
Hey! Du! Ja genau! Du! Ich bin ein Typ aus der Vergangenheit! Glaubst du nicht?! Ist aber so! Ich muss dir dringend von einer kleinen japanischen Science-Fiction-Komödie erzählen, die du sehen musst! Na ja, falls du sie noch nicht gesehen hast… Ist immerhin schon 2020 erschienen, also in Japan, und hat dann ganz schön die Runde gemacht. Bei uns in der Schweiz ist sie aber erst mit drei Jahren Verspätung in den Kinos angelaufen. Warum auch immer… Ach, und selbst wenn du sie schon kennst und gesehen hast, einfach noch mal gucken! Geht ja nur 70 Minuten!
Für diejenigen, die sie noch nicht kennen: Sie heisst übrigens «Beyond the Infinite Two Minutes» und handelt von Kato (Kazunari Tosa). Er betreibt in Kyoto ein Café, über dem er praktischerweise auch wohnt. Eines Abends, als der Hobbymusiker zu Hause ein paar Riffs auf seiner Akustikgitarre üben möchte, spricht eine Stimme zu ihm. Wie sich herausstellt, ist es seine eigene Stimme. Auf Katos Computermonitor erscheint er selbst und erklärt, dass der PC in seiner Wohnung und der Fernseher unten im Café mit einer Verzögerung von zwei Minuten miteinander verbunden sind. Was Kato also auf seinem Computerbildschirm sieht, ist die Zukunft, die in 120 Sekunden Gegenwart sein wird. Natürlich geht’s nicht allzu lange, bis Katos Freunde davon Wind bekommen, und sich ein kreatives Chaos entfaltet, das vor pfiffigen Ideen beinahe explodiert.
Filmfakten
Originaltitel: ドロステのはてで僕ら (Dorosute no hate de bokura)
Regie: Junta Yamaguchi
Drehbuch: Makoto Ueda
Kamera: Junta Yamaguchi
Schnitt: Junta Yamaguchi
Musik: Koji Takimoto
Mit: Kazunari Tosa, Riko Fujitani, Masashi Suwa, Yoshifumi Sakai, Haruki Nakagawa, Munenori Nagano, Takashi Sumita, Chikara Honda, Aki Asakura
Produktionsland: Japan
Länge: 70 Minuten
Erscheinungsjahr: 2020
Das Regiedebüt von Junta Yamaguchi, der neben der Inszenierung ebenso Kamera und Schnitt verantwortete, verliert keine Zeit: Nach wenigen Minuten ist die Prämisse erklärt, der Wahnsinn geht los und wird offenbar nicht einmal durch einen Schnitt unterbrochen. Denn «Beyond the Infinite Two Minutes» ist ein One-Shot-Film – oder zumindest fast. Viel eher besteht die Komödie aus mehreren sehr langen Plansequenzen, die aneinander montiert den Eindruck erwecken, als wäre das ideenreiche Drehbuch von Makoto Ueda in einer einzigen 70-minütigen Einstellung festgehalten worden. In unregelmässigen Abständen erkennen wir, wenn beispielsweise eine weisse Wand abgefilmt oder eine Szene in Dunkelheit gehüllt wird, dass hier ein Schnitt gesetzt wurde.
Dieses Vorgehen erinnert an Alfred Hitchcocks «Cocktail für eine Leiche» (1948), der uns ebenfalls mit seiner vertuschten Montage die Illusion eines Films ohne Schnitte vorgaukeln möchte. Und noch etwas haben die zwei Streifen gemeinsam: Die Handlungen finden in Echtzeit statt. Yamaguchi folgt mit seiner Kamera dynamisch den Figuren durch das Café, die Treppe hoch, in Katos Wohnung, wieder zurück, mehrfach hin und her. Es ist ein beeindruckender Aufwand, der in die Planung der einzelnen Sequenzen geflossen ist. Das wird vor allem dann klar, wenn wir einen Blick aufs Budget von «Beyond the Infinite Two Minutes» werfen: Bloss drei Millionen Yen – 2020 waren das ungefähr 25’000 Franken – hat diese filmische Wundertüte laut «The Guardian» gekostet. Visuell und handwerklich ist das Ergebnis dennoch beachtlich.
Keine Murmeltiere, dafür Droste-Kakao
Nun könnte man annehmen, dass ein Blick in die Zwei-Minuten-Zukunft kaum reicht, um die Zeit aus den Angeln zu heben. Wie falsch wir doch manchmal liegen! Die Science-Fiction-Komödie ist ein originelles Spiel mit dem Wissen, was als Nächstes passieren könnte. Stets zaubert sie kleinere und grössere Überraschungen herbei und pulverisiert unsere Erwartungen, damit wir richtig was zu lachen haben. Repetition gehört demnach zum Streifen wie die Angst seiner Figuren, das Raum-Zeit-Kontinuum kaputt zu machen, wenn sie nicht der Zukunft entsprechend handeln. Trotzdem ist «Beyond the Infinite Two Minutes» kein klassischer Zeitschleifenfilm à la «Und täglich grüsst das Murmeltier» (1993), in dem wir das Geschehen einzig aus der Sicht seines Protagonisten präsentiert bekommen, der immer und immer und immer wieder dieselben Situationen durchleben muss.
