Ein Anime-Klassiker mit plumpem Drehbuch: «Ninja Scroll»

«Ninja Scroll» war in den 90er-Jahren einer der Anime-Streifen, der vielen westlichen Zuschauer:innen bewies, dass sich auch Animationsfilme in blutiger Gewalt suhlen können. Das funktioniert 2025 noch immer – das Frauenbild hingegen eher weniger.

Er streift durch die Lande und schwingt sein Katana: der Schwertkunstmeister Jūbei Kibagami. | Bildmaterial: kamaena smart & Samsul Aripin, bearbeitet von Jan Wattenhofer

Manches in «Ninja Scroll» ist so furchtbar stumpf. Die Geschichte zum Beispiel. Oder die Figuren. Nahezu jede Drehbuchzeile wirkt, als hätte sie jemand mit der Keule aufs Papier geprügelt. Anderes ist wiederum höllisch scharf. Die Katanas trennen so mühelos Gliedmassen ab, als glitten sie durch Butter, die schon etwas zu lange bei Raumtemperatur auf dem Frühstückstisch steht.

Der eine oder die andere würde vielleicht sogar argumentieren, dass die Beschreibung «höllisch scharf» ebenso auf die Damen zutrifft, die hier und da ihre Hüllen fallen lassen, beziehungsweise denen die Kleider gegen ihren Willen vom Leib gerissen werden.

Heftige Gewalt und expliziter Sex – mit diesen beiden Elementen erwarb sich «Ninja Scroll» in den 90ern einen gewissen Ruf. Zuerst flimmerte der Dark-Fantasy-Action-Film 1993 über die japanischen Leinwände und fand zwei Jahre danach seinen Weg in die Videorekorder des Westens.

Es musste gleichermassen schockierend wie faszinierend auf die meisten westlichen Zuschauer:innen gewirkt haben, dass in einem Trickfilm keine süssen Prinzessinnen um ihre Rettung ersuchen oder sich sprechende Tiere auf ein Abenteuer begeben, sondern Ninjas in Stücke gerissen werden und aus den Wunden fontänenartig dreimal so viel Blut spritzt, als einem erwachsenen Mann faktisch durch die Adern fliesst.

Mit dieser Faszination lassen sich vielleicht die hohen Video- und DVD-Verkaufszahlen in Nordamerika erklären: Bis im Mai 1996 verkaufte sich die VHS-Kassette dort mehr als 70’000-mal, was ihn zum Bestseller der in London gegründeten Anime-Verleihfirma Manga Entertainment machte. Laut dem Filmmagazin «Screen Daily» gingen von der DVD zu «Ninja Scroll» bis Mitte der 2000er sogar rund eine Million Einheiten über die US-amerikanischen Ladentheken. So trug der Streifen – neben den beiden Cyberpunk-Klassikern «Akira» (1988) und «Ghost in the Shell» (1995) – massgeblich dazu bei, Anime für Erwachsene (nein, Hentai sind nicht gemeint…) ausserhalb Japans populär zu machen.

Fighting-Game-Plot

Zumindest die wuchtige und dynamisch animierte Gewalt- und Actioninszenierung bietet auch noch 2025 einen ordentlichen Unterhaltungswert. Wenn Köpfe erst Sekunden nach dem tödlichen Treffer von den Schultern rutschen, Schwerthiebe aus weiter Entfernung Gegner töten, wie es eigentlich nur Geschosse vermögen, oder in der Zeitspanne eines Blinzelns ein Dutzend Shinobi zu Sashimi verarbeitet werden, verleitet das aufgrund der völlig übertriebenen Darstellung zum freudigen Johlen. Durch die Überhöhung verliert das Blutvergiessen seinen Schrecken. Was bleibt, ist Spass.

Genau wie die Kampfsequenzen ist der Rest des Films mit grossem Aufwand animiert: von seinen stimmigen Hintergründen über das detailverliebte Figurendesign bis hin zu den minutiös abgebildeten Splatter-Momenten. Verantwortet wurde die Produktion vom Animationsstudio Madhouse. Dieses sollte in den darauffolgenden Jahren die fantastische Space-Western-Serie «Trigun» (1998) hervorbringen und mit Regisseur Satoshi Kon unter anderem die Werke «Perfect Blue» (1997) oder «Paprika» (2006) realisieren. Weiss man, welche Anime-Schmiede hinter «Ninja Scroll» steckt, überrascht es niemanden mehr, dass jeder Frame so verdammt gut aussieht.

