Fünf Film-Highlights aus dem ersten Halbjahr 2025

Schnell waren sie vorbei, die ersten sechs Monate des Jahres. Und genauso schnell verschwanden einige grandiose Werke aus den Kinoprogrammen. Fünf Filme, die es nachzuholen gilt (solltest du sie nicht schon gesehen haben).

Eine symbolische Einstellung, die in Erinnerung bleibt: die auf dem Kopf stehende Freiheitsstatue in «Der Brutalist». | Bild: OpenClipart-Vectors, bearbeitet durch Jan Wattenhofer

Tom Cruise rannte voraussichtlich zum letzten Mal durch einen «Mission: Impossible»-Film. Ana de Armas mordete sich als «Ballerina» mit Handgranate wie Flammenwerfer durch ein Dörfchen in Österreich. Und als «A Complete Unknown» wurde Timothée Chalamet zur Stimme einer ganzen Generation.

Die Schweizer:innen gehen im ersten Halbjahr 2025 weniger ins Kino

Von Januar bis Ende Juni 2025 haben die Schweizer Kinos rund 10 Prozent weniger Eintritte verkauft als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Und das trotz rund 26’000 Kinovorstellungen mehr im Vergleich zu 2024. Dies gab ProCinema, der Schweizer Dachverband der Kinounternehmen und Filmverleiher, in einer Medienmitteilung bekannt.

Insbesondere in den letzten drei Wochen wurde laut ProCinema ein grosser Rückgang verzeichnet. Grund dafür ist das gute Sommerwetter, das viele andere Freizeitbeschäftigungen ermöglicht. Zudem beeinträchtigt der Hollywood-Streik von 2023 weiterhin die Verfügbarkeit von Kinofilmen.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Der Schweizer Film schnitt im ersten Halbjahr 2025 sehr gut ab und konnte seinen Marktanteil um drei Prozent auf nun zwölf Prozent steigern. Gemäss ProCinema lief insbesondere Petra Volpes «Heldin» sehr stark in den Schweizer Kinos und verzeichnete bisher über 180’000 Eintritte.

Diese fünf Filme lockten im ersten Halbjahr 2025 schweizweit am meisten Publikum in die Kinos:

  1. «A Minecraft Movie»: 288’546 Eintritte
  2. «Lilo & Stitch»: 263’620 Eintritte
  3. «Mufasa: The Lion King»: 185’323 Eintritte
  4. «Heldin»: 183’094 Eintritte
  5. «Paddington in Peru»: 181’105 Eintritte

Quelle: ProCinema

Vieles passierte schon auf den Schweizer Kinoleinwänden im ersten Halbjahr 2025, und vieles wird noch passieren. Doch welche Filme aus den vergangenen sechs Monaten sollte man unbedingt nachholen? Hier sind fünf von ihnen.


«Nosferatu – Der Untote» von Robert Eggers

Filmfakten

Originaltitel: Nosferatu
Regie: Robert Eggers
Drehbuch: Robert Eggers
Mit: Lily-Rose Depp, Nicholas Hoult, Bill Skarsgård, Aaron Taylor-Johnson, Emma Corrin, Willem Dafoe, Ralph Ineson
Produktionsland: USA
Länge: 132 Minuten
Kinostart Deutschschweiz: 2. Januar 2025

Graf Orloks Oberlippenbart im neuesten «Nosferatu»-Remake ist gewöhnungsbedürftig. Der Schrecken geht ihm aber dadurch nicht abhanden. Dafür ist Robert Eggers’ Inszenierung auch diesmal zu effektiv. Schon in seinen bisherigen drei Filmen «The Witch» (2015), «The Lighthouse» (2019) und «The Northman» (2022) entführte uns der US-amerikanische Regisseur in längst vergangene Epochen und zeigte uns Schauriges, schaurig Absurdes und Brutales zum Erschauern.

Aus Sound, Musik und Bildern komponiert Eggers in seinem «Nosferatu – Der Untote» eine eiskalte Symphonie des Grauens. Das Tageslicht ist so fahl wie die Haut des titelgebenden Vampirs. Der Mond legt einen bläulichen Schimmer über die Nacht. Fast glaubt man, Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker von 1922 zu sehen, so monochrom wirkt jede Einstellung. Die Stimme des Grafen Orlok (Bill Skarsgård) geht über Kilometer hinweg durch Mark und Bein und dröhnt noch Stunden nach dem Kinobesuch in den Ohren.

Erzählerisch hält sich Robert Eggers weitgehend ans Original, intensiviert jedoch einzelne Elemente. Thomas Hutters (Nicholas Hoult) Todesangst im Schloss des Grafen erscheint so real wie nie. Stärker denn je leidet Ellen Hutter (Lily-Rose Depp) unter ihrer Bindung zum übermächtigen Vampir, sie wirkt wie vom Teufel selbst besessen. Keine «Nosferatu»-Verfilmung zeigte Gewalt und Nacktheit derart explizit.

Robert Eggers verneigt sich mit «Nosferatu – Der Untote» vor Murnaus Original und erschafft gleichzeitig die bildgewaltigste Interpretation bisher.


