Der Schmachtfetzen und ich – oder: ein fast normaler Kinoabend

Keine Kritik, kein Essay, kein Bericht. Das hier ist pure Fiktion, in der sich vielleicht doch die eine oder andere Wahrheit verbirgt … In dieser ersten Kurzgeschichte geht’s um einen normalen Kinoabend – na ja, wohl eher fast normal.

Im Kino Bébel geschieht so allerlei. | Bildmaterial: Jozefm84, bearbeitet von Jan Wattenhofer

Sie war weg, und ich ging von da an allein ins Kino. Immer in dasselbe, gleich um die Ecke, dreimal stolpern, dann stand ich vor der Tür. Der Neonschriftzug glühte mich sanft in warmem Gelb – Cinema – und in Blutrot – Bébel – an. Ich mochte diese altmodischen, schnörkeligen Leuchtbuchstaben, die einen am Eingang erwarteten. Jedes Mal hatte ich das Gefühl, dass ihr Licht mich beim Betreten des Kinos in eine Decke einwickelte, die selbst die tragischsten und grauenhaftesten Szenen eines Films erträglich machte.

Im Foyer standen ein paar runde Tische, um die Stühle und Sessel platziert waren, allesamt besetzt von älteren Leuten, von denen niemand jünger war als siebzig. Sie diskutierten und schwatzten und erzählten und lachten und genossen ihr Beisammensein. Dabei tranken die Damen Weisswein, manche gespritzt, andere pur. Nur eine Frau schloss sich den Herren an und trank mit ihnen ein Bier. So eins hatte ich auch dringend nötig.

Hinter der Bar stand Michelle. Sie war Mitte vierzig, lange blonde Haare, ein nettes Lächeln. Eine Narbe, von einem Schnitt oder Ähnlichem, zierte ihre linke Wange. Man musste sehr genau hinsehen, um sie zu erkennen. Oft wollte ich Michelle fragen, wie sie zu der Narbe kam. Ich liess es bleiben, traute mich nie. «Na, auch Lust auf bisschen Shakespeare?», fragte sie. An jenem Abend zeigte das Bébel «Hamnet» von Chloé Zhao. Zuvor hatte ich schon «Eternals» von ihr gesehen, der gar nicht so schlecht war, wie alle sagten. Und «Nomadland», mit dem Zhao einige Oscars abgestaubt hatte, war mir ebenfalls vor die Glotzer gekommen. Der war leider nicht so gut, wie alle sagten.

«Von Shakespeare versteh’ ich nicht viel», antwortete ich Michelle, «aber die Regisseurin ist ganz spannend.» Ich zeigte ihr das Billett auf meinem Handy, und sie scannte den QR-Code. «Was Trinkbares?» – «‘n ‹Birra Mastroianni›, bitte.» – «Fünf Mäuse.» Sie drückte mir die Flasche Bier und ich ihr das Geld in die Hand. «Danke», sagten wir gleichzeitig.

Ich genehmigte mir einen kräftigen Schluck. Am linken Ende der Bar bemerkte ich einen weiteren betagten Herrn – Fedora auf dem Kopf, Lederjacke, Jeans und bequeme Sneakers. Einsam sass er da, nippte an seinem Cocktail, schaute plötzlich zu mir herüber und prostete mir wortlos aus der Entfernung zu. Durch tiefe Falten und dunkle Tränensäcke wirkte sein Gesicht müde und verbraucht, seine Augen aber glitzerten vor Aufregung, als stünde ihm, obwohl sein Tod nicht mehr in allzu weiter Ferne liegen konnte, eine zweite Lebenszeit voller Abenteuer bevor. Auch ich hob meine Flasche und prostete zurück. Rechts von mir, am anderen Ende der Bar und genauso einsam wie der Herr mit Fedora, hockte eine alte Dame. Sie trank ein Glas Rotwein und schmökerte in einem Kinomagazin. An den Füssen trug sie braune Stiefel, an den Beinen eine beige Stoffhose und am Oberkörper eine schwarze Bluse, die ihr schulterlanges schneeweisses Haar derart hell erscheinen liess, dass es einem Vollmond bei klarem Nachthimmel glich. Sie blickte auf, sah sich mit diesen Augen um, die genauso zauberhaft strahlten wie ein Kinoprojektor, und nickte mir freundlich zu. Ich schmunzelte verlegen.

In zehn Minuten würde der Film beginnen. Mit dem Bier in der Hand ging ich in den Kinosaal. Reihe sechs, Platz sieben. Ich plumpste in den roten Sessel, verfrachtete meine Jacke auf den Sitz neben mir und meine Flasche in den Getränkehalter und wartete. Die Senioren kamen herein. Direkt hinter mir füllten sie fast die gesamte Reihe. Ihre lebhaften Diskussionen trugen sie vom Foyer mit in den Saal. Gott, ist das heiss hier drin, dachte ich. Tschüss, Pullover. Ich stand auf, zog ihn aus, wobei mein T-Shirt, das ich darunter trug, leicht mit hochrutschte. Für ein paar Sekunden war mein Bauch zu sehen. «Da braucht man ja gar keinen Film mehr, wenn sich so ein junger Bursche vor einem auszieht!», rief eine der Ladys. Die Reihe lachte. Erneut: verlegenes Schmunzeln.