Regisseur Junta Yamaguchi und Drehbuchautor Makoto Ueda spielen mit den Perspektiven, indem sie uns mithilfe ihrer Zukunfts- und Vergangenheitsmonitore ein Vorkommnis aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen und Ereignisse prophezeien, die exakt so oder völlig anders als erwartet eintreffen – sich vielleicht sogar niemals zutragen werden. Yamaguchis zweite Regiearbeit «River» (2023) kommt der Kultkomödie mit Bill Murray und den süssen Nagetieren wesentlich näher, nur dass die seit den 90ern oft gesehene Time-Loop-Formel ebenfalls mit einem Zwei-Minuten-Kniff ordentlich durcheinandergebracht wird.
In «Beyond the Infinite Two Minutes» entwickelt sich noch ein viel grösseres Durcheinander, als jemand den Einfall hat, den Computer aus Katos Wohnung vor den Fernseher im Café zu stellen. Daraus ergibt sich ein sogenannter Droste-Effekt – ein Bild im Bild, das sich potenziell unendlich oft wiederholt, dabei aber kleiner und kleiner wird. Den umgangssprachlichen Namen erhielt das Phänomen durch das Motiv der Kakao-Verpackung des niederländischen Schokoladenherstellers Droste.

Nun kann die Gruppe nicht mehr nur zwei Minuten in die Zukunft schauen, sondern vier, sechs, acht… Im Grunde endlos weit, jedoch – wie wir gelernt haben – verkleinert sich der Bildausschnitt immer weiter, sodass maximal eine Stunde Zukunft auf dem Monitor erkennbar ist, wenn überhaupt. Und wir können’s uns denken: Es wird noch abgedrehter, witziger, unterhaltsamer; die Kreativität sprudelt, das Vergnügen steigt.
Einzig die vielen Dialoge, in denen Kato und seine Freunde für das Publikum erklären, was gerade abgeht, hätte Drehbuchautor Makoto Ueda weglassen können. Bisweilen nerven diese Gespräche, weil sie das bereits Gesehene einfach wiederholen und das ansonsten rasante Tempo des Films unnötig ausbremsen.
Die Leidenschaft von «Europe Kikaku»
Das hemmt unsere Gaudi mit «Beyond the Infinite Two Minutes» aber nur geringfügig. Zu fantasievoll werden die Möglichkeiten des «Droste-TV», wie die Freunde ihre Entdeckung taufen, ausgereizt, als dass ein paar redundante Dialogzeilen uns tatsächlich den Spass an dieser Science-Fiction-Komödie rauben könnten.
Mit ein Grund, warum der Streifen uns so effektiv belustigt, ist die Theatergruppe «Europe Kikaku» aus Kyoto, zu der sowohl die Leute hinter als auch das Ensemble vor der Kamera gehören. Alle Darsteller:innen agieren mit einer derartigen Spielfreude, dass jedes Gefühl, ob Verwunderung, Glück oder Niedergeschlagenheit, sofort ansteckt und wir nicht umhinkönnen, die Figuren ins Herz zu schliessen.
Und weil wir alle so mögen, fiebern wir mit ihnen mit, wenn plötzlich eine Gefahr vor dem Café steht, der «Droste-TV» einen Schrecken ankündigt und die Frage im Raum steht, ob das geweissagte Szenario denn wirklich eintreten muss. Ist die Zukunft in Stein gemeisselt, kein alternativer Ausgang möglich? Ohne zu spoilern: «Beyond the Infinite Two Minutes» ist ein schlauer Film. Er geht nicht davon aus, dass jedes Leben von Geburt an vorherbestimmt ist und wir keinen Einfluss auf dessen Verlauf nehmen können. Die Zukunft lügt, ist unsicher, dauernd bleibt da ein Element der Überraschung, die diesen No-Budget-Film so genial macht.
Und ja, wir sehen, dass kaum Geld vorhanden war, um «Beyond the Infinite Two Minutes» zu realisieren. Das Spiel mit der Zeit nimmt hier keine epochalen und technisch überwältigenden Ausmasse wie in einem Christopher-Nolan-Streifen an. Genau diese Limitierungen führten allerdings erst dazu, dass «Europe Kikaku» so eine Unmenge an kreativer Energie freisetzen konnte. Wenn Filmschaffende ein 300-Millionen-Dollar-Budget zur Verfügung haben, ist alles und doch nichts möglich, wie wir oft genug sehen.
Die Beteiligten holten aus einer perfekten kleinen Prämisse alles heraus und schufen mit «Beyond the Infinite Two Minutes» eine nahezu perfekte kleine Science-Fiction-Komödie, die beweist, dass drei Dinge für einen gelungenen Film benötigt werden: ein cleveres Drehbuch, eine Kamera und pure Leidenschaft. Der Rest ist egal.
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