«My Sunshine» von Hiroshi Okuyama

Filmfakten

Originaltitel: Boku no Ohisama
Regie: Hiroshi Okuyama
Drehbuch: Hiroshi Okuyama
Hauptrollen: Keitatsu Koshiyama, Kiara Nakanishi, Sosuke Ikematsu
Produktionsland: Japan, Frankreich
Länge: 90 Minuten
Kinostart Deutschschweiz: 6. Februar 2025

Nur knapp 1700 Menschen wollten «My Sunshine» in den Schweizer Kinos sehen. Dabei ist das japanische Drama weit mehr als nur ein Wohlfühlfilmchen. Es erzählt die Geschichte von Takuya (Keitatsu Koshiyama), einem Mittelschüler in einem verschneiten Städtchen irgendwo in Japan. Durch die gleichaltrige Sakura (Kiara Nakanishi) entdeckt Takuya das Eiskunstlaufen.

Nach einigen kläglichen Versuchen, selbst so elegant auf dem Eis zu gleiten wie das ihm noch unbekannte Mädchen, erkennt Arakawa (Sosuke Ikematsu), Sakuras Eiskunstlauflehrer, die Leidenschaft in dem unbeholfenen Schüler. Er bildet aus den beiden ein Eistanzpaar. Takuya und Sakura sollen an einem lokalen Wettbewerb antreten.

Was zunächst wie ein klassischer Feel-Good-Movie beginnt, entwickelt sich zu einem herzerwärmenden Drama, das Homophobie und starre Geschlechterrollen kritisiert, ohne die «Bösen» direkt zu verteufeln. Regisseur und Drehbuchautor Hiroshi Okuyama zeigt, dass Menschen nicht mit Vorurteilen geboren werden. Sie wachsen damit auf, können sich aber auch davon lösen.

Lies hier die ganze Kritik.


«Der Brutalist» von Brady Corbet

Filmfakten

Originaltitel: The Brutalist
Regie: Brady Corbet
Drehbuch: Brady Corbet, Mona Fastvold
Mit: Adrien Brody, Felicity Jones, Guy Pearce, Joe Alwyn, Raffey Cassidy, Stacy Martin, Emma Laird, Isaac de Bankolé
Produktionsland: USA, Vereinigtes Königreich, Ungarn
Länge: 215 Minuten
Kinostart Deutschschweiz: 30. Januar 2025

Der ungarisch-jüdische Architekt László Tóth (Adrien Brody) wird aus dem Schlaf gerissen. Es ist dunkel, nur kleine Lichtkegel dringen ein. Er steht auf, packt seine Sachen, quetscht seinen Körper zwischen den Körpern von dutzenden anderen hindurch, um voranzukommen. Die Leute sind geschäftig, rufen Namen und Wörter durch die Dunkelheit, tragen Koffer und Taschen vor sich her. László schreitet Treppenstufen hoch. Der Weg wird für einen Moment stark erhellt, er blickt aus einem Fenster hinaus. Weiter die Stufen hoch, nur noch wenige Schritte, dann öffnet sich eine Tür. Das Licht blendet. «Sieh dir das an», sagt Lászlós Freund, bevor sie gemeinsam in Jubel und Freude ausbrechen. Bläser spielen majestätisch auf. Die Freiheitsstatue, doch sie steht auf dem Kopf. Der amerikanische Traum wartet, doch er ist entstellt – und das bereits 1947.

Es sind diese ersten Minuten von «Der Brutalist», die die Augen auf die Leinwand bannen und die nächsten dreieinhalb Stunden dort festhalten. Regisseur Brady Corbet inszeniert ein amerikanisches Epos mit einem Budget von gerade einmal 9,6 Millionen US-Dollar. Der Film sieht jedoch mindestens zehnmal so teuer aus.

Die Geschichte des fiktiven Architekten László Tóth, der den Holocaust überlebt hat, nach Amerika auswandert und für den vermögenden Geschäftsmann Harrison Lee Van Buren (Guy Pearce) ein Kulturzentrum entwirft, erzählt Corbet in Bildern, die man auf der Kinoleinwand gesehen haben muss. Gebäude und Baustellen wirken so massiv, als hätte die Natur sie selbst erschaffen, wie den Marmor in Carrara.

Die monumentalen Bilder, das herausragende und preisgekrönte Schauspiel, die erhabene Musik von Daniel Blumberg und das vielschichtige Drehbuch zerschlagen den American Dream in einer Opulenz, die lange nicht mehr im Kino zu sehen war.


«Heldin» von Petra Volpe

Filmfakten

Regie: Petra Volpe
Drehbuch: Petra Volpe
Mit: Leonie Benesch
Produktionsland: Schweiz, Deutschland
Länge: 92 Minuten
Kinostart Deutschschweiz: 27. Februar 2025

Beim Schauen von «Heldin» drängt sich immer wieder eine Frage auf: Erlebt eine Pflegefachfrau hier eine gewöhnliche Spätschicht in einem Schweizer Kantonsspital, oder überdramatisiert Regisseurin und Drehbuchautorin Petra Volpe? Wahrscheinlich Letzteres.

