
Der Traum endete, nachdem Niko und Eddie sogar den Abspann gebannt mitgelesen hatten. Das Leben mit all diesen gewöhnlichen Dingen und Menschen da draussen eroberte sich gemächlich seinen Platz im Bewusstsein der beiden Vollblutfilmfreaks zurück. Sie sagten nichts, grinsten vor sich hin, während sie auf die drei Meter breite und einen Meter siebzig hohe Projektion auf Eddies weisser Wohnzimmerwand starrten. Sein 4K-Beamer leuchtete das Menü der «Pulp Fiction»-UHD-Blu-ray, zu dem die Disc nach Ablauf der 154 Minuten Film gesprungen war, vor ihre glückbeseelten Fratzen. Aus den Boxen schallten die Instrumente von «Dick Dale & His Del-Tones», die die Saiten der Fender Stratocaster schwingen und die Mariachi-Trompeten heulen liessen.
Eddie, wieder die Fähigkeit erlangt, sich zu rühren, schaltete mit einem Knopfdruck auf die Fernbedienung den Beamer aus, stand auf, liess die Jalousien hoch und setzte sich zurück neben seinen Freund aufs Sofa. Das Nachmittagslicht eines grau verschneiten Januarsonntags drang in die gemütliche Stube. Alle zwei Wochen trafen sich Eddie und Niko, um sich gemeinsam Filme reinzuziehen. Vorher ging’s immer in Dicky’s Pub, das zugleich Bar und Restaurant war, sonntags ab halb neun einen All-you-can-eat-Brunch für 33 Tacken pro Person anbot und den saftigsten Speck in der Geschichte der rosa Paarhufer auftischte. Der Rest des Buffets machte sich keinen Namen durch eine besonders breit gefächerte Auswahl an Speisen, geschmacklich schwankte das meiste davon sowieso zwischen Tofu und Rasierschaum. Aber drauf geschissen, dieser Speck! Die Tiere, die für diesen Speck geopfert wurden, mussten aus dem heiligen Schosse der Schweinegöttin Miss Piggy höchstpersönlich stammen. Der Kaffee war okay.
Nun sassen sie da, dieser Eddie und dieser Niko, befriedigt, einerseits durch die mittlerweile einige Stunden zurückliegende Schlemmerei von Dickys fetttriefendem Speck und andererseits durch den Genuss von Quentin Tarantinos «Pulp Fiction». Wie wahre Cineasten hatten sie diesen Gangsterstreifen vor jenem Tag bereits zigfach gesehen. Um genaue Zahlen zu nennen: Niko 36-mal, Eddie 55,5-mal. Das eine Mal, bei dem Eddie den Film nicht zu Ende schauen konnte, hatte er sich an einem übermütigen Me-Time-Abend – für ihn ist die regelmässige Einsamkeit überlebensnotwendig – zwei Bloody Marys zu viel hinter die Binde gekippt, war eingeschlafen und wäre dann fast an einem Stück Selleriestange erstickt, an dem er in seinem Delirium rumgelutscht hatte. «Eigentlich kein unschöner Tod», merkte er jeweils an, wenn er die Story jemandem erzählte, der sie noch nicht gehört hatte. «Ich wäre glücklich verreckt.»
Filmfakten
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino, Roger Avary
Kamera: Andrzej Sekuła
Schnitt: Sally Menke
Mit: John Travolta, Samuel L. Jackson, Uma Thurman, Bruce Willis, Tim Roth, Amanda Plummer, Ving Rhames, Christopher Walken, Eric Stoltz, Rosanna Arquette, Quentin Tarantino
Produktionsland: USA
Länge: 154 Minuten
Erscheinungsjahr: 1994
An einem üblichen Filmsonntag hätten Niko und Eddie sofort ausklamüsert, welchen Streifen sie als Nächstes glotzen sollten, damit Eddie sogleich den Disc-Wechsel hätte vornehmen können. Je nach Lust und Laune hätt’s vor dem zweiten Film noch einen Kaffee gegeben. Doch, nein, nicht an diesem Filmsonntag… Während sie noch immer stumm und leicht berauscht von Tarantinos unbestreitbarem cineastischem Genie auf der Couch sassen, öffnete Niko sein Maul und tötete die Stille, die seit dem Abschalten des Beamers geherrscht hatte.
«Hast du dir schon mal überlegt, was uns der Film eigentlich sagen will?»
