Schock und Neuanfang für Hollywood: «Bonnie und Clyde»

Fast 60 Jahre nach Erscheinen besitzt Arthur Penns «Bonnie und Clyde» noch dieselbe rebellische Kraft wie 1967, als er den Beginn des New Hollywood einläutete – selbst wenn sich der Film einige Patzer im Drehbuch erlaubt.

Das echte Gangsterpärchen Bonnie und Clyde posiert für die Kamera. Wahrscheinlich fotografiert von Clydes Bruder, Buck Barrow, Anfang der 1930er-Jahre. | Bild: Wikimedia Commons, bearbeitet von Jan Wattenhofer

berühmt-berüchtigt
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Wortart: Adjektiv
Gebrauch: oft ironisch
Bedeutung: durch bestimmte negative Taten, Eigenschaften, Merkmale zu einer gewissen Berühmtheit, einem zweifelhaften Ruf gelangt

Duden

«Bonnie und Clyde», ob nun die historischen Figuren oder ihre filmischen Abbilder, sind wohl der Inbegriff des Adjektivs «berühmt-berüchtigt». Ja, sie haben sich diese Beschreibung redlich verdient.

Das echte Gangsterpärchen Bonnie Parker und Clyde Barrow verübte zwischen 1932 und 1934, mitten in der Weltwirtschaftskrise, verschiedenste Verbrechen. Gemeinsam mit ihrer Gang überfielen sie Banken, entführten Leute, mordeten und dominierten mit ihren Untaten überall in den Vereinigten Staaten die Schlagzeilen. Am 23. Mai 1934 gerieten sie im US-Bundesstaat Louisiana in einen Hinterhalt, wo Gesetzeshüter die beiden erschossen. Das Ende von Bonnie und Clyde, die mindestens neun Polizeibeamte und drei Zivilisten auf ihrem zweijährigen Raubzug umbrachten.

Ende der 60er-Jahre verfilmte Regisseur Arthur Penn diese Geschichte, nur sehr lose basierend auf den wahren Ereignissen. Wobei: Der Erste war er nicht. Fritz Lang mit «Gehetzt» (1937), Joseph H. Lewis mit «Gefährliche Leidenschaft» (1950) oder William Witney mit «Die Höllenkatze» (1958) hatten sich für ihre Filme ebenfalls vom verliebten Gaunerpaar inspirieren lassen. Am berühmtesten – und vor allem: am berüchtigtsten – ist jedoch Penns Version, mit Faye Dunaway als Bonnie und Warren Beatty als Clyde.

Filmfakten

Originaltitel: Bonnie and Clyde
Regie: Arthur Penn
Drehbuch: David Newman, Robert Benton, Robert Towne
Kamera: Burnett Guffey
Schnitt: Dede Allen
Musik: Charles Strouse
Mit: Warren Beatty, Faye Dunaway, Michael J. Pollard, Gene Hackman, Estelle Parsons, Denver Pyle, Dub Taylor, Evans Evans, Gene Wilder
Produktionsland: USA
Länge: 111 Minuten
Erscheinungsjahr: 1967

Als der Gangsterfilm 1967 die Kinos stürmte, wurde er zum Schreck der Kritiker:innen. Diese reisserische Gewalt! Ein neuer Massstab im Hollywood-Kino! Wo man hinschaut, nur Mord und Totschlag! Und dann reden die unverfroren, völlig schamlos über Sex! «So nicht, Freundchen!», dachten sich haufenweise US-amerikanische Rezensent:innen zu jener Zeit und zerrissen «Bonnie und Clyde» in der Luft. Jede Menge Konfetti! Joe Morgenstern, damals Kritiker bei der «Newsweek», beschrieb ihn als «schäbigen Ballerfilm für Idioten», nur um eine Woche später zurückzurudern und eine Lobeshymne zu schreiben, nachdem er den Streifen ein zweites Mal gesehen und das begeisterte Publikum vernommen hatte.