Doch wie, wenn nicht mithilfe von etwas Fiktion, könnte Volpe uns besser aufwühlen und zeigen, unter welchem Druck die Pflegefachkräfte täglich stehen? Besonders, wenn wieder zu wenig Personal auf der Station ist und die Pfleger:innen noch stärker belastet werden.

Das Ziel des Films ist klar: Er will die prekären Zustände in den Spitälern kritisieren. Einerseits gelingt das Petra Volpe mit ihrer Regie. Gemeinsam mit Kamerafrau Judith Kaufmann inszeniert sie lange Plansequenzen durch die Spitalgänge, die mitten ins Geschehen ziehen. Je stressiger Floria Linds (Leonie Benesch) Schicht wird, desto kürzer werden jedoch die Einstellungen, desto hektischer wird der Schnitt.

Andererseits gelingt die Kritik durch Volpes Drehbuch, das Floria mit unzähligen Patient:innen sowie deren Angehörigen konfrontiert. Immer ist die Pflegefachfrau auf dem Sprung und in Erklärungsnot: Warum es so lange dauere, um einen Tee zu holen, blafft einer. Warum die leitende Ärztin noch nicht bei ihm gewesen sei, fragt ein anderer zum x-ten Mal. Ob sich Floria denn überhaupt für die Kranken hier interessiere, kommt ein weiterer Kommentar.

All diese anklagenden Fragen, wie vor Gericht. «Entschuldigung, wir sind heute leider nur zu zweit», erklärt Floria mehrfach. Die wenigsten Leute haben Verständnis, die meisten sind ignorant und egoistisch – oder schlicht Arschlöcher.

Der sehr offensichtliche Aktivismus im Film kann stören, da Petra Volpe durchaus um eine gewisse Authentizität bemüht ist, die mit der Überhöhung der Fiktion unterwandert wird. Und auch der Titel «Heldin» ist zu pathetisch (da gefällt mir der internationale Titel «Late Shift» in seiner Unaufdringlichkeit besser).

Allerdings hat sich kein Berufsstand ein Kinodenkmal so sehr verdient wie die Pflegefachkräfte. Klatschen reicht eben nicht, ein Film ehrlicherweise genauso wenig. Doch vielleicht heizt «Heldin» die Diskussion um bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Entlohnung im Gesundheitswesen weiter an.


«A Real Pain» von Jesse Eisenberg

Filmfakten

Regie: Jesse Eisenberg
Drehbuch: Jesse Eisenberg
Mit: Jesse Eisenberg, Kieran Culkin, Will Sharpe, Jennifer Grey, Kurt Egyiawan
Produktionsland: USA, Polen
Länge: 90 Minuten
Kinostart Deutschschweiz: 16. Januar 2025

Grossmutter Dory ist eine Holocaust-Überlebende. Grossmutter Dory hat sich ein neues Leben in den USA aufgebaut. Grossmutter Dory hat zwei Enkelkinder: den introvertierten David (Jesse Eisenberg) und den extrovertierten Benji (Kieran Culkin). Doch nun ist sie gestorben, und die beiden ungleichen Cousins reisen zum Gedenken an ihre Grandma nach Polen.

Dort schliessen sie sich einer Reisegruppe an und lernen ihre polnischen Wurzeln und ihr jüdisches Kulturerbe besser kennen. Sie werden aber auch mit der Schoa konfrontiert – und damit mit einem Teil von Grossmutter Dorys Vergangenheit.

Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Jesse Eisenberg erzählt in «A Real Pain» vor allem von Trauerbewältigung und – wie es der Titel schon andeutet – Schmerz. Dieser Schmerz hat viele Formen: der Tod eines geliebten Menschen, die Gräuel in den Konzentrationslagern, aber auch die aktuellen Krisen der Welt, die viele Leute davon abhalten, überhaupt noch Nachrichten zu konsumieren.

«A Real Pain» fragt danach, wie sehr wir unser Dasein von negativen Gefühlen bestimmen lassen dürfen oder sollen. Die Antwort liegt irgendwo zwischen den beiden Protagonisten: Während David versucht, dem Schmerz aus dem Weg zu gehen, lässt sich Benji von ihm auffressen.

Jesse Eisenberg führt uns mit einer unaufdringlichen Inszenierung durch den Film. Er zeigt viel Empathie für seine Figuren, denen er auch immer wieder heitere oder sogar witzige Momente schenkt. Wenn Benji beispielsweise die Anmut von Davids Füssen würdigt oder alle dazu anstachelt, vor einem Kriegsdenkmal alberne Posen für ein Gruppenfoto einzunehmen.

«A Real Pain» wäre aber kein so guter Film ohne seine beiden Hauptdarsteller. Besonders Kieran Culkin brilliert in seiner Rolle und wurde dafür zurecht mit dem Oscar ausgezeichnet. Er spielt Trauer, Unsicherheit und Enttäuschung ebenso überzeugend wie die Energie, Nervosität und Liebenswürdigkeit, mit der Benji versucht, seinen Schmerz zu kaschieren.

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