Luca Guadagninos «Call Me by Your Name»: Mit allen Sinnen lieben

Fast zehn Jahre nach seinem Erscheinen ist es in Stein gemeisselt: Luca Guadagninos «Call Me by Your Name» zählt zu den sinnlichsten Liebesfilmen aller Zeiten. Nicht nur sehen und hören wir diese Romanze, wir erleben sie leibhaftig. Doch wie genau gelingt es dem Werk, all unsere Sinne zugleich anzusprechen?

Süsse Pfirsiche aus der Lombardei, die einen unvergesslichen Sommer versprechen. | Bildmaterial: Vizetelly, bearbeitet von Jan Wattenhofer

I. Sommer 1983 … irgendwo in Norditalien

Der Usurpator marschiert ohne Heer auf. Er ganz alleine stellt die Streitmacht, die alles und jeden im Sturm erobern wird. Ohne Gewalt. Mit Charisma, Charme und Anmut entwaffnet er sein Gegenüber. Er hört auf den Namen Oliver (Armie Hammer), ein Amerikaner, 24 Jahre alt. In einem blattgrünen Fiat 127 erreicht er das Urlaubsdomizil der Familie Perlman, wo er an seiner Dissertation schreiben und Mr. Perlman (Michael Stuhlbarg), einem Archäologieprofessor, bei dessen Forschung assistieren wird.

Jeden Sommer laden der Professor und seine Frau Annella (Amira Casar) einen jungen Doktoranden in ihre norditalienische Residenz ein. Aber noch nie weilte jemand mit einer solchen Anziehungskraft in der Villa, einer Anziehungskraft, der sich auch der 17-jährige Elio Perlman (Timothée Chalamet) nur schwer erwehren kann. Der Usurpator besetzt Elios Zimmer, während der Teenager sein Quartier im Raum nebenan einrichten muss. Sie teilen sich das Bad.

In den kommenden sechs Wochen liest Elio Buch um Buch, er musiziert, tanzt, isst, faulenzt in der Sonne, kühlt sich im Wasser ab, geniesst das süsse Leben. Und er verliebt sich … er verliebt sich so unsterblich in Oliver, dass es ihm körperliche Qualen bereitet, als der «americano» wieder abreisen muss.

Filmfakten

Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: James Ivory
Kamera: Sayombhu Mukdeeprom
Schnitt: Walter Fasano
Musik: Sufjan Stevens
Mit: Timothée Chalamet, Armie Hammer, Michael Stuhlbarg, Amira Casar, Esther Garrel, Victoire Du Bois, Vanda Capriolo, Antonio Rimoldi
Produktionsland: Italien, Frankreich, USA, Brasilien
Länge: 133 Minuten
Erscheinungsjahr: 2017

Davon erzählt Luca Guadagninos «Call Me by Your Name» (2017), einer der sinnlichsten Liebesfilme, die jemals gedreht wurden, und einer jener wenigen Filme, die seine literarische Vorlage überflügeln. Diese erschien 2007 unter demselben Titel und stammt aus der Feder des italienisch-amerikanischen Schriftstellers André Aciman.

Doch wie gelingt «Call Me by Your Name» diese einzigartige Sinnlichkeit? Indem er einerseits Bilder voller Sehnsucht und Erotik erschafft, nach denen sich unsere Augen verzehren, und andererseits eine Geräuschkulisse erzeugt, die jede noch so kleine Berührung hörbar macht. Vor allem die Art und Weise, wie sich dieser Film anhört, führt in Kombination mit der sehnsuchtsvollen Kamera zu einem Effekt, der nur bei ganz besonderen Werken entsteht: «Call Me by Your Name» spricht jeden einzelnen unserer Sinne an. Natürlich sehen und hören wir, doch genauso riechen, schmecken und fühlen wir diesen Film, als verbrächten wir selbst eine letzte Nacht mit unserer grossen Liebe, bevor sie für alle Zeit aus dieser Welt verschwindet.