Und durchaus gibt’s viel zu loben an dieser filmgeschichtlich bedeutenden Ganovenstory voller Leidenschaft, Energie und Banjo-Musik. David Newman und Robert Benton verfassten ein Drehbuch, in dem die Erzählung weniger durch einen spannungs- und wendungsreichen Plot vorangetrieben wird. Viel eher reihen sich einzelne Episoden aus der tödlichen Diebestour von Bonnie und Clyde – vom Kennenlernen über den ersten Mord bis hin zum unausweichlichen Ableben der Protagonist:innen – aneinander. Spass und Tragik, Blut und Ekstase, Traumartiges und Reales entfalten sich Szene für Szene und ergeben eine euphorisierende Bankräuberballade, die zwischendurch aber unsanft ausgebremst wird. Wenn Bonnie sich beispielsweise plötzlich nach ihrer Mutter sehnt und die beiden Staatsfeinde Amerikas ein idyllisches Treffen der Familie Parker einberufen.

Ein Stück Nouvelle Vague in «Bonnie und Clyde»

Die Drehbuchautoren Newman und Benton waren Bewunderer des neuen französischen Kinos, das in den späten 50er-Jahren aufkam, als ehemalige Kritiker der Filmzeitschrift «Cahiers du cinéma», wie etwa François Truffaut oder Jean-Luc Godard, selbst zu Regisseuren wurden und in ihren Werken mit den «Regeln» des gängigen Filmemachens brachen. Die Nouvelle Vague war geboren, ihr Credo: raus aus den Produktionsstudios, Handkameras ausgepackt, draussen im Freien filmen, kein künstliches Licht und: experimentieren, beim Dreh und im Schneideraum.

Diese neuartige Freiheit tippten Newman und Benton auf jede einzelne Drehbuchseite von «Bonnie und Clyde». Eine Kritikerin erkannte sogar ein klares französisches Vorbild für den Gangsterstreifen. In ihrem 1967 im «The New Yorker» veröffentlichten und sehr lesenswerten Essay zu «Bonnie und Clyde» verteidigte Pauline Kael den Film gegen die negative Kritik vehement und schrieb, dass das Skript stark von Truffauts zweiter Regiearbeit «Schiessen Sie auf den Pianisten» (1960) inspiriert sei.

Nun passt der Vergleich zum Nouvelle-Vague-Geist von «Bonnie und Clyde» (ebenfalls draussen an Originalschauplätzen gedreht und schroffer als viele damalige Studioproduktionen), da «Schiessen Sie auf den Pianisten» eben zu jener Filmbewegung dazuzählt. Inwiefern sich Newman und Benton davon dramaturgisch inspirieren liessen, bleibt für mich fraglich. Was erzählt wird, unterscheidet sich erheblich: Im Stil eines Film noir geht es bei Truffauts Streifen um einen erfolgreichen, aber sehr schüchternen Konzertpianisten, der von seiner Frau verraten wird, daraufhin seine Karriere hinschmeisst, ab dann in einer schäbigen Pariser Bar auf dem Klavier herumklimpert und durch seine kriminellen Brüder in Schwierigkeiten gerät.

Zudem weicht ab, wie erzählt wird. Während «Bonnie und Clyde» chronologisch die Liebe und kriminellen Machenschaften seiner Protagonist:innen zeigt, ist in «Schiessen Sie auf den Pianisten» eine ausschweifende Rückblende eingebaut, die die zeitliche Abfolge durcheinanderbringt. Und wenn wir grad dabei sind: Zusammengefasst ist Truffauts zweiter Streich ein unheimlich dröges Stück Kino, dessen Film-noir-Plot allein als Einschlafhilfe ganz praktisch ist. Und dann reisst uns Truffaut trotzdem mehrfach aus dem wohligen Schlummer, weil «Schiessen Sie auf den Pianisten» Frauenklischees in einer Frequenz ausspuckt wie ein Maschinengewehr Patronenhülsen. Ein paar nette Einfälle hatte der französische Regisseur zwar, und er versuchte auch, spielerisch mit dem Genre des Kriminalfilms umzugehen, doch all das zerschellt an diesem Eisberg aus Klischees und geht im Ozean der Langeweile unter wie die Titanic.

