Hitchcocks «Die 39 Stufen»: Spionage-Thriller voller Effizienz und Eleganz

Viele Kritiker:innen zählen «Die 39 Stufen» zum Besten, was Alfred Hitchcock vor seiner Hollywood-Phase gedreht hat. Und zweifellos bietet der Spionage-Thriller so viel Suspense, Regiekniffe, Effizienz und Eleganz, dass wir nur staunen können – trotz seines Alters von über 90 Jahren.

Verbunden durch 39 Stufen, gefesselt mit Handschellen. | Bildmaterial: Clker-Free-Vector-Images, bearbeitet von Jan Wattenhofer

Von wegen, alte Filme seien langsam und zäh … Nichts da! Beweis gefällig? «Die 39 Stufen» aus dem Jahr 1935. Kaum eine Sekunde zum Durchatmen gönnt uns dieser britische Spionage-Thriller, derart viel Spannung, Charme und Witz mussten in diese knappen 86 Minuten hineingequetscht werden. Fulminant und nahtlos ist Einstellung für Einstellung, Szene für Szene, Sequenz für Sequenz miteinander verbunden. Tja, und wer könnte wohl damals auf dem Regiestuhl gesessen haben? Kein Geringerer als Sir Alfred Joseph Hitchcock, der «Master of Suspense», der Mann mit der prominentesten Silhouette der Kinogeschichte.

Mit seinem Stummfilmdebüt «Irrgarten der Leidenschaft» begann 1925 in England seine Karriere als Regisseur. In den nächsten zehn Jahren schrieb, drehte und inszenierte er pausenlos. «Die 39 Stufen» war bereits sein 18. Spielfilm, der auf dem gleichnamigen Roman des schottischen Schriftstellers John Buchan basiert. Zusammen mit Drehbuchautor Charles Bennett verfasste er das Skript und nahm sich bei der Umsetzung des Stoffs grosse Freiheiten. Auch für seine späteren Streifen sollte sich Hitchcock nie zu sehr an der literarischen Vorlage orientieren. Seine Adaptionen sind eigenständige Werke, bei denen er sich stets um einen rein filmischen Ausdruck bemühte, anstatt langweiliges und theaterhaftes Palaver aufzuzeichnen.

Diesbezüglich stellt «Die 39 Stufen» keine Ausnahme dar, selbst wenn Hitchcock hier die Virtuosität seiner späteren Hollywood-Produktionen, wie etwa «Das Fenster zum Hof» (1954) oder «Psycho» (1960), noch nicht gänzlich erreichte. Dennoch zeigte der «Master of Suspense» schon mit diesem frühen, über 90 Jahre alten Thriller grosse Stärken, insbesondere in der inszenatorischen Kunstfertigkeit und im Aufbau der Handlung, die sich um den Kanadier Richard Hannay (Robert Donat) dreht.

Eines Abends besucht er ein Londoner Musiktheater, wo der bekannte Mister Memory (Wylie Watson) auftritt. Täglich merkt er sich 50 neue Fakten aus allen erdenklichen Quellen – quasi ein wandelndes Wikipedia der Vor-Internet-Zeit. Sein Gehirn ist so aussergewöhnlich, dass er es zu Lebzeiten einem britischen Museum versprochen hat. Als während seiner Wissens-Show plötzlich Schüsse fallen, bricht eine Panik aus und das Publikum stürmt aus dem Saal. Auf dem Weg nach draussen läuft eine hübsche Dame (Lucie Mannheim) in Hannays Arme. Auf ihre Bitte hin nimmt der Charmeur sie mit in seine Wohnung, im Glauben, dass ihn ein Tänzchen zwischen den Bettlaken erwartet.