II. Sehen

Elios grosse Liebe wird noch mehr als einen Monat verweilen, immerhin hat der Sommer erst begonnen. Oliver – und wir – lernen die Perlmans, diese wohlhabende, gebildete und kultivierte Akademikerfamilie, in deren Haus Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch widerhallen, gemächlich kennen. Ganz selbstverständlich wird in den alltäglichen Diskussionen am Frühstücks- oder Abendbrottisch die Sprache hin- und hergewechselt. Niemals jedoch wirken die Perlmans überheblich oder protzig. Geld und Status haben sie nicht verdorben, sie stehen mit den Füssen fest am Boden, und wir können davon ausgehen, dass sie noch wissen, wie viel ein Liter Milch im Laden kostet. Die Perlmans sind menschlich und freundlich und mitfühlend, aber nicht unfehlbar. Elio hat es gut. Besser als die meisten.

Er ist der Ich-Erzähler des Films, ohne dass nur einmal eine Stimme aus dem Off zu hören ist. Wir folgen ihm und nehmen – mit der Ausnahme von zwei kurzen Szenen – seine Sicht ein, die zu Anfang diejenige eines Beobachters bleibt. Oliver scheint in weiter Ferne, obwohl er das Schlafzimmer direkt nebenan bewohnt. In Elios Augen erkennen wir eine tiefe Unsicherheit darüber, wie er sich dem Angebeteten nähern soll. Eine Unsicherheit, die uns allen vertraut sein dürfte. In seinen Augen spiegelt sich Begehren wider. Und Eifersucht … als er mitansehen muss, wie Oliver mit der hübschen Chiara (Victoire Du Bois) eng umschlungen tanzt und seine Lippen auf ihre treffen.

Mit Elios Augen schmachten wir keineswegs einzig und allein Oliver an, nein, wir nehmen ebenfalls die mediterrane Leichtigkeit eines italienischen Sommers wahr: die saftigen Gräser und schattenspendenden Bäume, die reifen Pfirsiche, die rot-orange aufflammen wie die Oberfläche der Sonne, die kürzlich getragenen, noch immer feuchten Badehosen – eine ist rot, die andere gelb, die dritte grün – die Körper des zarten Elio, der athletischen Französin Marzia (Esther Garrel), die von Elio mehr will als Freundschaft, und des makellosen Oliver.

Ach, Oliver … verführerisch, schlau, leger, elegant, wie die Männerskulpturen aus Marmor oder Bronze, an denen Mr. Perlman forscht. «Diese Statuen sind in sich nicht gerade, sie sind alle gekrümmt. Manchmal unmöglich gekrümmt. Und sie sind durch ihre zeitlose Ambiguität so ungehemmt, als würden sie uns herausfordern, sie zu begehren.» Worte, die auf Olivers Strahlkraft genauso zutreffen.

Oliver fordert Elio heraus, ebenso fordert Elio Oliver heraus. «Alles zerstreut sich und sammelt sich, entfernt sich und kommt sich näher», steht in den Fragmenten des antiken griechischen Philosophen Heraklit von Ephesos geschrieben. «Call Me by Your Name» besteht zu grossen Teilen aus einem schmachtenden, zaghaften Annähern und Wegstossen. Wir sehen, wie Oliver beim Volleyballspielen Körperkontakt zu Elio sucht, indem er ihm die verspannten Schultern massiert. Annähern. Elio erzählt in Anwesenheit von Oliver, dass er beinahe mit Marzia geschlafen habe, um ihn neidisch zu machen. Wegstossen. Oliver lädt Elio ein, zusammen schwimmen zu gehen. Annähern. Elio tut uninteressiert. Wegstossen.