Hat man von Truffaut einzig «Schiessen Sie auf den Pianisten» gesehen und weiss nicht, dass der Franzose weitaus Besseres fabriziert hat, ist man froh, dass er «Bonnie und Clyde» nicht selbst verfilmte – denn angeboten wurde ihm der Regiestuhl. Truffaut schlug jedoch aus und widmete sich «Fahrenheit 451» (1966). Er empfahl anschliessend seinen Nouvelle-Vague-Kollegen Jean-Luc Godard für die Inszenierung der Gangsterballade. Mit ihm gab es ebenfalls keine Einigung… Ach, diese berühmten künstlerischen Differenzen…

Verbrechen als Aphrodisiakum

Schliesslich landete das Drehbuch zwischen die Griffel von Warren Beatty, der sich an der Produktion von «Bonnie und Clyde» beteiligte, in die Hauptrolle schlüpfte und grossen Einfluss auf die künstlerische Umsetzung des Films nahm. Seinen Freund Arthur Penn konnte er für die Regie verpflichten – nach mehrmaligem Bitten und Betteln. Allerdings missfiel Beatty und Penn am Skript Clydes Bisexualität und die Dreiecksbeziehung zwischen ihm, Bonnie und C. W. Moss, einem der Gangmitglieder. Ein dritter Autor wurde herangezogen: Robert Towne schrieb im Auftrag von Hauptdarsteller und Regisseur das Drehbuch um.

Ein weiterer Grund für die Anpassungen war der «Production Code», auch bekannt als «Hays Code», eine freiwillige Selbstregulierung der Hollywood-Studios, mit der unter anderem explizite Gewalt und die Darstellung von sexuellen Perversionen (eine Umschreibung für Homosexualität) eingeschränkt wurden, um einer staatlichen Zensur zu entgehen. Die Einhaltung des Codes setzte sich 1934 als Standard in der Traumfabrik durch, vor allem darum, weil er den Studios die Verwertung ihrer Filme in den wichtigsten Premierekinos sicherte, andernfalls wäre ihnen das verwehrt worden.

Obwohl der Code Ende der 60er nur noch pro forma galt (1968 wurde er endgültig abgeschafft), mussten Bisexualität und Polygamie weichen. Robert Towne schrieb C. W. zum sympathischen Sidekick um und machte Clyde heterosexuell, aber impotent. Die offenen Diskussionen um Beischlafsunfähigkeit und Wollust im Verlauf von «Bonnie und Clyde» reichten allerdings zur Genüge, um die Kritiker:innen damals zu empören.

«Zumindest bin ich kein Lügner… Ich habe dir gesagt, dass ich kein Liebhaber bin.»

Clyde zu Bonnie, nachdem ihr Liebesspiel gescheitert ist

Trotz der Kompromisse im Skript drückt «Bonnie und Clyde» eine heute noch spürbare Stinkefingerattitüde aus, die sich gegen das konservative und risikoscheue Hollywood richtet. So fanden schlüpfrige Anspielungen ihren Weg in den Film. Zum Beispiel, wenn Bonnie und Clyde sich in den ersten Minuten kennenlernen, und er ihr seinen Revolver präsentiert. Erregt ist sie von diesem Anblick. In Nahaufnahme sehen wir, wie sie sanft die Kanone streichelt. Und wir wissen natürlich sofort, welche Kanone hier tatsächlich gestreichelt wird…

Verbrechen dienen den beiden als Aphrodisiakum, und dennoch verweigert uns der Streifen den Sex. Und weil es das scharfe Ganovenpaar vor unseren Augen nicht treiben darf – schon gar nicht zu dritt! –, befriedigen uns die Drehbuchautoren und der Regisseur auf andere Weise: mit Gewalt nämlich.

Ein Job mit Chancen: Bankräuber:in

Schiessereien, Verfolgungsjagden, Morde und herumspritzende rote Sauce – ein Ersatz für den Liebesakt, den man uns Voyeur:innen nicht gönnt, und zugleich spassige Unterhaltung, die das Bluegrass-Duo «Flatt and Scruggs» mit ihren drolligen Banjo-Klängen begleitet. Irgendwo im Hinterkopf schwebt zwar noch der Gedanke herum, dass Bonnie und Clyde keineswegs reine Fantasiefiguren sind, sondern auf echten Mörder:innen basieren, die Menschen erschossen und deren Angehörigen in Tränen zurückliessen, aber die Fiktionalisierung und die künstlerische Gewaltdarstellung erlauben es uns, die Schandtaten zu geniessen.

