
«Ich bin ein guter Mensch. Ein fleissiger Arbeiter. Meine ältere Schwester ist die einzige Familie, die ich habe.»
Aus einem Brief Ryus
Es ist wahr, ich kann es bezeugen. Der gehörlose Ryu (Shin Ha-kyun) ist ein herzensguter junger Mann und ein tüchtiger Malocher, der sich in einem Stahlwerk krumm schuftet. Und tragischerweise stimmt es auch, dass ihm aus seiner Familie einzig und allein seine Schwester (Im Ji-eun) geblieben ist. Die drängende Frage: Wie lange wird sie noch bei ihm sein, wenn sie nicht bald eine Spenderniere erhält? Nun will Ryu ihr eine seiner Nieren schenken, trotz des Protests der Schwester, die ihr ganzes Leben darauf bestanden hat, ihrem Bruder keine Last zu sein. Happy End. Abspann …
… nach nur zwei Minuten? Nein, diese ersten Zeilen und Bilder, die uns «Sympathy for Mr. Vengeance» vorsetzt, sind die hoffnungsvollen Vorboten einer hoffnungslosen Racheodyssee. Regie bei diesem auf Zelluloid gebannten Schlag in die Magengrube führte eine der herausragendsten Figuren des zeitgenössischen Kinos: der Südkoreaner Park Chan-wook. In den letzten 26 Jahren hat der Mann keinen einzigen mittelmässigen, geschweige denn schlechten Streifen gedreht.
Aus allem, was er in dieser Zeit angefasst hat, hat er grosse erzählerische wie formale Filmkunst geschaffen. Ob es sich um die Liebe zwischen Cyborg-Dame und Kleptomanen in einer Psychiatrie, um eine verschachtelte Intrige zweier Frauen während der japanischen Besatzung Koreas in den 1930er-Jahren oder zuletzt um einen verzweifelten Papierfabrikmanager im Clinch mit dem Kapitalismus handelt, ist gleichgültig – Park kann’s.
Besonders gut beherrscht er Rache, was er 2002 mit «Sympathy for Mr. Vengeance» zugleich schmerzhaft und eindrucksvoll bewiesen hat. Der Thriller markiert aber nur den ersten Teil einer ganzen Trilogie zum Thema Vergeltung, die Park 2003 mit «Oldboy» fortführte und zwei Jahre darauf mit «Lady Vengeance» abschloss. Vorerst bleiben wir jedoch beim Auftakt dieses Dreiteilers und kehren zurück zu Ryu, auf den schlechte Neuigkeiten warten.
Filmfakten
Originaltitel: 복수는 나의 것 (Boksuneun naui geot)
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Park Chan-wook, Lee Jae-sun, Lee Mu-yeong, Lee Yong-jong
Kamera: Kim Byeong-il
Schnitt: Kim Sang-beom
Musik: Baek Hyeon-jin, Jang Young-gyu
Mit: Song Kang-ho, Shin Ha-kyun, Bae Doona, Im Ji-eun, Han Bo-bae, Lee Dae-yeon, Ryoo Seung-bum, Ryoo Seung-wan, Oh Kwang-rok, Lee Kan-hee, Jung Jae-young
Produktionsland: Südkorea
Länge: 121 Minuten
Erscheinungsjahr: 2002
Der Arzt muss ihm nämlich mitteilen, dass er als Spender für seine Schwester nicht in Frage kommt, da die Blutgruppen nicht übereinstimmen. Ein Fünkchen Hoffnung behält sich Ryu: Seine Freundin Yeong-mi (Bae Doona), eine anarchistische Kommunistin und Mitglied einer linksradikalen Terrorgruppierung, könnte doch vielleicht dieselbe Blutgruppe haben wie seine Schwester … Fehlanzeige, passt ebenso wenig. Die Lage wird noch vertrackter, als ihm sein Chef im Stahlwerk die Kündigung vorlegt. Immerhin, er bekommt eine Abfindung in Höhe von zehn Millionen Won.
Um seine Schwester endlich nicht mehr leiden zu sehen, will Ryu ihr so schnell wie möglich ein neues Körperteil beschaffen. Er kontaktiert einen zwielichtigen Trupp Organhändler, bezahlt diesem seine ganze Abfindung und legt eine seiner Nieren obendrauf, damit die Kriminellen ihm eine passende für seine Schwester liefern. Am nächsten Tag wacht er nackt, zehn Millionen Won und ein Organ ärmer, in einem leerstehenden Gebäude auf und muss feststellen: Er wurde verarscht.