Doch Elio kann noch so viel Desinteresse vortäuschen und sich noch so oft vormachen, dass er Oliver nicht lieben, sondern hassen lernt – wenn der Stuhl des Amerikaners beim Abendessen leer bleibt und Elio bloss vermuten kann, wo und mit wem sich Oliver gerade herumtreibt, bringt ihn das fast um. In einer Szene verrückt Elios Schwermut darüber, dass Oliver nicht bei ihm sitzt, den Zelluloidstreifen in der Kamera. Verschiedenfarbig flackert das Bild, wir erkennen hin und wieder die Perforationslöcher des Filmmaterials, während Elio hinter den Lichtblitzen von Sehnsucht regelrecht zerrissen wird.

Dass jede Einstellung von «Call Me by Your Name» derart intensiv ist, ja, dass wir uns in jeder Szene so verlieren, als verlebten wir selbst ein paar Wochen im Domizil der Perlmans, hat auch damit zu tun, dass Regisseur Luca Guadagnino und sein thailändischer Kameramann Sayombhu Mukdeeprom nicht digital drehten, sondern auf 35-mm-Film. Wie könnte man die Körperlichkeit dieser Liebesgeschichte auf andere Weise greifbar machen als mit Bildern, die auf Zelluloid festgehalten sind, die also selbst eine eigene Körperlichkeit besitzen? Eine Videodatei – oder mit anderen Worten ein kalter, strikt geregelter Binärcode – könnte niemals die vielschichtigen, leidenschaftlich flirrenden Empfindungen wiedergeben, die zwischen Elio und Oliver herrschen. Zelluloid lebt, es verändert sich, kümmert man sich nicht darum, verfällt es, wird unbrauchbar und findet sein Ende, ähnlich wie die Liebe zweier Menschen. Digitale Daten hingegen sind im Vergleich häufig Totgeburten und gleichzeitig schwer totzukriegen, sobald man sie einmal freilässt.

Nun spricht aus mir vielleicht ein Romantiker, der das Drehen auf echtem Film verklärt. Es könnte zugleich eine Art cineastischer Placeboeffekt im Spiel sein: Ich weiss (und ihr nun ebenso), dass «Call Me by Your Name» auf 35-mm-Zelluloidstreifen gedreht wurde, und bilde mir die angeblich wahrnehmbare Lebendigkeit des Filmmaterials schlicht ein … Ach, und selbst wenn, es ändert nichts daran, dass mir alles in diesem Film so viel kraftvoller erscheint als in den meisten anderen Produktionen, die Woche für Woche im Kino anlaufen. Die Sonnenstrahlen strahlen kräftiger, die Blumen blühen schöner, die Hitze ist heisser, der Sommer war noch nie sommerlicher.

Es ist die perfekte Illusion, erschaffen unter den denkbar ungünstigsten Wetterbedingungen. Die meisten Aufnahmen für «Call Me by Your Name» entstanden innerhalb von 34 Drehtagen in der lombardischen Stadt Crema sowie deren Umgebung. An 28 davon regnete es heftig. Was im Film so aussieht, als wäre jede Szene ganz einfach mit natürlichem Licht gedreht worden, war aufwändige Arbeit. Tag für Tag mussten Guadagnino und sein Team die Ausleuchtung neu abstimmen, um die Atmosphäre eines heissen norditalienischen Sommers zu kreieren. Zudem waren sie vorbereitet, falls zwischen Niederschlag und dicken Wolken etwas Sonnenlicht durchbrach. Dann hiess es: Tempo, alle auf ihre Plätze, Action!

Ihr wahrer Trumpf allerdings war Kameramann Sayombhu Mukdeeprom, der grundsätzlich nur auf Zelluloid filmt und der in seinem Heimatland Thailand bereits an verschiedensten Projekten gearbeitet hatte, die während der Regenzeit realisiert wurden. Ausgestattet mit diesem Erfahrungsschatz, zauberte er gemeinsam mit Guadagnino aus den grauen, trüben Aufnahmen die sonnendurchfluteten Bilder, die durchdrungen sind von einer einmaligen erotischen Spannung.

