
Mit einem Fehler fing sie an, meine Faszination für Charles Bukowski. Zumindest würden es viele als Fehler bezeichnen, denn der deutschamerikanische Schriftsteller und sein Werk sind streitbar. Obszön, banal und scheusslich sexistisch wird’s zu häufig in seinen Geschichten, die sich um Scheissjobs in Fabriken und Postämtern drehen. Um Pferdewetten und die dutzenden Systeme, die das Glück auf den Rennbahnen berechenbarer machen sollen. Um hübsche Beine von hübschen Frauen und ums – wir können es beim Namen nennen – Ficken. Klassische Musik aus dem Radio und dazu das Tippen auf einer Schreibmaschine kommen ebenfalls oft vor.
Und natürlich geht’s um Unmengen an Drinks: Bier, Whisky, Wein, gebutterter Rum, Wodka … Ja, der «Schreibweltmeister im Schwergewicht», wie ihn einige Kritiker:innen nannten, war schwerer Alkoholiker. Genau wie sein erfundenes zweites Ich namens Henry Chinaski, der Protagonist von Bukowskis teilautobiografischen Romanen.
«Das ist das Problem mit dem Trinken, dachte ich, während ich mir etwas einschenkte. Wenn etwas Schlimmes passiert, trinkt man, um es zu vergessen. Wenn etwas Gutes passiert, trinkt man, um zu feiern. Und wenn nichts los ist, trinkt man, damit was passiert.»
Charles Bukowski, «Das Liebesleben der Hyäne» (1978)
Neben all dem Suff und den Schweinereien enthalten seine Bücher aber auch eine grosse Schwermut, ja eine Verzweiflung über die Ungerechtigkeit und den Wahnsinn der Welt. Zu finden sind aufrichtige und klare Passagen, in denen noch im widerwärtigsten Dreck ein Stückchen Schönheit schimmert. Skurriler Humor kommt in den rasanten Dialogen zum Vorschein. Unverhohlen erkennen wir in Bukowskis Texten die Ausbeutung der einfachen Arbeiter:innen.
Trotz der zutiefst widerwärtigen Misogynie und des gelegentlichen Menschenhasses verstecken sich in seinen Storys Beschreibungen voller Zärtlichkeit. Beispielsweise wenn der einsame Chinaski im Buch «Das Liebesleben der Hyäne» (1978) über seine verheiratete Nachbarin berichtet, mit der er Bier getrunken, Händchen gehalten und sie manchmal geküsst habe. «Sie war entsetzlich faltig, doch dafür konnte sie nichts. Sie war katholisch, und wenn sie sich am Sonntagmorgen zum Kirchgang ihren rosaroten Hut aufsetzte, sah sie ganz reizend aus.» Oder wenn in ihm die Kindheitserinnerungen an seinen Grossvater hochkommen:
«Er stank wirklich sehr aus dem Mund, aber ich hatte keine Angst vor ihm, denn er war der schönste Mann, den ich je gesehen habe.»
Charles Bukowski, «Das Schlimmste kommt noch» (1982)
Obwohl Bukowski viele Episoden aus seinem Leben mithilfe der Literatur verarbeitete, sollten wir der Versuchung widerstehen, die Bücher als verlässliche Quelle für seine Biografie zu begreifen. Es bleibt überhöhte Fiktion, und als solche müssen wir seine Romane rezipieren, selbst wenn die Grenzen zwischen Wahrheit und Dichtung, Bukowski und Chinaski fliessend sind.
Ausser Wälzern mit ein paar hundert Seiten verfasste der Schriftsteller unzählige Gedichte und Kurzgeschichten – sowie ein Drehbuch. Nach einer viel zu langen Einleitung sind wir nun also endlich beim eigentlichen Thema: dem Film «Barfly» von 1987. Der Schweizer Regisseur Barbet Schroeder führte Regie bei dieser versifften wie versoffenen Tragikomödie, in der Bukowskis Alter Ego Henry Chinaski ein weiteres Mal im Mittelpunkt steht.