Nur wenig später wird auf legalem Weg eine Spenderniere gefunden. Ryu müsse nur zehn Millionen Won für den Eingriff bezahlen, erklärt ihm sein Arzt. Weil er nach der Organhändlergeschichte keinen roten Heller mehr in der Tasche hat, kommt er mit Yeong-mi auf die Idee, die Tochter seines Chefs, der ihn zuvor gefeuert hat, zu entführen und Lösegeld aus diesem herauszupressen. Da die Polizei schnell auf Ryu als Verdächtigen für die Entführung käme, passen er und Yeong-mi ihren Plan spontan an. Stattdessen entführen sie die Tochter des Geschäftsmanns Dong-jin (Song Kang-ho), zu dem die beiden keinerlei Verbindung haben. Alles läuft reibungslos …
Die Gewalt eines (angehenden) Meisters
… bis es das nicht mehr tut und der Gedanke an Rache sich wie ein Parasit in Ryu und Dong-jin einnistet. Park und seine drei Co-Autoren Lee Jae-sun, Lee Mu-yeong und Lee Yong-jong haben eine niederschmetternde Geschichte gesponnen, die erst einmal durch ihre Kaltblütigkeit heraussticht. Wie ein heimtückischer Boxer versetzt uns die Handlung einen Tiefschlag nach dem anderen, sodass wir uns am Ende der 121 Minuten am liebsten unter die Bettdecke verkriechen und in Embryonalstellung über die Grausamkeit der Welt weinen wollen.
Aufgebrochen wird dieses Gefühl nur durch einen grotesken Humor, den die Drehbuchautoren hier und da einstreuen. Wenn sich Ryus Schwester zum Beispiel in ihrer Wohnung vor Schmerzen windet, schreit, jammert und stöhnt, während die vier Nachbarjungs in ihrer WG horchen und gemeinsam masturbieren, weil sie glauben, nebenan vergnügen sich zwei. Eine hauchdünne Wand trennt Leid von Leidenschaft. Erfreuen wir uns nicht ebenfalls häufig an grausamen Geschehnissen, wenn wir uns einen Film ansehen, wobei uns einzig die unsichtbare vierte Wand von Gewalt und Tod abgrenzt?
Aufrichtige Freude, Spass und Unterhaltung wie bei einem Actionkracher à la «Hard Boiled» (1992) liefert «Sympathy for Mr. Vengeance» mit seiner Gewalt nicht. Vielmehr schreckt uns der Streifen ab, wenn er in einer Detailaufnahme zeigt, wie der menschliche Körper weiterhin versucht, Blut durch die Halsschlagader ins Gehirn zu pumpen, in der bereits ein Schraubenzieher steckt. Oder wenn sich Leute im Moment ihres brutal herbeigeführten Ablebens einscheissen und einpissen wie Wickelkinder.
Park hat unangenehme Gewaltszenen inszeniert, die zwar nur sehr sporadisch vorkommen, dafür so hart an die Nieren gehen, als wäre der Regisseur selbst Teil eines kriminellen Organhändlerrings. Derart schonungslos und explizit wie beispielsweise in einem «I Saw the Devil» (2010) von Landsmann Kim Jee-woon wird’s dann aber doch nicht.
Dafür überzeugt «Sympathy for Mr. Vengeance» genau wie «I Saw the Devil» mit seinem ausgefeilten Plot. Das Autorenquartett webt kleinste Details in das Drehbuch ein, die die Tragik von Ryus und Dong-jins Geschichte umso erschütternder machen. Um diese Details wahrzunehmen, verlangt der Film von der ersten Sekunde an unsere volle Aufmerksamkeit.
Und die sollten wir ihm auch widmen, denn die Regie ist ebenso detailverliebt wie der Plot selbst. Sie wirkt bisweilen sogar ein wenig zu verkünstelt. Vor allem die vielen langen, statischen Totalen, die sich vereinzelt endlos hinziehen, verleihen «Sympathy for Mr. Vengeance» etwas gezwungen Dokumentarisches. Zudem mangelt es Park hier noch an der unheimlichen Präzision, der betörenden Eleganz und dem letzten Funken Ideenreichtum, mit dem der Meister seine späteren Filme wie «Die Taschendiebin» (2016), «Die Frau im Nebel» (2022) oder «No Other Choice» (2025) inszeniert hat.
Abgesehen von Park Chan-wook können wir einen weiteren einflussreichen Akteur des südkoreanischen Kinos dabei beobachten, wie er in seiner Kunst reift. Der Schauspieler Song Kang-ho, der nach «Joint Security Area» (2000) für «Sympathy for Mr. Vengeance» zum zweiten Mal mit Park zusammengearbeitet hat, zeigt eine beachtliche Darstellerleistung, die bereits erahnen lässt, welche Brillanz er in Streifen wie Jang Huns «A Taxi Driver» (2017) oder Bong Joon-hos «Parasite» (2019) erreichen sollte.