Filmfakten

Originaltitel: The 39 Steps
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Charles Bennett
Kamera: Bernard Knowles
Schnitt: Derek N. Twist
Musik: Louis Levy
Mit: Robert Donat, Madeleine Carroll, Lucie Mannheim, Godfrey Tearle, Peggy Ashcroft, John Laurie, Helen Haye, Frank Cellier, Wylie Watson, Gus McNaughton, Jerry Verno, Peggy Simpson, Matthew Boulton
Produktionsland: Vereinigtes Königreich
Länge: 86 Minuten
Erscheinungsjahr: 1935

Doch es kommt anders: Die Frau stellt sich als Annabella Smith vor und gesteht, dass sie die Schüsse im Musiktheater abgegeben habe, um vor zwei Verfolgern zu fliehen. Sie sei eine Agentin ohne Staatsangehörigkeit, arbeite aber aktuell für Grossbritannien, weil die britische Regierung am besten bezahle. Ihr Auftrag sei es, geheime Militärinformationen zu sichern, die sich längst in den Händen einer nicht näher beschriebenen ausländischen Macht befänden, bevor diese über die Grenze geschafft werden könnten. Hinzu kämen die mysteriösen «39 Stufen», die in die ganze Sache verwickelt seien.

Ihr nächstes Ziel sei Schottland, wo sie einem bestimmten Mann einen Besuch abstatten müsse, um das Schlimmste zu verhindern, schliesst Annabella ihren Bericht ab. Hannay glaubt der Fremden kein Stück, bis sie noch in derselben Nacht erdolcht wird. Des Mordes verdächtigt, flieht der junge Mann ins Land der Kilts und Dudelsäcke, um seinen Namen reinzuwaschen und dem Feind das Handwerk zu legen.

Mit Sinn und Zweck

Ein Mann wird eines Verbrechens beschuldigt, das dieser niemals begangen hat, und unverhofft in eine Verschwörung verwickelt. Die geheimen Militärinformationen dienen als klassischer MacGuffin, der die Story in Gang bringt und weiter antreibt. Es ist eine Hitchcock-typische Ausgangslage, die wir in ihrer aufregendsten und bildgewaltigsten Form wohl aus «Der unsichtbare Dritte» (1959) kennen. Darin wird ein Werbefachmann mit einem Herrn namens George Kaplan verwechselt und widerwillig in ein Spionage-Abenteuer gerissen.

«Die 39 Stufen» wirkt wie eine wesentlich kürzere und britischere Version jenes Hollywood-Klassikers mit Cary Grant und Eva Marie Saint. Wie Grants Figur Roger Thornhill in «Der unsichtbare Dritte» ist Hannay ständig auf der Hut und Flucht. Überall könnte der Feind lauern. Sogar ein Verkäufer für Damenunterwäsche und dessen Geschäftspartner, die sich im Zug nach Schottland glänzend amüsieren, scheinen in seinem Verfolgungswahn eine potenzielle Gefahr darzustellen. Mithilfe eines Point-of-View-Shots nehmen wir Hannays Perspektive ein und schielen über die Tageszeitung zum Geschäftspartner, der uns Pfeife rauchend und mit zwielichtigem Blick anstarrt, als wüsste er genau, dass der Mordverdächtige vor ihm sitzt.

Dank präziser Regie und sauber konstruiertem Skript gelingt es dem Film selbst in solch ruhigen Momenten ein Gefühl der Bedrohung aufrechtzuerhalten. Diese beiden Qualitäten ziehen sich durch bis zum Abspann. Keine Einstellung ist vergebens, kein Gegenstand innerhalb des Plots unnötig, sämtliche filmischen oder dramaturgischen Elemente haben Sinn und Zweck – ob es nun um eine Nahaufnahme, ein Kirchengesangsbuch oder fehlende Glieder eines kleinen Fingers geht. Handlungsrelevante Details werden deutlich betont, wodurch uns immer klar ist, wenn der Streifen uns sagt: «Das ist wichtig! Merk’s dir!»

Gleichermassen deutlich ist die Figurenzeichnung. In gerade mal eineinhalb Stunden erstellt man keine tiefgründigen Psychogramme, was in einem derart plotgetriebenen Film sowieso überflüssig wäre. Die Akteur:innen sind allesamt fest umrissen und nach wenigen Szenen greifbar. Das kommt der hohen Erzählgeschwindigkeit von «Die 39 Stufen» nur zugute. Und doch haben sie Charakter, insbesondere unser Protagonist Hannay. Er ist ein sympathischer, gutaussehender Charmebolzen, ausgestattet mit dünnem Schnauzbärtchen oberhalb eines Mundwerks, das stetig sarkastische Sprüche produziert. In den unterschiedlichsten Notlagen wird er gefordert, ist aber gewieft genug, um sich herauszumanövrieren.