Filmfakten
Alternativtitel: Szenen eines wüsten Lebens
Regie: Barbet Schroeder
Drehbuch: Charles Bukowski
Kamera: Robby Müller
Schnitt: Éva Gárdos
Musik: Jack Baran
Mit: Mickey Rourke, Faye Dunaway, Alice Krige, Jack Nance, J.C. Quinn, Frank Stallone, Sandy Martin, Roberta Bassin, Gloria LeRoy, Joe Unger, Harry Cohn, Pruitt Taylor Vince, Fritz Feld, Charles Bukowski, Albert Henderson
Produktionsland: USA
Länge: 100 Minuten
Erscheinungsjahr: 1987
Der etwa 30-jährige Suffkopp zecht täglich im Golden Horn, einer Spelunke irgendwo in einem heruntergekommenen Stadtteil von Los Angeles. Allerhand Schluckspechte und Schnapsdrosseln lungern sonst noch in dem Lokal herum und sitzen stundenlang in einer Reihe an der Bar wie andere Vogelarten auf Stromleitungen. Am Ausschank stehen entweder Jim (J. C. Quinn), Besitzer des Golden Horn, oder der Barkeeper Eddie (Frank Stallone), mit dem sich Henry regelmässig hinterm Haus prügelt, wobei er meist gehörig die Fresse poliert bekommt.
«Immerhin, einen Vorteil hatte das Trinken: Wenn ich nüchtern gewesen wäre, hätte ich all diese Kämpfe kaum überlebt, doch im Suff hat man einen Körper aus Gummi und einen Kopf aus Zement.»
Charles Bukowski, «Hollywood» (1989)
Wenn er nicht erfolglos die Fäuste schwingt, hört er in seiner zugemüllten Bruchbude ein bisschen Klassik, während er ein paar Zeilen Poesie oder Short Storys auf Papierfetzen kritzelt. Und, na ja … dabei giesst er sich logischerweise einen auf die Lampe. Zugegebenermassen klingt das bis hierhin noch wenig filmreif. Barbet Schroeders bedächtige, aber gezielte Regie, Robby Müllers klare, schön ausgeleuchtete Bewegtbilder, Bob Ziembickis detailreich abgefuckte Kulissen und das dazu passende Kostümdesign von Milena Canonero verpassen «Barfly» jedoch eine hochwertige 80er-Jahre-Hollywood-Ästhetik.
Abgesehen von technischem und kunstfertigem Geschick wartet der Streifen mit einem formidablen Mickey Rourke in der Hauptrolle auf. Er trägt die fettigen Haare, den Fünftagebart, die siffigen, abgetragenen Klamotten und das zu kurze T-Shirt, unter dem sein Bauchansatz rausguckt, mit einnehmender Selbstverständlichkeit. Gebeugt und leicht humpelnd stolziert er durchs Bild. Motorik und Redeweise sind behäbig, als würde sein Hirn in einem Sud aus Kafi Luz und Glühwein dahinschmoren. Rourke macht Henry Chinaski zu einer der unterhaltsamsten Barfliegen, die je auf der Kinoleinwand zu sehen waren.
Allerdings können selbst Barfliegen nicht allein von der Sauferei leben. Verrückterweise brauchen auch sie ab und zu feste Nahrung. Als sich Henry zufällig in die Wohnung seines Nachbarn verirrt, lässt er Schinken und Toastbrot mitgehen und schlägt sich den Wanst voll. Später im Golden Horn provoziert er wieder mal eine Klopperei mit Eddie. Zur Abwechslung gewinnt er sogar …
«Essen ist gut für die Nerven und die Seele. Der Mut kommt aus dem Bauch – alles andere ist Verzweiflung.»
Charles Bukowski, «Der Mann mit der Ledertasche» (1971)
Beim Kampf hat Jim auf Henry gewettet und teilt seinen Gewinn mit dem Besoffski, der dann als Ausnahme im Kenmore, einer anderen Kaschemme, weiterbechert. Am anderen Ende der Bar erblickt er eine Frau und setzt sich zu ihr. «Ich kann Menschen nicht ausstehen … Ich hasse sie …», das ist das Erste, was sie zu Henry sagt. Er spendiert ein paar Getränke. Wanda heisst die Dame, die rund zehn Jahre älter ist als unser Protagonist. Ihre Rolle übernahm Faye Dunaway, die Ende der 60er-Jahre mit Arthur Penns grossartigem «Bonnie und Clyde» (1967) berühmt wurde.
