Mike Hodges’ «Flash Gordon»: Per Raketoped durch den Schwachsinn!

Die kultige Comicverfilmung «Flash Gordon» aus dem Jahr 1980 hätte zu einem jener Streifen werden können, von dem man gerne sagt: «So schlecht, dass er schon wieder gut ist!» Doch trotz des glänzenden Kostüm- und Set-Designs überwiegen leider die Elemente, die einfach nur schlecht sind.

Die Erde wird zur Zielscheibe einer zerstörerischen ausserirdischen Macht – nur Flash Gordon kann den Planeten retten! | Bildmaterial: OpenClipart-Vectors, bearbeitet von Jan Wattenhofer

Wie jede Menge andere 16-jährige Teenager verirrte auch ich mich 2012 ins Kino, um mir Seth MacFarlanes kiffenden, saufenden und fluchenden Stoffbären «Ted» reinzuziehen. Mehrfach wird in der derben Komödie mit Marky Mark Wahlberg und Mila Kunis auf einen wasserstoffblonden Muskelprotz im roten Tanktop angespielt, der im Schneckentempo auf einem Raketen-Segway durch die Lüfte gleitet. «Wer zur Hölle soll denn Flash Gordon sein?», dacht’ ich mir damals.

Ich spule vor in den Mai 2026, es ist endlich so weit, ich hab’ ihn gesehen, diesen Kultstreifen aus dem Jahr 1980, über den Filmfans weltweit immer wieder nuscheln, brabbeln und schwatzen, als wäre er eine Art Heiliger Gral des trashigen Science-Fiction-Kinos. So viel bereits vorweggenommen: Ja, «Flash Gordon» sticht heraus wie ein sagenumwobener, diamantenbesetzter Kelch in der Ikea-Geschirrabteilung – und das im positiven wie im negativen Sinne.

Filmfakten

Regie: Mike Hodges
Drehbuch: Lorenzo Semple Jr.
Kamera: Gilbert Taylor
Schnitt: Malcolm Cooke
Musik: Queen (Songs), Howard Blake (Score)
Mit: Sam J. Jones, Peter Marinker, Max von Sydow, Melody Anderson, Chaim Topol, Ornella Muti, Timothy Dalton, Brian Blessed, Peter Wyngarde, Mariangela Melato, William Hootkins, Philip Stone, John Osborne, John Hallam
Produktionsland: USA, Vereinigtes Königreich
Länge: 111 Minuten
Erscheinungsjahr: 1980

Bevor wir dazu kommen, muss aber erst die Frage beantwortet werden, wer zur Hölle Flash Gordon denn nun ist. Der Zeichner und Illustrator Alex Raymond entwarf den gut aussehenden, Polo spielenden Science-Fiction-Helden, der 1934 zum ersten Mal als Comicstrip abgedruckt wurde, um der erfolgreichen «Buck Rogers»-Reihe Konkurrenz zu machen. Nur zwei Jahre danach war Flash bereits als Serial – das heisst als zehn- bis zwanzigminütiges Fortsetzungsfilmchen, das meist billig produziert wurde und immer mit einem Cliffhanger endete – auf der grossen Leinwand zu sehen. Bis 1940 liefen insgesamt drei Flash-Gordon-Serials in den US-amerikanischen Lichtspieltheatern.

Noch mal 40 Sonnenumrundungen später folgte die gross angelegte Kinoproduktion des Filmproduzenten Dino De Laurentiis. Der Italiener hatte zuvor lange in der Cinecittà gearbeitet, wo er vor allem mit Regieikone Federico Fellini Erfolge feiern und international für Aufsehen sorgen konnte. In den 70er-Jahren ging’s für ihn nach Hollywood. Bei bekannten Filmen wie Sidney Lumets «Serpico» (1973) oder Michael Winners «Ein Mann sieht rot» (1974) hatte De Laurentiis seine Finger im Spiel.

Den Auftakt seiner 80er-Jahre-Karrierephase bewerkstelligte er mit «Flash Gordon», für den er nach langem Hin und Her – angedacht für die Inszenierung war zuerst sein Kumpel Fellini, dann Nicolas Roeg und anschliessend sogar Sergio Leone – den Briten Mike Hodges mit der Regie betraute. Für das Drehbuch setzte De Laurentiis einen alten Bekannten hinter die Schreibmaschine: Lorenzo Semple Jr. hatte für den italienischen Produzenten bereits das Skript zum «King Kong»-Remake von 1976 mit Jeff Bridges und Jessica Lange verfasst.

