Eine Entschuldigung für den Schmerz, der in der Zukunft wartet: «Sorry, Baby»

Eva Victor legt mit «Sorry, Baby» ein bemerkenswertes Spielfilmdebüt vor, bei dem sie Regie, Drehbuch und Hauptrolle übernommen hat. Ihr Drama erzählt von einer Frau, die etwas vom Schlimmsten erlebt, was ein Mensch einem anderen antun kann. Und doch verkommt der Film nicht zum Elendsporno.

Ein Kätzchen hilft Agnes (Eva Victor) gegen die Einsamkeit und die Last des schlimmen Ereignisses, das ihr Leben vor drei Jahren verändert hat. | Bild: StarGlade, bearbeitet durch Jan Wattenhofer

Am Schlafzimmerfenster kleben die ausgedruckten Seiten ihrer Dissertation, die Agnes (Eva Victor) während ihres Literaturstudiums verfasst hat. Sie sitzt auf ihrem Bett, starrt auf das Papier. Neben ihr hockt Olga, ihre Katze, die sie vor einer Weile auf dem Weg zum Supermarkt gefunden hat.

Etwas quält Agnes. Und wir als Zuschauer:innen wissen zu diesem Zeitpunkt bereits, was es ist. Vorher lässt uns die US-Amerikanerin Eva Victor – Regisseurin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin von «Sorry, Baby» – eine Weile im Ungewissen und erzeugt eine unterschwellige Anspannung. Dann auf einmal zerschlägt sie die Hoffnung, dass unsere anfängliche Vermutung falsch sein könnte.

Doch gehen wir noch einmal einen Schritt zurück, zum Beginn des Films. Denn was wir zuallererst sehen, ist tatsächlich schön. Agnes’ beste Freundin Lydie (Naomi Ackie) kommt zu Besuch in das Häuschen, in dem beide während ihres Studiums an der örtlichen Universität zusammengelebt haben. Während es Lydie nach New York gezogen hat, wo sie mit ihrer Ehefrau Fran (E. R. Fightmaster) schon bald ein Kind bekommt, wohnt Agnes weiterhin im Haus und hat sich an der Uni einen Job als Juniorprofessorin erarbeitet.

In diesen Tagen mit Lydie wirkt Agnes glücklich. Eva Victor verrät jedoch in einzelnen Dialogschnipseln und Blicken, dass es sich nicht um Glück handelt, sondern um eine fragile Erleichterung darüber, dass Agnes ihr traumatisches Erlebnis kurzzeitig vergessen kann. Als Lydie ihr sagt, dass sie schwanger sei, sehen wir in Agnes’ Augen, wie sie realisiert, dass ihre beste Freundin sie in Zukunft noch seltener besuchen wird.

Wir sehen nichts und verstehen alles

Eine Erkenntnis, die wehtut. Sie ist sonst schon oft allein. Ausser, um zur Arbeit zu gehen, verlässt sie ihr Häuschen kaum. Doch woher kommt die Abschottung? «Sorry, Baby» ist ein Drama über sexualisierte Gewalt, Agnes eines ihrer Opfer. Eva Victor erzählt in fünf Kapiteln, wie wenige Minuten mit einem vermeintlich sympathischen Mann zur Quelle für einen jahrelangen – unter Umständen sogar lebenslangen – seelischen Schmerz werden.

Filmfakten

Regie: Eva Victor
Drehbuch: Eva Victor
Mit: Eva Victor, Naomi Ackie, Louis Cancelmi, Kelly McCormack, Lucas Hedges, John Carroll Lynch
Produktionsland: USA
Länge: 104 Minuten
Kinostart Deutschschweiz: 14. August 2025

Die Tat zeigt uns Victor nicht, wir sehen nur das Haus, wo sie geschieht. Die Kamera verharrt in einer Totalen: Es ist Nachmittag, zentral im Bild steht das Gebäude, das Agnes betritt. Schnitt. Früher Abend. Schnitt. Dunkelheit. Im Haus sind die Lichter an, plötzlich stürmt Agnes heraus, bleibt kurz auf der Treppe der Veranda sitzen und geht dann. Eva Victor hat nichts bebildert, und doch haben wir alles verstanden.