Das Regelwerk der Rache
Und apropos Darstellung: Wie kommt die Vergeltung in Parks Film eigentlich daher? «Sympathy for Mr. Vengeance» ist bei Weitem nicht der einzige Rache-Thriller seiner Art, weshalb die Frage berechtigt ist, was ihn ausser seiner Kaltblütigkeit aus der Unmenge der Selbstjustizfilme herausragen lässt. Um das zu klären, müssen wir zunächst einmal verstehen, wie Rachestreifen typischerweise aufgebaut sind. In ihrem sehr sehenswerten Videoessay «Die Ethik der Rache» – Teil der Netflix-Serie «Voir: Die Filmkunst in der Moderne» (2021) – schlüsseln die Filmschaffenden Taylor Ramos und Tony Zhou genau das für uns auf. Runtergebrochen auf das Wichtigste, besteht ein Rachefilm laut den beiden aus vier dramaturgischen Ereignissen:
Erstens wird ein Missstand hergestellt. Etwas Grauenhaftes passiert, das die Figuren erzürnt, schockiert, vielleicht sogar traumatisiert. Wenn zum Beispiel ein Serienkiller die Frau des Protagonisten auf barbarische Weise umbringt.
Daraufhin gerät, zweitens, die Gerechtigkeit aus der Balance. Wenn etwa die Polizei den Mörder der Frau niemals findet, die Justiz diesen zu glimpflich davonkommen lässt oder erst gar nicht zur Rechenschaft zieht. Der Protagonist steht jetzt an einem Scheideweg: Entweder er akzeptiert die Ungerechtigkeit oder er nimmt das Gesetz in die eigenen Hände und gleicht die Schuld selbst aus – natürlich wählt er Letzteres.
Zum dritten folgt der Racheakt, der jedoch, wie Ramos und Zhou betonen, angemessen sein müsse. Was meinen sie damit? Unser Protagonist kann den Mörder seiner Frau töten, ja wir billigen sogar, dass er ihn erbarmungslos massakriert, weil wir wissen, welche Gräuel der Killer an der Ehefrau verübt hat. Allerdings darf unser Held der Familie des Mörders nichts zuleide tun, da dadurch erneut die Gerechtigkeit aus der Balance gerät. Mit anderen Worten: Gleiches soll gleich und Ungleiches ungleich behandelt werden, was auch immer das bedeuten mag.
Als letzten, vierten Vorgang muss der Protagonist am Ende einen Preis für seine Rache bezahlen. Ob es sich dabei um den Verlust seiner Menschlichkeit, um die Ausgrenzung aus der Gesellschaft oder um den eigenen Tod handelt, variiert von Film zu Film.
Wie aber entspinnt sich nun die Rache in «Sympathy for Mr. Vengeance» ganz genau und inwiefern weicht sie von Ramos’ und Zhous Schema ab?
Die Ungerechtigkeit des Lebens
Wie wir gelernt haben, kommt es wie in allen Selbstjustizstreifen erst mal zu einem Missstand. Im Fall von Parks Film müssen wir sogar im Plural sprechen, erfahren doch Ryu und Dong-jin je ein eigenes Elend.
Als Ryus Schwester herausfindet, dass ihr Bruder die kleine Yu-sun (Han Bo-bae), die neuerdings bei ihnen wohnt, entführt hat, um ihre neue Niere bezahlen zu können, entscheidet sie sich für eine drastische Massnahme: Sie löscht ihr Leben aus und – aus ihrer Sicht zumindest – auch Ryus Bürde, es mit fragwürdigen Mitteln zu erhalten. Mit Dong-jins gekidnappter Tochter und der Leiche seiner Schwester fährt Ryu zu jenem Fluss, an dem die beiden immer gespielt haben, als sie noch Kinder waren. Dort begräbt er sie und trauert, während Yu-sun im Fluss ertrinkt und Dong-jin nur noch den toten Körper seiner Tochter zurückerhält.
Die Gerechtigkeit ist in Schieflage geraten. Ryu will sich an den Organhändlern rächen, weil er ihren Betrug für die Ursache seines Verlusts hält. In gewisser Weise trägt er aber eine Eigenschuld, da ihn seine Ungeduld zum Deal mit den Gangstern getrieben hat. Wäre die Schwester noch etwas länger zur Dialyse gegangen und Ryu geduldiger gewesen, hätte er seine Abfindung kassiert, mit der er die kurz darauf gefundene Spenderniere hätte bezahlen können. Nur wie hätte er das wissen können? Die Trauer um seine Schwester und die daraus erfolgende Achtlosigkeit führen zu einem weiteren Unglück. Der Tod scheint Ryu stets auf den Fersen zu sein.