Aus Flash Gordon, dem attraktiven Polospieler, machte Semple Jr. Flash Gordon, den attraktiven Football-Star (Sam J. Jones). Während der intergalaktische Imperator Ming (Max von Sydow) einen Angriff auf die Erde startet, sitzen Flash und die Reiseleiterin Dale Arden (Melody Anderson) gerade in einem Flugzeug, das auf halber Strecke zum Ziel seine Piloten verliert. Dem muskulösen Blondschopf gelingt mithilfe von Dale eine einigermassen sichere Bruchlandung, wobei sich die beiden direkt im Labor von Dr. Hans Zarkov (Chaim Topol) wiederfinden. Der Wissenschaftler hat schon mit einem ausserirdischen Überfall gerechnet und eine Rakete gebaut, die er allerdings alleine nicht bedienen kann. Daraufhin nötigt er Flash und Arden, ihm dabei zu helfen, die Maschine zu starten und Imperator Ming auf dem Planeten Mongo einen Besuch abzustatten.

Rassismus im All

Aus dieser Prämisse entspinnt sich eine knallbunte Weltraumoper mit Science-Fiction-, Fantasy- und Abenteuerfilmelementen, die irgendwo zwischen den beiden Polen «Was ein Schrott!» und «So schlecht, dass es schon wieder gut ist» umherpendelt. Für unzählige Fans scheint das Pendel besonders zum letzteren Pol hin auszuschlagen (ich persönlich seh’ das etwas anders …) und dort festzuhängen, als führe kein Weg an dessen starkem Magnetfeld vorbei. So überrascht es kaum, dass der Streifen heute Kultstatus hat.

Es existieren allerlei Flash-Gordon-Umsetzungen, direkt inspiriert von Mike Hodges’ Kinofilm: Flipperkasten, ein Atari-2600-Videospiel, Punk-Songs, Romane und natürlich weitere Comics. Hinzu kommen die Auftritte von Hauptdarsteller Sam J. Jones in «Ted» und der Fortsetzung «Ted 2» (2015) sowie die Dokumentation «Life After Flash» (2017), die Entstehungsgeschichte des Kultstreifens und Jones’ Karriere nach dessen Veröffentlichung beleuchtet.

Der Plot von «Flash Gordon» folgt einer klassischen Gut-gegen-Böse-Dramaturgie samt wackerem Helden und diabolischem Schurken, der im Kontext des Films als fremde und deshalb zwangsläufig gefährliche Macht auftritt. Imperator Ming verkörpert dieses gefährlich Fremde und erinnert in seiner Aufmachung stark an eine Mischung aus Höllenfürst und ostasiatischem Monarchen. Eine Darstellung, die zweifellos problematisch ist, selbst wenn sie comicartig überspitzt daherkommt.

Zu Recht wird Ming von Kritiker:innen mit dem rassistischen Ausdruck der «Gelben Gefahr» verbunden. Damit wird die Bevölkerung Ost- und Südostasiens, insbesondere auch Chinas, als Bedrohung für die weisse westliche Welt zusammengefasst. Der US-amerikanische Football-Spieler Flash Gordon kann als ein solcher Vertreter jenes fremdenfeindlichen weissen Westens gesehen werden, der den «bösen Asiaten» in die Schranken weist.

Immerhin etwas Positives lässt sich über Imperator Ming sagen: Er wurde hier von einem herausragenden Darsteller gemimt. Sicherlich war der Schwede Max von Sydow vor diesem Bösewicht in weitaus komplexere Rollen geschlüpft – vornehmlich während seiner jahrelangen Zusammenarbeit mit dem Meister Ingmar Bergman –, nichtsdestotrotz ist seine Schauspielleistung die beste in den gesamten 111 Minuten. Nicht unbedingt, weil von Sydows Spiel beeindruckend ist (nein, wirklich nicht …), sondern weil er als einer von zweien zumindest nicht negativ auffällt. Der andere davon ist Peter Wyngarde als General Klytus, wenngleich angemerkt werden muss, dass der Typ vom Anfang bis zum Schluss eine goldene Doctor-Doom-Maske trägt, die so einiges an schlechtem Schauspiel kaschiert.

