So viele Themen und trotzdem fehlt der Inhalt: «Bagger Drama»

Eine Familie zerbricht, weil sie nicht über den Unfalltod der Tochter reden kann. «Bagger Drama» schildert eine überaus menschliche Geschichte. Es fehlt ihr jedoch an Vielschichtigkeit, um nachhaltig in Erinnerung zu bleiben – und das trotz tanzender Baumaschinen.

Löcher graben, Bierflaschen öffnen, tanzen: die Fähigkeiten eines Baggers. | Bild: Mohamed_hassan, bearbeitet durch Jan Wattenhofer

Wenn sich die Bagger rhythmisch zur Musik bewegen, bekommen sie eine ungeahnte Anmut. Ihre Arme strecken sich gen Himmel, als wollten sie anstatt Erde ein Stück der Wolken abtragen. Eine Drehung, dann noch eine und noch eine weitere. Wie eine Ballerina, nur weniger grazil.

Die Baumaschinen tanzen sich auf die Netzhaut und von dort in den Kopf, wo sie für eine Weile bleiben werden. Schneller vergessen ist die Geschichte von Piet Baumgartners «Bagger Drama». Der Berner Regisseur erzählt in seinem Spielfilmdebüt von einer Familie, die von Minute zu Minute weiter auseinanderdriftet. Mutter Conny (Bettina Stucky), Vater Paul (Phil Hayes) und Sohn Daniel (Vincent Furrer) leiden unter dem Verlust der Tochter beziehungsweise der Schwester.

Diese kam bei einem gemeinsamen Kanu-Ausflug um – mit gerade einmal 19 Jahren. Ihr Paddelboot kenterte, und sie schlug mit dem Kopf auf einen Betonblock, der im sonst so ungefährlichen Fluss ein tödlicher Fremdkörper war und bis in die Gegenwart geblieben ist.

Filmfakten

Regie: Piet Baumgartner
Drehbuch: Piet Baumgartner
Mit: Bettina Stucky, Phil Hayes, Vincent Furrer, Karin Pfammatter, Maximilian Reichert
Produktionsland: Schweiz
Länge: 96 Minuten
Kinostart Deutschschweiz: 1. Mai 2025

Die drei Familienmitglieder versuchen nun, irgendwie weiterzumachen. Zu dritt kümmern sie sich um den Familienbetrieb, eine Verleihfirma für Bagger. Derweil sind alle noch auf eigener Mission unterwegs: Conny will erreichen, dass der Betonblock aus dem Gewässer verschwindet. Paul verliebt sich in eine andere Frau. Daniel beginnt eine Romanze mit dem neuen Arbeitskollegen und plant nebenbei sein Studium in den USA.

Viel wichtiger wäre, dass die drei endlich über ihren Verlust sprechen. Stattdessen tauschen sie Phrasen und leere Blicke aus, vermeiden möglichst das Gespräch oder ignorieren sich gleich ganz. In den Tänzen der Maschinen steckt mehr Gefühl als in jeder Interaktion zwischen den Familienmitgliedern. Es entsteht eine unterkühlte Stimmung, die den Film zwar über die kurze Laufzeit, aber nicht in die Höhen trägt, die die Baggerlöffel erreichen.

Menschlicher Stillstand

Das liegt daran, dass Piet Baumgartners Drehbuch die inhaltliche Schlagkraft fehlt. Dramen werden dann erinnerungswürdig, wenn sie mit ihren tragischen Handlungen auch Aussagen über die Welt oder die Menschen treffen und sich nicht bloss in der Traurigkeit der Ereignisse suhlen.

Wenn Andrew Haigh etwa in «All of Us Strangers» (2023) über das Schwulsein und die Einsamkeit sinniert oder Hirokazu Koreeda in «Shoplifters» (2018) klassische Familienstrukturen hinterfragt und gleichzeitig verschiedene soziale Probleme in Japan adressiert.