Zu Hause nimmt Agnes ein Bad und erzählt Lydie davon – oder versucht es zumindest. In einer weiteren quälend langen Einstellung blicken wir in Agnes’ ausdrucksloses Gesicht, während sie sich mühsam an das gerade Erlebte erinnert. Wo andere Filmschaffende den Akt der Vergewaltigung darstellen, zeigt Victor den Akt der Sinnkonstruktion – und löst ein ähnlich starkes Gefühlschaos in uns aus.

Umso erstaunlicher, dass «Sorry, Baby» trotz dieser thematischen Schwere oft heitere, teilweise sogar absurd komische Momente bietet. Die Filmemacherin findet irgendwo zwischen Tränen und Gelächter eine Balance, anstatt dem Publikum einen Elendsporno zu präsentieren. Ihre Protagonistin wird nicht durch das Trauma definiert, doch es schränkt sie ein, wie die Gefängnisse ihre Gefangenen. Ihr trockener Humor macht sie menschlich, ihr Handeln ist nachvollziehbar. Wir können wahrhaftige Empathie für Agnes aufbringen – kein Mitleid und erst recht keine falsche Solidarität.

Sex, Sandwich und Schuld

«Wir sind Frauen», sagen zwei Uni-Angestellte und deuten an, ihr Geschlecht lasse sie sofort begreifen, was Agnes durchmacht. Die Tragik: Nicht jede Frau kann nachvollziehen, wie sich eine Vergewaltigung auf ein Leben auswirkt, viel zu viele können es aber.

Opfer von sexualisierter Gewalt sind hauptsächlich Frauen. Es wäre also verständlich, wenn Eva Victor aus «Sorry, Baby» eine wütende Abrechnung mit dem männlichen Geschlecht gemacht hätte. Stattdessen verurteilt sie den Täter, nicht das Y-Chromosom, dass ihn zum Mann macht.

Sichtbar wird das an den Figuren Gavin (Lucas Hedges) und dem Ladenbesitzer Pete (John Carroll Lynch). Gavin ist der etwas unsichere, manchmal herzerwärmend trottelige, aber durchaus einfühlsame Nachbar, mit dem Agnes gelegentlich schläft. Pete ist hingegen eine flüchtige Begegnung und jemand, der für sie sowohl ein offenes Ohr als auch ein Sandwich hat.

Ein gutes Sandwich und ein nettes Gespräch mit einem Fremden können manchmal Wunder wirken. | Bild: OpenClipart-Vectors, bearbeitet durch Jan Wattenhofer

Sie fühle sich schuldig, wenn sie einmal nicht daran denke, gesteht Agnes gegenüber Pete und lässt erkennen, wie sehr sich der Schmerz in ihr eingenistet hat. Zugleich offenbart die Aussage, wie sehr Schuld verzerrt werden kann – ob nun persönlich, juristisch oder gesellschaftlich.

Trost findet Agnes bei Lydie, die sich nun auch während ihrer Besuche um ihre Ehefrau und ihr Baby kümmern muss. Bei Gavin, der sich mehr von ihr wünscht als nur Sex, wofür sie jedoch nicht bereit ist, vielleicht nie sein wird. Bei ihrer Katze Olga, die auf ihre Fragen keine Antworten geben kann.

Für sie bleibt das Leben stehen. Für die anderen geht es weiter. Für wieder andere beginnt es erst, nichts ahnend, welche schlimmen Dinge noch bevorstehen. Dafür sagt Eva Victor mit ihrem Film: «Sorry, Baby.»

Ab dem 14. August in den Deutschschweizer Kinos.

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