für die Ewigkeit geliefert, der nur schwer zu überbieten ist (über diesen Kampf wird in einem zukünftigen Beitrag noch ausführlich zu schreiben sein). Doch Hung versuchte es dennoch. «Der Regisseur war von der Leistung des ehemaligen Kickbox-Champions in der Komödie von 1984 so beeindruckt gewesen, dass er der Meinung war, eine ‹Revanche› sei längst überfällig», schreibt Filmkritiker Scott Harrison.
Um dem Rematch einen leicht anderen Anstrich zu geben, hatte Urquidez laut Harrison einen besonderen Einfall. Er wollte unheilvoller und bedrohlicher aussehen, weshalb er seine tief liegenden Augen mit schwarzem Eyeliner betonte. Notwendig wäre das nicht gewesen, ist «The Jet» doch schon ohne Schminke ein Kampfkunstmonster, das gegen Chan ein fulminantes Duell austrägt. Die Körperlichkeit, die Wucht, die Geschwindigkeit, die Intensität – der Schlagabtausch ist schlicht imposant, kommt an jenen aus «Wheels on Meals» allerdings nicht heran.
Choreografie, Tempo und Eindringlichkeit wirken in «Wheels on Meals» noch zwei Stufen überzeugender. Ausserdem fällt in «Dragons Forever» ein kleiner Makel in den Zeitlupen auf, denn wir können ganz eindeutig erkennen, dass Chan und Urquidez nicht jeden Stunt selbst ausgeführt haben, was uns etwas aus der Immersion des Fights reisst. Viel wichtiger noch bei der Bewertung: Der erste Zweikampf erzählt eine eigene Geschichte von Überschätzung, Unterlegenheit, Lernbereitschaft und beiderseitigem Respekt, eingewoben in einen mitreissenden Spannungsbogen. Eine Sache, die der Revanche fehlt.
Und genauso fehlen dem letzten gemeinsamen Film von Jackie Chan, Sammo Hung und Yuen Biao – abgesehen vom beschriebenen Rückkampf – wirklich erinnerungswürdige Action-Set-Pieces, wie zum Beispiel der Burg-Showdown in «Wheels on Meals», der Baustellenkampf in «Mr. Nice Guy» (1997), das Finale im Einkaufszentrum in «Police Story» (1985) oder die Schlägerei gegen die Lederamazonen aus «Armour of God» (1986) …
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