Wie Henry ist Wanda stark trunksüchtig. Und wie er wirkt sie verbraucht, schreitet allerdings im Gegensatz zu ihm, dem vieles gleichgültig zu sein scheint, mit einer Hoffnungslosigkeit durch ihre Existenz. Dunaway verlieh dieser Figur, trotz all der in Alkohol getränkten Trauer, die in ihr schlummert, Mut und Freude und Stolz. Die Hollywood-Ikone beherrscht jede Einstellung, in der sie zu sehen ist. Egal, ob sie eine Zigarette raucht, zur Flasche greift oder versucht, sich nicht in Henry zu verknallen – was erwartungsgemäss scheitern muss.
Denn dieser Film ist ein Cocktail aus Sittengemälde, Tragikomödie und seltsamer Romanze, die anders als Bukowskis Bücher keine expliziten Sexszenen beinhaltet. Ebenso bleibt uns der abstossende Sexismus erspart, obwohl es dann leider doch den einen oder anderen lüsternen Moment in «Barfly» gibt … Nichtsdestotrotz rückt das Körperliche in den Hintergrund, und vor unseren Augen entfaltet sich die komplizierte Liebe zweier tragischer Gestalten.
Wobei «Liebe» nicht ganz das treffende Wort ist, um die Beziehung zwischen Henry und Wanda zu beschreiben. Sie hegen sicherlich eine Zuneigung füreinander, die als solide Grundlage für intensivere Gefühle dient, aber Ängste, Geldprobleme und die Chance auf einen Gratisdrink reissen die beiden Süffel immer wieder auseinander. Wir erkennen im Lauf des Films, dass sie das Innere des jeweils anderen vielleicht so gut verstehen, wie es niemand sonst könnte. Zugleich befeuern sie gegenseitig ihren zerstörerischen Saufexzess.
«Das ist deine Antwort auf alles. Trinken.» – «Nein, das ist meine Antwort auf gar nichts.»
Charles Bukowski, «Hollywood» (1989)
Charles Bukowski nutzte für seine Romane meist keinen konventionellen Spannungsbogen. Genauso pfiff er für das Drehbuch zu «Barfly» auf eine herkömmliche Drei-Akt-Struktur. Wie die Bücher besteht der Streifen hauptsächlich aus Einzelmomenten, die mal mehr, mal weniger miteinander zusammenhängen. Dazu passend lautet der deutsche Alternativtitel des Films «Szenen eines wüsten Lebens».
Jene Szenen können blutig, fröhlich, besoffen, traurig, unangenehm, etwas vulgär oder absurd witzig sein. Wenn zum Beispiel ein betagter Trunkenbold seinen Whisky verschüttet, weil er so heftig zittert. Daraufhin hat der Oldtimer einen Geistesblitz: Er nimmt seinen Schal, den er sich um den Nacken legt, und bindet das eine Ende fest um sein linkes Handgelenk, wodurch er sich kurzerhand einen Flaschenzug gebastelt hat. Mit der rechten Hand kann er nun am anderen Ende ziehen, sodass die Spirituose in seiner Linken sachte zum Mund geführt wird, ohne dass nur ein Tropfen auf den Tresen träufelt. Jaja, die Alkoholsucht scheint unter gewissen Umständen die Kreativität anzukurbeln …
«Ich schrieb nur über das Leben – doch wirklich staunenswert fand ich bei manchen Menschen den ungeheuren Mut, dieses Leben zu leben. Das hielt mich bei der Stange.»