Noch so gerne schauen wir dabei zu, wie Bonnie, Clyde und ihre drei Kumpanen Banken ausrauben und Chaos in den heruntergewirtschafteten USA stiften. Neben C. W. sind Buck Barrow, der Clydes ruppiger Bruder ist, und dessen Ehefrau Blanche Teil der Gang. Michael J. Pollard mimte C. W. wunderbar schelmisch. Gene Hackman brillierte als Buck mit mitreissender Energie. Estelle Parsons verkörperte Blanche ebenfalls überzeugend, leider machten die Autoren aus ihr einen allzu nervigen Schreihals, der als moralische Instanz eigentlich eine interessante und konfliktreiche Rolle innerhalb der Gang einnimmt.

Die wahren Stars des Films sind allerdings Faye Dunaway und Warren Beatty, die gewitzt, leidenschaftlich, humorvoll, sexy sowie skrupellos jene Bonnie und jenen Clyde spielten und nicht nur Hollywood, sondern ebenso den Geldinstituten mit ihren folgenreichen Spekulationen einen Denkzettel verpassten.

«Wir rauben Banken aus.»

Clyde zu einem Mann, dem die Bank alles genommen hat

Bankräuber:in ist in «Bonnie und Clyde» ein Beruf mit beträchtlich höheren Chancen auf ein lebenswertes Dasein, als sie nahezu jeder andere Job Anfang der 30er-Jahre verspricht. Zwar hatte die Filmkritikerin Pauline Kael sicher recht, als sie über den Film schrieb: «Die Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise werden nicht zum Zweck des sozialen Bewusstseins genutzt; die schweren Zeiten sind nicht der Grund für die Verbrechen der Barrows, sondern nur die Ausrede.»

Trotzdem steckt in dieser Ausrede ein subversives Element, was in den Überfällen der Gang zu erkennen ist. Immer wieder wird gezeigt, wie die Institution Bank beklaut wird, nicht jedoch Zivilist:innen. Bei einem Raub lässt Clyde einem älteren Herrn seine wenigen Dollars, die dieser gerade einzahlen wollte – der Banktresor hingegen wird geplündert. «Ich kann nur sagen, dass sie mir gegenüber fair waren, und ich werde mit einem Strauss Blumen zu ihrer Beerdigung kommen», wird jener Herr der Polizei später berichten.

Ein Kugelhagel für die Ewigkeit

Der Beerdigung des Ganovenpärchens müssen wir nicht beiwohnen, dafür aber ihrem Tod, den Bonnie in weiser Voraussicht prophezeit. Sie schreibt ein Gedicht über ihre Erlebnisse mit Clyde, das die Presse mit Handkuss abdruckt.

Some day, they’ll go down together
They’ll bury them side by side
To a few, it’ll be grief
To the law, a relief
But it’s death for Bonnie and Clyde

Die letzten Zeilen von Bonnies Gedicht

«Du hast mich zu jemandem gemacht, an den sie sich erinnern werden», sagt Clyde seiner Geliebten, als er diese Zeilen in der Zeitung liest und es zum ersten und letzten Mal mit dem Sex zwischen ihnen klappt (davon sehen wir jedoch nichts). Denn schon sehr bald geraten sie in einen Hinterhalt der Gesetzeshüter. Eine Szene für die Ewigkeit, die 1967 mit ihrer Drastik schockierte.

Ein beinahe endloser Kugelhagel bricht über das Paar herein, Blut spritzt, sie werden durchsiebt, und das auch in Zeitlupe. Durch die Brutalität der Aufnahmen und die Montage von Filmeditorin Dede Allen entsteht ein Todestanz zur Musik der Gewehrsalven. Vor «Bonnie und Clyde» waren Schiessereien in Hollywood-Produktionen blut- und leidlos. Ab dann nicht mehr.

Mit Mike Nichols’ «Die Reifeprüfung», ebenfalls aus dem Jahr 1967, gilt Arthur Penns fulminante Gangsterballade als Ursprung dessen, was als New Hollywood in die Filmhistorie einging. Nach jenen beiden Streifen schlugen innovative Filmschaffende neue Töne im US-Kino an. Es wurde blutiger, sexuell expliziter, düsterer und kritischer. Zum Beispiel mit «Easy Rider» (1969). Oder etwa «Asphalt-Cowboy» (1969). Mit «Harold und Maude» und «Brennpunkt Brooklyn» (beide 1971). Aber auch mit «Der Pate» (1972), «Serpico» (1973), «Chinatown» (1974), «Der weisse Hai» (1975), «Taxi Driver» (1976), «Die durch die Hölle gehen» (1978), «Apocalypse Now» (1979)…

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