Madhouse-Mitgründer Yoshiaki Kawajiri führte selbst Regie bei diesem Dark-Fantasy-Schnetzler und prügelte mit der eingangs erwähnten Keule die Schriftzeichen auf die Drehbuchseiten. Dabei herausgekommen sind schablonenhafte Figuren, eingebettet in einer simplen Gut-gegen-Böse-Handlung, die sich von Kampf zu Kampf hangelt und eher das Gefühl vermittelt, dass wir gerade ein Fighting-Game à la «Mortal Kombat» oder «Tekken» spielen.

Aber warte mal… Wovon erzählt «Ninja Scroll» denn überhaupt?

Jūbei Kibagami (gesprochen von Kōichi Yamadera) war einst ein Ninja des Yamashiro-Clans, nun ist er ein vagabundierender Schwertkampfmeister, der für kleine Summen sein Katana schwingt. Wie gut er mit der Klinge umgehen kann, sehen wir gleich in der allerersten Szene, in der er kurzerhand drei Schergen niederstreckt, während er nebenbei an einem Onigiri knabbert.

Als Jūbei zufällig beobachtet, wie Tessai (Ryūzaburō Ōtomo), ein garstiger Koloss mit der Fähigkeit, seine Haut in Gestein zu verwandeln, eine junge Kunoichi namens Kagerō vergewaltigen will, schreitet der Held ein und hilft der Dame, sich aus dem lüsternen Griff ihres steinigen Peinigers zu befreien. Kagerō sagt allerdings direkt Danke und Tschüss. Ihre und Jūbeis Wege trennen sich vorerst wieder.

Filmfakten

Originaltitel: 獣兵衛忍風帖 (Jūbē Nimpūchō)
Regie: Yoshiaki Kawajiri
Drehbuch: Yoshiaki Kawajiri
Mit: Kōichi Yamadera, Emi Shinohara, Daisuke Gōri, Takeshi Aono, Shūichirō Moriyama, Ryūzaburō Ōtomo, Katsuji Mori, Gara Takashima, Akimasa Omori, Toshihiko Seki, Norio Wakamoto, Reizō Nomoto
Produktionsland: Japan
Länge: 94 Minuten
Erscheinungsjahr: 1993

In derselben Nacht trifft Jūbei ärgerlicherweise noch einmal auf Tessai, der auf Rache sinnt, und wenig später auf die verführerische Geisha Benisato (Gara Takashima), die ihre Schlangentattoos zum Leben erwecken kann und mit den schuppigen Viechern den Schwertmeister beinahe umbringt. Zum Glück ist der alte Mönch Dakuan (Takeshi Aono) zur Stelle, um Jūbei zu helfen, den Angriff von Benisato abzuwehren und seinen Tod zu verhindern.

Wie Dakuan im Anschluss darlegt (jep, gerade in der ersten halben Stunde von «Ninja Scroll» wird unheimlich viel mithilfe unelegant geschriebener Dialoge erklärt…), sind sowohl die Schlangen-Lady als auch Tessai Mitglieder eines Killerverbands, den man nur die acht Teufel von Kimon nennt. Angeführt werden sie von einem ehemaligen und totgeglaubten Weggefährten Jūbeis, der unsterbliche Gemma Himuro (Daisuke Gōri).

Dieser steht im Dienst des Shoguns der Dunkelheit, dessen Ziel es ist, das herrschende Tokugawa-Shogunat zu stürzen und die Macht an sich zu reissen. Dakuan ist ein Spion der aktuellen Regierung und nötigt Jūbei, ihn dabei zu unterstützen, die acht Teufel zu bekämpfen und den Shogun der Dunkelheit aufzuhalten. Als Kagerō bei Nachforschungen für ihren Ninja-Clan erneut auf Jūbei stösst, schliesst sie sich ihm und dem alten Mönch im Kampf gegen das Böse an.