Charles Bukowski, «Hollywood» (1989)
So unterschiedlich die Emotionen sind, die die einzelnen Szenen hervorrufen, so vielschichtig werden Henry und Wanda charakterisiert. In ihnen stecken massenhaft Fehler und ebenso viele Stärken. Dieser Säufer und diese Säuferin tun und sagen Schlechtes wie Gutes, benehmen sich aggressiv wie liebevoll, begegnen anderen egoistisch wie grosszügig. Sie sind peinlich und aufbrausend und unflätig. Sie sind hilfsbereit und einsam und lustig. Sie sind menschlich, wenn auch hier und da überzeichnet. Selbiges trifft in ähnlichem Masse auf die Nebenfiguren zu, die «Barfly» bevölkern.
Über Henry sagt Jim, der Besitzer des Golden Horn, einmal: «Er ist genauso okay wie wir alle.» Exakt. Zu keiner Zeit werden diese Leute für ihre Makel oder ihr Fehlverhalten verurteilt, niemand erhebt den moralischen Zeigefinger. Viel eher gelingt hier eine wahrhaftige Darstellung einer Lebenswelt, die sich konfrontiert sieht mit Diffamierungen und Schuldzuweisungen, was Fragen aufwirft: Wie blicken wir selbst im Alltag auf dieses Milieu? Sind diese Menschen wirklich zu hundert Prozent selbst schuld an Armut und Sucht? Wo versagt der Staat? Und wie sehr sind all die Henrys und Wandas da draussen Opfer des ausbeuterischen Kapitalismus?
«In einer kapitalistischen Gesellschaft machten die Verlierer die Sklavenarbeit für die Gewinner, und gebraucht wurden mehr Verlierer als Gewinner.»
Charles Bukowski, «Hollywood» (1989)
Zwar ruft «Barfly» in uns jene genannten Fragen wach, und Henry sagt in einer Szene richtigerweise, dass niemand so leide wie die Armen. Von einer Kapitalismuskritik zu sprechen, wäre im Zusammenhang mit diesem Streifen dann aber doch übertrieben. Dafür wird er zu wenig konkret und schwelgt teilweise zu arg in einer Romantisierung des missverstandenen Kneipenpoeten, die mit der wohlhabenden Verlegerin Tully Sorenson (Alice Krige) eine eigene Verkörperung erhält.
Als Entdeckerin des dichtesten Dichters zahlt sie Henry 500 Dollar für eine Kurzgeschichte, die sie in ihrem Magazin abdrucken wird. Wesentlich mehr hat sie allerdings von ihm gelesen und sich in einen von Chinaski erschaffenen Mythos verguckt, der in Realität nie existiert hat. Henry bleibt eben nun mal Henry. Interessant ist, dass er durch Tully einen Blick in die reiche Oberschicht erhascht. Die Verlegerin nimmt ihn mit zu sich, in ihren «goldenen Käfig», wie Henry die Villa nennt, und bietet ihm sogar ein Zimmer an, in dem er in Ruhe schreiben könnte. Doch: «Hör zu, Baby, ich gehör’ auf die Strasse.»
Henrys Worte zeigen, wie bewusst ihm die Klassengesellschaft ist, aber auch wie sehr er sie als unveränderbaren Status quo verinnerlicht und akzeptiert hat. Zudem spiegelt sich im Ausschlagen des Angebots ein Misstrauen sowie eine Aversion gegenüber den Reichen und Mächtigen wider.
Von denen irren in der US-Filmindustrie haufenweise umher, was Charles Bukowski während der Umsetzung seines Skripts wahrscheinlich mehr als einmal beobachtet hat. In seinem empfehlenswerten Roman «Hollywood» (1989) schilderte er in verfremdeter Form die Produktion dieser verschroben romantischen, erschütternd menschlichen und ausgesprochen gelungenen Tragikomödie.
Gegenüber dem gefeierten Filmkritiker Roger Ebert, der Ende der 80er-Jahre das Set von «Barfly» besuchen durfte, bestätigte Bukowski höchstpersönlich, was wir uns aufgrund seiner Texte bereits gedacht haben: Eigentlich hasste er das Kino, und zuerst wollte er gar kein Drehbuch schreiben. Und dann schrieb er es doch.
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