Bei den Nebenfiguren lassen sich ebenso unterhaltsame Eigenschaften entdecken. Nehmen wir Mister Memory als Beispiel: Wenn ihm jemand eine Wissensfrage stellt, kann er nicht anders, als sie genauestens zu beantworten, auch wenn das verheerende Konsequenzen zur Folge hat. Im Interviewbuch «Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?» sprach François Truffaut von «einer unerschütterlichen Logik», die vielen Figuren in Hitchcock-Filmen zugrunde liegt.

US-Plakat für «Die 39 Stufen». | Bild: Fox Film Corp. (Wikimedia Commons)

Bei all dieser Klarheit, die «Die 39 Stufen» in jedem seiner Einzelteile auszeichnet, überrascht es, dass die böse ausländische Macht nicht näher erläutert wird. Sollte ein Interpretationsspielraum erhalten bleiben? Spielt das Wer vielleicht erst gar keine Rolle? Wollten die Filmschaffenden im Jahr 1935 keine unnötigen Aggressionen schüren? Oder war es für Hitchcock und Drehbuchautor Charles Bennett damals einfach zu offensichtlich, wer diese gefährliche Macht aus dem Ausland sein könnte (ähem, hüstel, Nazis, räusper, räusper …)?

Egal, was es war, das die Autoren dazu veranlasst hatte, dieses Detail auszulassen, es macht den Film nicht schlechter – und schon gar nicht weniger rasant. Schnell wie ein Pistolenschuss stürmt der Plot voran, allerdings behalten wir jederzeit den vollen Überblick, was gerade passiert. Es ist die pure erzählerische Effizienz, die wir hier bestaunen können. Zu dieser gesellt sich eine Eleganz der Übergänge: Auf seiner Flucht durch Grossbritannien stolpert Hannay von einer brenzligen Situation in die nächste, und zwar so, dass wir häufig das Ende des einen und den Beginn des neuen Handlungsabschnitts kaum wahrnehmen. Die Sequenzen ergeben sich organisch aus der vorangegangenen, wodurch ein packender Rhythmus entsteht.

Trotz des Höllentempos und der nahtlosen Übergänge gilt in «Die 39 Stufen» keineswegs «gesehen und vergessen». Uns bleiben die einzelnen Stationen der Geschichte präsent im Kopf, da die meisten Szenen wie ein eigener Kurzfilm mit markanten Ideen, Kniffen oder Bildern daherkommen. So zauberte Hitchcock beispielsweise eine Verfolgungsjagd durch die nächtliche, vom Nebel eingehüllte Hügellandschaft Schottlands, bei der Hannay, mit Handschellen an seine blonde Bekanntschaft Pamela (Madeleine Carroll) gefesselt, vor feindlichen Spionen flüchtet. Die Umgebung mutet mythisch und unheimlich an, als stünde Graf Draculas Schloss gleich um die Ecke.

Starke Damen statt Jungfrau in Nöten

Pamela ist eine von drei interessanten Frauenfiguren, die trotz ihrer meist kurzen Auftritte wichtige Rollen innerhalb der Handlung übernehmen. Zudem sorgt jede auf ihre Art für ein erotisches Knistern, ohne dass Hitchcock den Hauch von Sexualität ausdrücklich zeigte – in dieser Disziplin war er ebenfalls ein Meister.

Als Erstes begegnet Hannay natürlich der geheimnisvollen und verführerischen Annabella. Als Agentin weiss sie, wie eine Dame einen Mann um den Finger wickeln kann. Das beweist sie uns gleich zu Beginn von «Die 39 Stufen». Geschickt nutzt sie ihre Sinnlichkeit zu ihrem Vorteil und darf sich als Ergebnis in Hannays Wohnung vor ihren Verfolgern verstecken. Dann nehmen die beiden Platz in der Küche, immer wieder kommt es zu Berührungen, und obendrein lässt sich Annabella von Hannay bekochen.