«Bagger Drama» verpasst es, eine solche Vielschichtigkeit zu erreichen. Potenziell bietet der Film so einige Konflikte, Motive und Themen. Die kommen aber entweder zu kurz, sind zu oberflächlich ausgearbeitet oder landen zu schnell in der Baugrube.

Einmal geht es um Daniels Homosexualität, von der Conny ahnt, Paul hingegen, so scheint es, keine Ahnung hat. Auf Connys Empfehlung erzählt Daniel seinem Vater vorerst nichts davon, zumal die Gefahr besteht, dass es sich im konservativen Berner Dörfchen herumsprechen könnte.

Den Versuch, die in manchen Landesteilen immer noch vorherrschende Idealvorstellung der Beziehung zwischen Mann und Frau zu unterlaufen, unternimmt der Film nicht. Auch die Chance, dass sich die Familie über die Klärung dieses Konflikts einander annähern könnte, bleibt ungenutzt.

Ein Symbol für Wut und Trauer, das schnell seine Bedeutung verliert: der Betonblock. | Bild: OpenClipart-Vectors

Die fehlende Kommunikation zwischen den Figuren ist derart starr im Drehbuch festgelegt, dass sich Mutter, Vater und Sohn am Ende zwar in einer neuen Lebenssituation befinden, sich als Menschen aber nicht verändern, geschweige denn an den Ereignissen wachsen dürfen.

«Bagger Drama» veranschaulicht diesen charakterlichen Stillstand exemplarisch am Betonblock, durch den die Tochter getötet wurde. Auf ihn konzentriert Conny ihre gesamte Trauer und Wut. Dadurch wird er zum Sinnbild ebendieser Gefühle. Als der Block endlich entfernt und zerstört wird, kommt Conny emotional dennoch keinen Schritt weiter. Das Sinnbild hört mit einem Mal auf, ein Sinnbild zu sein, und verkommt zu dem, was es ursprünglich gewesen ist: ein bedeutungsloser Steinklotz im Wasser.

Akzeptieren, was man nicht ändern kann

Und auch das übergreifende Thema Kommunikation – oder vielmehr ihre Abwesenheit – wird nicht vertieft. Die These des Films ist einfach: Die Familienmitglieder müssten nur miteinander reden, um ihre Probleme zu lösen. «Bagger Drama» gibt seinen Figuren aber nie die Gelegenheit, das zu beweisen oder zu widerlegen. Denn was wäre, wenn ein Dialog stattfände, daraus aber nichts resultieren würde ausser noch mehr Schmerz? Dadurch, dass der Film diese möglichen Szenarien nicht untersucht, verharrt er in der Oberflächlichkeit.

Das ist schade. Denn zumindest in zwei anderen Punkten überzeugt Piet Baumgartners Debüt durchaus. Mit seinem Kameramann Pascal Reinmann wählt er teils ungewöhnliche Winkel, die es uns verwehren, die Gesichter der Figuren vollständig zu sehen. Das führt zu Distanz und zahlt wiederum auf die unterkühlte Grundstimmung des Films ein.

Das Schauspiel überzeugt ebenso durchweg: Bettina Stucky versinkt bis zum Wahnsinn in Connys Verzweiflung, Phil Hayes’ Präsenz betont Pauls äusserliche Ungerührtheit, und Vincent Furrer gibt Daniel eine Zerbrechlichkeit, die er mühsam zu verbergen versucht.

In einer Szene sitzen Conny und Paul in der Paartherapie. Sie fragt ihren Mann, ob ihm seine Tochter gar nicht fehle. Von aussen wirkt es tatsächlich so, als sei das der Fall. «Ich habe akzeptiert, dass sie mir jeden Tag fehlt», antwortet er nach dem zweiten Mal Nachfragen.

Genauso musste ich akzeptieren, dass «Bagger Drama» zwar kein schlechter, aber leider auch nicht mehr als ein solider Film ist.

Bewertung:

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