Nun endgültig aus der Tarantino’schen Glückseligkeit gerissen, die übrigens für den gemeinen Filmfanatiker mit der postkoitalen Tiefenentspannung gleichzusetzen ist, antwortete Eddie: «Na, gar nichts. ‹Pulp Fiction› ist einfach geil, fertig… Auch ‘nen Kaffee?»
«Aber glaubst du nicht, dass da eventuell noch mehr is’ als ‹einfach geil›?»
«Nööö… Kaffee?»
«Doch, hör’ zu…», Niko setzte sich aufrecht hin, «hast du dich noch nie gefragt, warum wir nicht sehen, was im Aktenkoffer ist? Was soll das Ganze mit ‹Ezechiel 25,17›? Das Pflaster aufm Nacken von Marsellus Wallace? Ich hab’ das Gefühl, dass da mehr dahinterstecken könnte… dass der Film uns vielleicht was sagen möchte.»
«Was sagen», wiederholte Eddie in seinem Schädel, in dem die Vorstellung eines heissen Espressos bis vor wenigen Sekunden jeden anderen Gedanken bestialisch massakriert hatte. «Was meinst du mit ‹sagen›? So ‘ne Art versteckte Botschaft? … Ich glaub’ eher weniger.»
«Ja, so was in der Art… Ein Beispiel: In ‹Godzilla›…»
«Geiler Film», kommentierte Eddie.
«Mega geil», merkte Niko an. «Also, dort trampelt ‘ne Riesenechse Tokio platt. Tatsächlich geht’s aber um die Atombomben in Hiroshima und Nagasaki und das Trauma, das durch die ganze Geschichte bei den Japanern entstanden ist.»
«Klar, weiss jeder.»
«In ‹Predator›…»
«Hammer Ding.»
«Ja, schon… Weiter im Text: In ‹Predator› wird Arnie ja nicht bloss von ‘nem krassen Killer-Alien gejagt, sondern auf ‘ner Metaebene handelt der Film vom Vietnamkriegstrauma der Amis.»
«Nur weil in ‹Pulp Fiction› ‘ne Taschenuhr in Ärschen versteckt wird, um sie vor den Vietcong zu verstecken, seh’ ich darin noch keine Kriegstraumata auf deiner idiotischen ‹Metaebene›.» Beim Wort «Metaebene» gestikulierte Eddie mit seinen Händen dramatisch, um anzudeuten, für wie pseudointellektuell er die Verwendung dieses Begriffs hielt.
«Okay, noch ‘n Beispiel: ‹Top Gun›…»
«Jaja, hab’s verstanden. Krieg, Krieg, Krieg… Hier halt Propaganda statt Trauma.»
«Nein, es geht um Maverick, der mit Iceman ficken will», korrigierte Niko.
«Moment… Was?!»
«Hat Tarantino selbst mal so gesagt. Maverick könne sich den ganzen Film über nicht zwischen Iceman und Charlie entscheiden. Oder mit anderen Worten: zwischen Schwanz und Pussy. Charlie trägt in der einen Szene im Aufzug sogar Männerkleider, um Maverick in die Kiste zu kriegen. Erinnerst du dich?»
«Eine Sekunde…» Eddie dachte angestrengt nach, wie er es in seiner Freizeit stets zu vermeiden versuchte. Filme waren für ihn Unterhaltung; ein innig geliebter Spass; ein träumerischer Ausgleich, den er zum Überleben brauchte, genau wie das zeitweilige Alleinsein; eine Flucht vor dem Wahnsinn der Baustellen, auf denen er mühsam seine Kohle verdienen musste. Plötzlich: «Ich hol’ uns jetzt Kaffee». Er stand auf, ging in die Küche, schaltete den Kaffeevollautomaten ein, stellte zwei Espressotassen unter den Auslauf und liess den schwarzen Aufguss ins Porzellan träufeln. Anschliessend kehrte er ins Wohnzimmer zurück, setzte sich wieder neben Niko hin, übergab ihm die Brühe und stürzte seinen Espresso mit einem Schluck herunter. Während des gesamten Vorgangs war er in seiner Birne «Top Gun» noch mal durchgegangen. «Scheisse, du hast recht, glaub’ ich… Ausserdem, wenn’s Tarantino so sagt, muss es stimmen.»
Ohne am Kaffee zu nippen, stellte Niko seine Tasse auf den Couchtisch vor ihm.