Schliesslich gibt sie sich als Agentin zu erkennen und wird Hannay zum Verhängnis: In einem langen Gespräch weiht sie ihn in ihre Spionagegeschichte ein, als wüsste sie, dass jene Nacht ihre letzte unter den Lebenden sein wird. Annabella ist die Initiantin für Hannays Flucht, aktiv zieht sie ihn ins Verderben – ohne sie, kein Abenteuer. Doch so gekonnt, wie sie den jungen Charmebolzen im Griff hat, kann sie nicht alle Kerle steuern. Denn sie ist eine Frau in einer brutalen, von Männern dominierten Welt. Ihre Ermordung macht uns das mehr als verständlich.

Die zweite bemerkenswerte Frauenfigur ist Margaret (Peggy Ashcroft). Nachdem Hannay erfolgreich nach Schottland entflohen ist, übernachtet er für etwas Geld in einem Bauernhaus, das einem Ehepaar gehört. John (John Laurie) ist ein alter, verbitterter und gottesfürchtiger Mann. Seine Gattin – die bereits erwähnte Margaret – ist viele Jahre jünger als er und todunglücklich. Wir erahnen, dass diese Ehe nicht aus Zuneigung geschlossen wurde. In den Augen der Bauersfrau, die ursprünglich in Glasgow aufgewachsen ist, steht Hannay für die Verheissungen der Stadt: ein modernes, aufregendes, selbstbestimmtes Leben.

Zu dritt wollen John, Margaret und Hannay zu Abend essen. Neben Tellern und Besteck liegt auch eine Zeitung auf der bescheidenen Tafel. Während des Tischgebets erhascht Margaret die Schlagzeile über den Mörder, der nach Schottland geflohen ist. Sofort wird ihr bewusst: Das kann nur Hannay sein! Einzig mit Mimik versucht unser Held, seine Unschuld gegenüber ihr zu beteuern, ohne dass John Verdacht schöpft, was er selbstverständlich trotzdem tut … Hitchcock gelang mit dieser Szene ein weiterer schöner Suspense-Moment, zusätzlich heben die ausgetauschten Blicke zwischen Margaret und Hannay eine dezente romantische Anziehung hervor.

Als die Polizei auf die Spur unseres vermeintlichen Killers kommt, zögert die Bauersgattin keine Sekunde, um ihrem Gast beim Entkommen zu helfen. Erneut nimmt eine Frau, gefangen in einer Männerwelt, aktiv Einfluss aufs Geschehen und rebelliert sogar gegen ihren Ehepartner. Zum Abschied gibt Hannay Margaret ein Küsschen auf die Lippen, und wir sehen, wie sehr sie sich wünscht, ihn begleiten zu können, um ihrem jetzigen Gefängnis auf ewig zu entfliehen.

Während Margaret durch einen Ehering sinnbildlich an John gekettet ist, wird Pamela buchstäblich mit Handschellen an Hannay gefesselt. Eigentlich ist sie eine unabhängige, gebildete junge Städterin, die exakt das Frauenbild symbolisiert, dem Margaret so gerne entspräche. Nun wird sie allerdings von Männern an einen anderen Mann gebunden, von dem sie lange glaubt, er sei ein kaltblütiger Mörder.

Von allen drei genannten Frauen bekommt Pamela die grösste Rolle, wobei interessant ist, dass sie als Hannays Love Interest erst nach über der Hälfte von «Die 39 Stufen» wirklich relevant wird. Viel spannender: Sie verkommt in diesem über 90-jährigen Film niemals zu einer langweiligen Jungfrau in Nöten, sondern wird zu einer treuen Verbündeten, die dem schelmischen Hannay schlagfertig Paroli bietet. Die Streitereien der beiden machen Spass, sind unterhaltsam geschrieben und die zwei Hauptdarsteller:innen Robert Donat und Madeleine Carroll haben eine tolle Chemie, bei der die Funken nur so sprühen.

Am Ende werden Hannays und Pamelas Hände nicht mehr durch Fesseln verbunden sein, sondern durch einen zärtlichen Griff. «Die 39 Stufen», dieser frühe Beleg für Alfred Hitchcocks Klasse, deutet so noch in seinen letzten Sekunden eine Romanze an, deren Zukunft unserer eigenen Vorstellungskraft überlassen wird …

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