Leidtragende sind Yu-sun und ihr Vater Dong-jin, der in den Entführern seiner Tochter eiskalte Killer erkennt, was der Realität aber nicht entspricht. «Sympathy for Mr. Vengeance» zeigt in überhöhter Form, wie ungerecht das Leben spielen kann, unabhängig von Gesinnung, Herkunft und Status. Im Unterschied zu unzähligen anderen Rachestreifen sind weder Ryu noch Dong-jin klare Antagonisten, so wie es zum Beispiel die Attentäter aus «Kill Bill» (2003/04) oder Commodus aus «Gladiator» (2000) sind. Bis auf die Organhändler agiert niemand aus reiner Böswilligkeit (und selbst die murksen nicht wahllos irgendwelche Leute ab), zumindest bis zu dem Punkt, an dem blutrünstige Vergeltung zur vermeintlich einzigen Option für Gerechtigkeit wird. Sowohl Ryu als auch Dong-jin glauben nicht, dass Justitia vor Gericht wartet. Um einen Ausgleich für ihre Verlorenen herzustellen, muss Gleiches mit Gleichem behandelt, Tod mit Tod abgegolten werden.
Die Erschaffung der Bestien
Mit einem Baseballschläger bewaffnet, wird der eigentlich friedfertige Ryu zum Mörder, der die Organhändler skrupellos niederstreckt. Dong-jin ist ebenso auf dem Vormarsch und kommt hinter die Identitäten der Entführer. Schon bald hat er Yeong-mi in seiner Gewalt und foltert sie binnen Kurzem zu Tode. In dieser Szene stellt sich uns die Frage nach der Angemessenheit, die Taylor Ramos und Tony Zhou formuliert haben. Dadurch dass Yeong-mi eine zwar etwas seltsame, jedoch quirlig charmante Figur ist und wir im Verlauf des Films eine gewisse Zuneigung für sie entwickelt haben, wirkt die todbringende Elektroschocktherapie, die Dong-jin ihr verpasst, unangemessen.
Es ist kinderleicht zu erraten, was nun geschieht: Ryu, hasserfüllt aufgrund des Verlusts seiner grossen Liebe, begibt sich abermals auf den Pfad der Vergeltung und spürt Dong-jin auf, der allerdings bestens vorbereitet ist und Ryu mühelos überwältigt. Dong-jin bringt den Entführer seiner Tochter zu jenem Fluss, an den Ryu so viele Kindheitserinnerungen knüpft, an dessen Ufer die Schwester vergraben liegt, in dem Yu-sun vor einigen Tagen gestorben ist und in dem Dong-jin nun seine Rache vollstreckt. Noch wesentlich unangemessener als der Mord an Yeong-mi fühlt sich Ryus Hinrichtung an, da wir wissen, wie sehr der junge Mann bisher gelitten hat. Doch er muss den Preis der Selbstjustiz zahlen – genauso wie Dong-jin.
Gerade als er Ryus Leichenteile vergraben möchte, tauchen vier Männer auf, die Dong-jin am Flussufer abstechen. Es sind Mitglieder der linksradikalen Terrorgruppe, der Yeong-mi angehört hat und die ein letztes Mal in diesem Film Rache üben. Regisseur Park Chan-wook zeigt uns einen vollkommen sinnlosen, ewig rotierenden Kreislauf des Hasses und der Gewalt, verpackt in einem Selbstjustiz-Thriller, in dem die Rache so unbefriedigend ausgestaltet ist, dass wir kaum zuschauen wollen.
Hier gönnt uns niemand einen Moment der Katharsis, in dem die Bösen endlich das bekommen, was sie verdienen, und der Held am Ende von dannen zieht. Schlicht und ergreifend, weil in «Sympathy for Mr. Vengeance» keine Bösen existieren. Wie es der Titel andeutet, sympathisieren wir mit den Herren Vergeltung. Ryu und Dong-jin sind Gepeinigte und Peiniger zugleich. Sie sind anfangs keine Monster, sondern Menschen mit einer Geschichte, die erst durch die Ungerechtigkeit des Lebens und ihre Jagd nach Gerechtigkeit zu rachsüchtigen Bestien werden. So trifft es uns umso mehr, wenn Dong-jin erkennt, was für ein armer Tropf Ryu wirklich ist, und ihm sagt:
«Ich weiss, dass du ein guter Mensch bist … Aber du verstehst, warum ich dich töten muss?»
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