Gerade als ich mich wieder hinsetzen wollte, sah ich den Mann mit dem Fedora in den Saal kommen. Er hatte einen Platz in der hintersten Reihe, ganz rechts aussen. Seinen Hut behielt er an, was ich seltsam fand. Es dunkelte. Zeit für Trailer. Eine Schweizer Nullachtfünfzehn-Komödie. Sah fürchterlich aus. Eine französische Arthouse-Literaturverfilmung in Schwarz-Weiss. Nicht uninteressant, hübsche Bilder. Ein südkoreanischer Satire-Thriller. Den hatte ich schon gesehen. «No Other Choice» von Park Chan-wook. Keiner seiner Besten, aber grossartig genug, um mit vielen anderen Filmen den Boden aufzuwischen. Neben mir bewegte sich jemand. Es war die Frau mit dem schneeweissen Haar, die sich mit fünf Sesseln Abstand in die gleiche Reihe wie ich setzte. Wieder nickte sie mir zu und ich diesmal sogar zurück.

Dann begann «Hamnet»: Ein Mann und eine Frau lernen sich in einem Dörfchen kennen, irgendwann anno fünfzehnhundert schlag mich tot. Sie heisst Agnes, eine Bauerntochter. Er hört auf den Namen William und ist Lateinlehrer. Eine leidenschaftliche Liebe entbrennt. Vorerst wird ihnen die Heirat verweigert, doch – oh Wunder! – sie dürfen sich schliesslich vermählen. Agnes wird schwanger, und wer schwanger wird, kriegt früher oder später Wehen, und wer Wehen kriegt, muss irgendwann pressen, und wer presst, gebärt gezwungenermassen ein Kind. Mir war schleierhaft, warum, aber das hielt ich nur schwer aus, selbst mit der schützenden Neonlichtdecke des Bébel. Ich konnte mir ohne Probleme die blutigsten, widerwärtigsten, abstrusesten Splatter- und Gore-Effekte reinziehen, bei einer Geburt allerdings linste ich wie der grösste Feigling zwischen meinen Fingern auf die Leinwand, versuchte, nur das absolut Nötigste zu erhaschen, und hoffte, dass es bald vorbei sein würde.

Zum Glück war das Baby rasch geboren. Bald darauf gingen die Lichter an. Zehn Minuten Pause. Ich kippte mir ein Schlückchen Bier rein. Etwas mehr als die Hälfte der Flasche hatte ich getrunken, der Rest sollte bis zum Ende des Films reichen. Hinter mir redeten die Seniorinnen und Senioren aufgeregt und durcheinander über das, was Chloé Zhao ihnen bisher gezeigt hatte. «Wow, dieser Film, also der ist wirklich sehr körperlich.» – «Diese Naturverbundenheit von Agnes find’ ich toll, das gefällt mir, wirklich toll.» – «Das wirkt alles eher wie im Traum. Auch das mit der Nabelschnur, da wird ja einfach viel ausgelassen.» – «Ich hab’ letztes Jahr eine Doku gesehen über Shakespeare. Dort wurde gesagt, dass er relativ schnell sehr reich und berühmt wurde mit seinen Theaterstücken.» – «Man weiss ja, glaub’ ich, gar nicht, ob Shakespeare wirklich nur eine Person gewesen ist, oder?» – «Ich hab’ mal irgendwo gehört, dass die Frau von Shakespeare ‹Othello› geschrieben hat. Bin mir aber unsicher, ob das wirklich stimmt …»

Es freute mich, dass ihnen der Streifen gefiel, und sie eifrig darüber sprachen. Die Dame mit dem schneeweissen Haar sass still in ihrem roten Sessel und starrte, vollkommen in Gedanken versunken, auf die Leinwand, auf der ein riesiger Zehn-Minuten-Countdown herunterzählte, bis die Pause vorüber sein würde. Ich lugte nach hinten zum Fedora-Typen. Er war nicht auf seinem Platz, jedoch sah ich auf dem Sitz neben ihm seine Lederjacke liegen und im Getränkehalter stand ein Cocktailglas. Irgendwo musste er sich also rumtreiben. Auf dem Klo vielleicht?