Der restliche Cast ist, um es nett auszudrücken, schrecklich. Und auch hier wieder: leider nicht so schrecklich, dass die ganze Chose unterhaltsam wird … mit der Ausnahme von Chaim Topol als Dr. Hans Zarkov. Sam J. Jones in der Titelrolle agiert steif wie ein Brett und wirkt in jedem Dialog, als wäre er damit überfordert gewesen. Ähnlich verhält es sich mit Melody Anderson als Dale Arden, Flashs Love Interest. Unübersehbar sind die schauspielerischen Defizite der beiden, wenn sie ihrer gegenseitigen Liebe Ausdruck verleihen sollen. Funken wollen zu keiner Sekunde sprühen. Eher scheint es, als hätte ein Kind mit Barbie- und Ken-Puppen eine Lovestory nachgespielt, die es am Tag zuvor in einem schlechten Fernseh-Cartoon gesehen hat.

Wie das glänzt!

Doch vorerst genug draufgehauen … Klar, der Film ist ein ziemlich grosser Müllhaufen, aber wenigstens einer, der unheimlich hübsch glitzert! Und wen wundert’s bei einem damals hohen Budget von 20 bis 35 Millionen US-Dollar? Zum Vergleich: «Star Wars: Episode V – Das Imperium schlägt zurück», ebenfalls aus dem Jahr 1980, kostete rund 33 Millionen. Bei «Flash Gordon» kommt es einem allerdings so vor, als hätte Produzent Dino De Laurentiis 95 Prozent des Geldes in nur drei Posten investiert: Musik, Kostüme und Sets.

Der italienische Kostüm- und Szenenbildner Danilo Donati – wieder haben wir hier einen treuen Kollegen Fellinis – gestaltete farbenprächtige, extravagante Anzüge, Kleider und Sets, die derart stark funkeln, glänzen und schimmern, dass das Tragen einer Sonnenbrille während des Schauens keine allzu dumme Idee ist. Donatis Designs entlocken diesem drittklassigen Film einen gewissen kunterbunten Comic-Charme, bei dem sich aktuelle Superheldenstreifen gerne etwas ausgiebiger bedienen könnten.

Ein Highlight in Sachen Kostüm sind eindeutig die sporadisch auftauchenden Reptilienmänner. Aus welchem Grund auch immer sitzt in ihren schlangenähnlichen Schlünden ein leuchtend rotes, anscheinend von Traumata geplagtes Menschengesicht. Völlig bizarr und zum Schiessen komisch! Und dann bietet uns «Flash Gordon» noch psychedelisch anmutende Weltraumpanoramen voller interstellarem Nebel in knalligem Rot, Violett und Giftgrün. Da kommen sogar Erinnerungen an die bewusstseins- und evolutionserweiternde Sternentorsequenz aus Stanley Kubricks «2001: Odyssee im Weltraum» (1968) hoch.

Zu all dem visuellen Wahnsinn gesellen sich eigens für den Film komponierte Songs der Rockband Queen, die, genau wie Donatis Kostüm- und Set-Design, zu den charmantesten Elementen von «Flash Gordon» gehören. Queens gitarrenlastige Klänge sind ideal, um fulminant inszenierte Fantasy-Science-Fiction-Action zu begleiten – nur blöderweise fehlt die komplett. Um Missverständnisse zu vermeiden: Selbstredend bietet diese Weltraumoper Keilereien und Schlachten und Explosionen, aber jeder einzelnen Actionsequenz fehlt es an Dynamik, an Wucht und vor allem an Geschwindigkeit. Vollkommen egal, ob Falkenmann, Raumschiff oder Raketoped – alles, was eigentlich rasant durchs All donnern sollte, bewegt sich mit maximal fünf Mongo-Meilen pro Stunde (Randnotiz: Das Längenmass Mongo-Meile stammt nicht von mir …).

Spektakulär geht anders, was ebenfalls auf die Nahkämpfe zutrifft. Wenn Flash seine Football-Moves auspackt, um Mings Schergen niederzurennen: lächerlich. Wenn Flash gegen den Robin-Hood-Verschnitt Prinz Barin (Timothy Dalton) ein Peitschen-Battle austrägt: langweilig … obwohl die SM-Anleihen – die, nebenbei bemerkt, an allen Ecken und Enden des Films zu finden sind – zumindest für etwas Würze sorgen.

Jaja, es ist nicht zu übersehen, dass mit «Flash Gordon» ein aufregendes Space-Abenteuer hätte entstehen sollen. Doch das Ganze ging nach hinten los, trotz einiger liebenswerter Bausteine. Vielleicht hätte Dino De Laurentiis die Rechte am muskelbepackten Blondchen lieber George Lucas verkauft. Als grosser Fan wollte Lucas bereits in den 70er-Jahren einen Flash-Gordon-Streifen umsetzen. Tja, hat er stattdessen halt einfach «Star Wars» gemacht …

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