Ach ja, hab’ ich’s erwähnt? Ich glaub’ nicht. Vielleicht hast du’s bei dem Namen Tokugawa bereits selbst gemerkt: Das Ganze spielt zu Anfang der Edo-Zeit.

Exkurs: Was genau ist die Edo-Zeit?

Die Edo-Zeit in Japan begann mit der endgültigen Reichseinigung und der Gründung eines neuen Shogunats (einer Militärregierung) durch Ieyasu Tokugawa im Jahr 1603. Seinen Namen bekam diese Geschichtsepoche durch den Standort des Regierungssitzes. Ieyasu verlagerte diesen von Kyoto in das Fischerdorf Edo (das heutige Tokio), das nach rund hundert Jahren zu einer Millionenstadt anwuchs. 265 Jahre regierte die Tokugawa-Dynastie. Mit der Abschaffung des Shogunats als Herrschaftssystem sowie der Wiedereinsetzung des Kaisers als Machthaber endete 1868 die Edo-Zeit. Was folgte, war die sogenannte Meiji-Restauration, die viele Veränderungen für Japan und seine Gesellschaft mitbrachte.

Quelle: «Geschichte Japans» von Hans Martin Krämer (Verlag C.H.Beck)

Ein Frauenbild so veraltet wie der Shogun

Für Jūbei liess sich Regisseur und Drehbuchautor Yoshiaki Kawajiri vom Schwertmeister Mitsuyoshi Yagyū – oder eben besser bekannt als Jūbei Yagyū – inspirieren, der von 1607 bis 1650 lebte und immer wieder in verschiedenen Produkten der japanischen Popkultur eine prominente Rolle einnimmt. Oft wird er mit einer Augenklappe dargestellt, obwohl historisch nicht belegt ist, dass er tatsächlich ein Auge bei einem Übungskampf mit seinem Vater verlor.

Genau wie Kawajiri seinen Protagonisten aus der Edo-Periode entnahm, stammt das Frauenbild ebenfalls aus jener Zeit, was besonders bei Kagerō ersichtlich wird. Sie ist eine begabte Kunoichi sowie Giftprüferin für das Oberhaupt des Mochizuki-Clans. Ihr Körper ist immun gegen alle Arten von Toxinen, da dieser selbst hochgradig giftig ist. Jeder Mann, der mit ihr Sex hat oder nur einen leidenschaftlichen Kuss mit ihr austauscht, ist dem Tode geweiht. Diese Eigenschaft dürfte zumindest ihre allfälligen Rachegelüste befriedigen, denn mehr als einmal wird sie Opfer von sexualisierter Gewalt, an der sich «Ninja Scroll» auf unangenehm wollüstige Weise labt.

Doch der Sexismus zeigt sich nicht allein in der Ästhetisierung von Vergewaltigung, sondern auch in Kagerōs Figurenzeichnung. Ihre Unterdrücker bekommen durch ihren toxischen Körper zwar einen mörderischen Denkzettel, zugleich wird sie vom Gift in ihr eingeschränkt. Mit niemandem kann sie ihre Sexualität ausleben, ohne dass ihr Liebhaber einen qualvollen Tod sterben muss.

Sie ist eingepfercht in einer vorbestimmten Reinheit, die einzig die Vergewaltiger beflecken. Gleichzeitig wird sie auf genau diesen Drang nach Liebe und Leidenschaft reduziert: Sehnlichst wünscht sich Kagerō, dass ein Mann sie nur einmal in ihrem Leben aufrichtig liebt. Andere Träume oder Ambitionen gesteht ihr das plumpe Drehbuch nicht zu.

Es ist schade, dass der Eindruck entsteht, als hätte Yoshiaki Kawajiri schon den ersten Skriptentwurf zu «Ninja Scroll» verfilmt, ohne dass ein zweites Paar Augen den Plot auch nur einmal überflogen hat. Aber immerhin: Die Action knallt, die übertriebene Gewalt unterhält und bei den Animationen und der visuellen Umsetzung hat das Studio Madhouse mehr als abgeliefert.

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