III. Hören

Es mag etwas sein, das beim ersten, zweiten und sogar dritten Anschauen kaum auffällt. Etwas, das verglichen mit Mukdeeproms visuellen Wundertaten nirgendwo in solcher Ausführlichkeit dokumentiert wurde, dass ich rekonstruieren könnte, wie dieses besondere Etwas konkret zustande kam. Ausser Zweifel steht aber: Der Ton ist eine zentrale Komponente der Magie von «Call Me by Your Name» und erzeugt eine gleichartige Intensität wie dessen Bilder.

Der Klang ist geprägt von einer bis ins kleinste Detail hörbaren Natürlichkeit. Was meine ich mit «natürlich»? Wie oben geschildert, schafft der Film die Illusion, als wären seine Einstellungen ohne Hilfe von künstlichem Licht gedreht worden – was jedoch falscher nicht sein könnte. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Tonspur: Sie hört sich an, als wäre sie exakt so am Set aufgenommen worden, ohne irgendeine Form der Vor- oder Nachbearbeitung. Selbstredend ist auch das vollkommener Schwachsinn. Am Sound Design allein arbeiteten 16 Personen mit. Und trotzdem können wir – bis auf die Musik – überhaupt nicht unterscheiden, welche Laute künstlich fabriziert wurden.

Wenn wir konzentriert horchen, erstaunt es, welche Geräusche unsere Lauscher erreichen. Im Garten zirpen die Grillen, während im Haus Gespräche und klirrendes Besteck durch die Flure hallen. Erschöpft liegt Oliver auf dem Bett und atmet tief ein und aus, und das ganz langsam. Unter dem Gewicht der Schritte knarzen die Holzdielen. Der Wind weht abends durch die offenen Fenster und zieht beim Vorbeiwehen die Türen zu. Ungebremst fallen diese ins Schloss und geben ein Donnern von sich, das ebenso gut vom aufziehenden Sommergewitter stammen könnte. Durch die Tongestaltung erhält jeder Ort, jeder Raum und jede Stelle dieser Welt ein Eigenleben, das auch ohne den Film fortbesteht.

Dabei vermeidet es «Call Me by Your Name», ein unverständliches Wirrwarr aus Klängen zu knoten, wie es Rainer Werner Fassbinder mit interessantem und dennoch irritierendem Effekt in «Die Ehe der Maria Braun» macht. In dem Nachkriegsdrama von 1979 überlappen sich die Tonebenen gelegentlich so stark, dass nur noch Bruchstücke des Dialogs aus der Geräuschkulisse zu uns durchdringen. «Call Me by Your Name» hingegen erhält eine gewisse Klarheit aufrecht, wodurch wir den Gesprächen stets folgen können.

Das ausgefeilte Sound Design belebt also den filmischen Mikrokosmos, in dem sich die Figuren bewegen. Zusätzlich erfüllt es eine weitere Aufgabe: Die Tongestaltung steigert die Sinnlichkeit des gesamten Films, indem sie uns die Stofflichkeit der Dinge hören und dadurch spüren lässt. Ein Beispiel: In den ersten Minuten geht Elio vom Obergeschoss, wo sich sein Zimmer befindet, ins Erdgeschoss der Villa, um den gerade eingetroffenen Oliver zu begrüssen. Während er die Stufen herunterläuft, streicht er mit seiner rechten Hand sanft über den Holm des Treppengeländers. Die Reibung, die dabei zwischen Haut und Holz entsteht, ist akustisch wahrnehmbar.

Streichen wir mit unserer eigenen Hand über verschiedene Materialien, wird uns schnell klar, dass jede Berührung anders klingt, egal, ob bei Papier, Glas oder Plastik. Sogar ein und dieselbe Oberfläche – beispielsweise Haut – gibt unterschiedliche Geräusche von sich, wenn wir über eine andere Stelle fahren. Mein Handrücken etwa klingt heller als meine Stirn. Unbewusst registrieren wir diese feinen Abweichungen sofort, wodurch jede Szene viel intensiver auf uns wirkt.