Die Seniorentruppe schwadronierte wie wild. Aus dem Foyer drang der Klang einer Glocke, der signalisierte, dass der Film jeden Moment weiterging. Vorne zeigte der Countdown noch dreissig Sekunden an. Ich guckte über meine Schulter und sah, dass der Mann mit dem Fedora wieder auf seinem Platz sass. In den Händen hielt er eine kleine Tüte Popcorn. Aha, dachte ich, er brauchte einen Snack. Fünf, vier, drei, zwei, eins. Es wurde dunkel, und auf die Leinwand schien das Licht des Projektors. Weiter ging’s: Agnes wird abermals schwanger. Oho …

Die zweite Geburt empfand ich als noch unangenehmer als die erste. Zwischen meinen Griffeln schielte ich nach vorne. Die Entbindung zog sich über eine Zeitspanne, die sich anfühlte wie eine Ewigkeit und drei Tage. Mittendrin, wie aus dem Nichts, kriegte jemand aus dem Publikum einen heftigen Hustenanfall, der sich ausgesprochen ungesund anhörte. Während Agnes schmerzerfüllte Schreie von sich gab und ihr Baby herauspresste, presste sich irgendjemand mit krampfartigen Hustern die Lunge aus dem Leib. Eine Doppelgeburt. Ich wagte einen Blick nach hinten. Der Herr mit Fedora war derjenige, der keuchte und bellte, als würde er an einer Tuberkulose dahinsiechen. Schreie und Husten verstummten endlich, und ich leerte meine Flasche Bier.

Wieder und wieder und wieder verteilte Chloé Zhao in «Hamnet» offensichtliche, nein, eher plumpe Hinweise, die eine Tragödie in der Familie Shakespeare ankündigten, die sie in tiefe Trauer stürzen sollte. Genauso oft wie Zhao ihre Vorausdeutungen verstreute, verfiel der Fedora-Typ einem Hustenanfall. Aus Gründen, die sich mir nicht ganz erschlossen, machte ich mir Sorgen um ihn. Der Dame mit dem schneeweissen Haar schien es ähnlich zu gehen wie mir, denn auch sie verrenkte mehrmals besorgt ihren Hals, um sich zu vergewissern, dass er in seinem Sessel nicht jämmerlich erstickte.

Auf der Leinwand schlich er sich inzwischen bedächtig an, der dramatische Höhepunkt des Films. Alle, Publikum und Protagonisten, wurden nun aufgefordert, zu trauern und zu empfinden und zu weinen. In meinem Innern regte sich kaum etwas. Das Ganze war zu forciert herbeigedichtet, als dass ich tatsächlich davon hätte berührt werden können. Na ja, gewisse Leute schien es dann doch zu erreichen. Hinter mir hörte ich den einen oder die andere leise schluchzen.

«Hahaha, oh Gott! … Nein! … Ich kann nicht mehr!» Alle horchten auf und guckten nach hinten, dort auf den Platz, von dem das hämische Gelächter herkam. «Haha! … Das is’ nicht euer Ernst?! … Hahaha!» Es war der Alte mit dem Fedora; er kriegte sich nicht mehr ein; er schmiss sich weg vor Lachen. «Hahaha! … Ich glaub’s nicht! … Was ein Zinnober! … Was für ein unerträglicher Schmachtfetzen is’ das denn?!» Zusehends machte sich Empörung breit, und es tuschelte und murmelte hinter mir. Ich sah hinüber zur Dame mit dem schneeweissen Haar. Sie feixte sich eins ins Fäustchen, ihr Giggeln wurde lauter, dann platzte auch aus ihr ein schadenfreudiges Gelächter. Der Herr mit dem Fedora und die Dame mit dem schneeweissen Haar füllten den Kinosaal bis unters Dach mit beschwingtem Gegacker, während im Film das grosse Tränenvergiessen stattfand.

Der Abspann klärte darüber auf, wer an «Hamnet» mitgewirkt hatte, und das Licht ging an. Ich blieb noch ein Weilchen auf meinem Platz. Die Seniorinnen und Senioren, nach wie vor empört, verliessen raunend den Saal. «Unverschämtheit», hörte ich einen flüstern, was mich zum Grinsen brachte.

Die Dame mit dem schneeweissen Haar erhob sich aus ihrem Sessel, zwinkerte mir zu und ging zum Herrn mit dem Fedora, der ebenfalls noch sitzen geblieben war. «Das hat unheimlichen Spass gemacht, hab’ schon lange nicht mehr so gelacht wie heute Abend», sagte sie zu ihm. «Und wie!», antwortete er und fragte: «Würden Sie mit mir vielleicht noch einen Abstecher an die Bar wagen? Also … falls Sie Zeit und Lust hätten natürlich … Michelle mixt recht schmackhafte Cocktails. Wie wär’s?» – «Sollten Sie nicht besser nach Hause gehen? Ihr Husten klingt mörderisch.» – «Oh, das … nein … wissen Sie, ich bin nicht krank. Hab ‘n bisschen Popcorn gegessen und irgend so ein Maiskorn ist mir im Rachen stecken geblieben und ich hab’ nichts mehr zum Runterspülen gehabt.» – «Ach so … Na dann, auf zur Bar! Irgendwie muss man diesen Film ja verdauen, ‘n Martini kann da nur helfen.» Ich sah, wie er sie anlächelte, mit diesen Augen voller Abenteuer.

Draussen auf der Strasse zündete ich mir eine Zigarette an, nahm einen Zug und blies den Rauch ins gelb-rote Neonlicht des Cinema Bébel. Irgendwie war die Welt in den vergangenen zwei Stunden ein Stückchen besser geworden. Wie genau, war mir nicht ganz klar. Ich stolperte nach Hause …

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