Wir sehen und hören, wie Elio einen Pfirsich mit den Fingern streichelt, wie er den Kern herauspult, wie er dann das daran hängende Fruchtfleisch abknabbert und … na ja, wie er die entkernte Frucht zwar nicht isst, aber auf andere Weise zu geniessen weiss … Dadurch, dass dieser Liebesfilm unseren Seh- und Hörsinn derart intensiv stimuliert, ergänzt unser Hirn die fehlenden Eindrücke. Plötzlich riechen, schmecken und spüren wir den Pfirsich selbst, und «Call Me by Your Name» wird zur leibhaftigen Erfahrung, bei der unser Herz keineswegs unberührt bleibt.

IV. Reden oder sterben?

Ja, es wäre eine wahre Verschwendung – und feige dazu! –, unser Herz vor den Gefühlen, die dieser Film allein mithilfe seiner Bilder und seines Klangs hervorzurufen vermag, abzuschotten. Eigentlich würden das Seh- und Hörbare genügen, damit Elios und Olivers Liebe uns zutiefst berühren kann. Nicht eine einzige gesprochene Silbe bräuchte es dafür. Dessen ungeachtet finden Regisseur Luca Guadagnino und Drehbuchautor James Ivory für jeden Moment und jede Emotion die passenden Worte.

Das erste ist «Usurpator». So nennt Elio Oliver zum Spass, als der amerikanische Doktorand zu Beginn des Films bei den Perlmans ankommt und nicht nur das Zimmer des 17-Jährigen annektiert, sondern, ohne es zu ahnen, ebenfalls dessen gesamtes Innenleben einnimmt. Elio ergibt sich aber nicht kampflos, er wehrt sich gegen den Liebreiz Olivers, stösst den Mann weg, um sich letztendlich sowohl seine Niederlage als auch sein Verlangen einzugestehen. Wir sind zurück beim schon erwähnten Gefühl der Unsicherheit und bei der Frage: Wie kann Elio seinem Angebeteten nahe sein?

«Ich bitte Euch, ratet mir, was besser ist – reden oder sterben», schreibt Königin Margarete von Navarra in der zehnten Erzählung des «Heptaméron» (1559). Elio wird reden … in Rätseln zwar, aber er wird reden, weil er will, dass Oliver es weiss. Und obwohl er endlich seinen Mund aufmacht, wird er die Worte «Ich liebe dich» niemals über seine Lippen bringen. Ohnehin erübrigt sich dieser kurze Satz. Alles, was Elio gegenüber Oliver sagt und tut, bedeutet «Ich liebe dich». Wenn Elio ihn beispielsweise zu seinem geheimen Platz führt. Eine lombardische Oase mit Teich, wo er schon unendlich viele Bücher gelesen hat. Ein Ort, der Elio noch viel mehr bedeuten wird, denn genau da kommt es zu ihrem ersten Kuss.

Nun könnte sich all das aufgestaute Begehren entladen wie die Magmakammern eines Vulkans, wenn der Druck in dessen Innern zu hoch wird. Oliver kann das jedoch nicht zulassen. «Wir haben nichts getan, wofür wir uns schämen müssten, und das ist gut so. Ich möchte gut sein», sagt er zu Elio. Diese zwei Sätze sind einer der wenigen Risse in der Utopie, die uns «Call Me by Your Name» präsentiert, und ein Beweis dafür, dass nach diesen sechs perfekten Sommerwochen in Norditalien eine unvollkommene Welt mit unzähligen Widrigkeiten wartet … Namentlich: steife Geschlechterrollen, Erwartungen der Familie, Vorurteile und Homophobie.

Jenes Danach kann allerdings nicht verhindern, dass die Liebenden sich schliesslich doch finden. Elio und Oliver verbringen nach einem qualvollen Hin und Her die Nacht miteinander und gestehen sich ihre Gefühle ein. Luca Guadagnino zeigt uns, wie sie sich erst zögerlich, dann immer stürmischer küssen und ihre Kleider, ein Stück nach dem anderen, vom Körper reissen. Den Akt selbst kriegen wir nicht zu Gesicht. Die Kamera schwenkt zum offenen Fenster … Diese Zweisamkeit gehört ihnen allein, Elio und Oliver.

«Nenn‘ mich bei deinem Namen, und ich nenn‘ dich bei meinem», sagt Oliver, als sie sich im Bett liegend in die Augen sehen. Abermals fällt der Satz «Ich liebe dich» nicht. Möglicherweise reicht er nicht aus, um auszudrücken, wie gewaltig ihre Gefühle füreinander sind. «Nenn‘ mich bei deinem Namen, und ich nenn‘ dich bei meinem» kommt dem Ganzen wahrscheinlich wesentlich näher. Die Liebe zwischen ihnen ist von solch unermesslicher Tiefe, dass sie zum jeweils anderen werden müssen, um nahe genug beieinander zu sein.

V. Später

Nicht mehr sehr viel länger wird dieses Beieinander andauern. Der Sommer neigt sich seinem Ende zu, und danach existiert für die beiden kein «Später!». Mit diesem Wort schwirrt Oliver davon, wenn er sich in sein Zimmer verzieht, in die Stadt fährt, sich mit Chiara trifft oder sonst wohin geht. Im englischen Original sagt er schlicht: «Later!» Nicht «See you later» oder «See you next time». Kein «I’ll catch up with you later», kein «Till later then». Nur ein unverbindliches «Later!» – «Später!», das Elio anfangs in den Wahnsinn treibt, weil es ankündigt, dass Oliver verschwindet, zugleich aber immer verspricht, dass er in ein paar Stunden zurückkehrt.

Der Abschied der Liebenden, nachdem sie noch ein paar wunderschöne Tage in Bergamo verbringen durften, findet jedoch ohne dieses «Später!» mit Rückkehrgarantie statt. Kein einziges Wort wird gesprochen. Eine ewig lange Umarmung. Blicke. Der Zug rattert davon, entfernt sich von der Utopie, unbeirrbar Richtung Realität, wo Oliver seine Liebe für Elio verheimlichen muss und sehr bald eine Frau heiratet. Elio und Oliver werden sich an alles erinnern. An die gemeinsame Zeit, aber auch an all die Zeit, die sie vergeudet haben, um zusammenzufinden. Die Zeit, sie ist die wahre Schurkin des Films, die so erbarmungslos dahinströmt wie eine Sturzflut und nichts als Verwüstung hinterlässt.

Und genau das ist Elio nun … verwüstet. Seine Mutter holt ihn vom Bahnhof ab und bringt ihn nach Hause. Daheim eingetroffen, begrüsst ihn sein Vater, der über den Liebeskummer seines Sohnes bestens Bescheid weiss. Ein Vater-Sohn-Gespräch folgt, das mit einer Ode an die Liebe und das damit verbundenen Glück sowie den Schmerz gleichzusetzen ist. «Call Me by Your Name» zeigt uns über seine 133 Minuten die vielen Facetten der wahren Liebe: ihre Selbstlosigkeit, ihren Egoismus, ihre lebensspendende Kraft, ihre Gefahr, ihre Seltenheit, ihre Gnade, ihre Grenzenlosigkeit … und ihr Feuer, das derartig wehtun kann, dass man zu verbrennen scheint und die Flamme mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln löschen will. «Aber wenn du dich zwingst, nichts zu fühlen, als würdest du gar nichts fühlen, wäre das … Verschwendung», sagt Mr. Perlman zu Elio.

So ist die letzte Szene dieses zeitlosen Liebesfilms, in der Elio einsam in den wärmenden Kamin blickt und weint, gleichsam ein Plädoyer dafür, die eigenen Gefühle, mögen sie noch so qualvoll sein, zuzulassen und sie gleichermassen zu fühlen, wie man geliebt hat: mit allen Sinnen, mit dem gesamten Körper, von ganzem Herzen.

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