«Na schön», setzte Eddie an, «irgendwie ist die ganze Maverick-ist-ein-verkappter-Schwuler-Theorie nicht ganz uninteressant… den Punkt geb’ ich dir. Kann durchaus unterhaltsam sein, ‘nen Streifen mal auf andere Dinge abzuklopfen als darauf, ob’s geile Sprüche und noch geilere Ballereien gibt. Aber ehrlich, ich hab’ ‹Pulp Fiction› so oft gesehen wie keinen anderen Film. Meinst du da wär’ mir einer deiner Metaebenen nicht irgendwann in den ganzen Jahren mal aufgefallen?»
«Ich weiss nicht… Hast du denn jemals über Metaebenen in ‹Pulp Fiction› nachgedacht?», fragte Niko.
Da guckte er dumm aus der Wäsche, dieser Eddie. «Fuck… noch ‘n Punkt für dich…» Er seufzte dezent genervt. «Gut, genug gelafert… Jetzt musst du liefern, du kleiner Klugscheisser! Was will uns der Film denn nun sagen? … Hähh?!»
«Das… na ja… das is’ mir auch nicht so ganz klar…», gab Niko zu.
Als hätte Eddie seinen Freund gerade in flagranti dabei erwischt, wie er seiner Geliebten eine Fussmassage gab, die, wie jedem gebildeten Tarantino-Aficionado sehr wohl bekannt ist, viel mehr zu bedeuten hat, als man weithin glaubt, stiess er ein schadenfreudiges «AAAAAH-HAA!» aus.
«Halt! Warte!», stoppte Niko sein Gegenüber abrupt, bevor ihm dieses einen Schwall von Du-bist-genauso-dämlich-wie-ich-und-nicht-einen-Deut-besser-Sprüchen entgegenkotzen konnte. «Versteh’ mich nicht falsch, ich bin genauso dämlich wie du und nicht einen Deut besser, nur dass das klar ist. Aber: Ich hab’ letztens was Spannendes gelesen über den Film, und das hat mir irgendwie gezeigt, dass in ‹Pulp Fiction› doch so einiges mehr steckt als bisher gedacht.»
Eddie war verwirrt und neugierig. Zunächst galt es, seine Verwirrung aufzulösen. «Seit wann liest du mehr als Untertitel?»
Schulterzucken.
«Okay…» Eddie entschied, das Thema links liegen zu lassen und lieber seine Neugier bezüglich des von Niko erwähnten Texts zu befriedigen. «Dann sag’ mal, was hast du gelesen?»
«So ein Typ… ähmm… wie heisst er noch gleich…» Niko schnippte schnell mehrmals hintereinander mit den Fingern seiner rechten Hand in der Hoffnung, dass sein Hirn ansprang wie der Motor einer alten Rostlaube. «Conard! Das war’s!»
«Glückwunsch… Also…?»
«Der Typ hat in so ‘nem Online-Philosophiemagazin geschrieben, dass es in ‹Pulp Fiction› um den amerikanischen Nihilismus geht.»
Eddie starrte Niko an.
«Du weisst nicht, was Nihilismus ist… richtig?»
«Als ob du wüsstest, was Nihilismus ist!»
«Es bedeutet, dass den Menschen ihre Werte und ihr Lebenssinn abhandengekommen ist.»
«Einfache Erklärung für ein schwieriges Wort. Gefällt mir», sagte Eddie überrascht. «Und was heisst das jetzt für den Film?»
«Na ja, Conard bringt gleich mehrere Beispiele. Zum einen Vincent und Jules…»
«Du meinst wohl eher Jules und Vincent», berichtigte Eddie.
«Ich begreif’ den Unterschied nicht… aber egal…»
«Nicht egal. Jules ist eindeutig der Kopf des Duos, selbst wenn Vincent ‘ne eigene Episode mit Mia spendiert bekommt. Jules sitzt im Auto am Steuer… sagt eigentlich schon alles zu dem Thema. Aber er hält auch Brett und seine Bande in Schach und erschiesst dann sogar einen von dreien ganz alleine… Ausserdem ist er es, der Marsellus Wallace anruft, ihm die Bonnie-Situation erklärt und um Hilfe bittet. Und dann die letzte Szene im Diner: Wer geht scheissen und wer verteidigt den Koffer gegen Pumpkin und Honey Bunny?»
«Jules…»
«Exakt! Darum heisst es nicht Vincent und Jules, sondern Jules und Vincent. Das ist wichtig. Musste ich kurz klarstellen», betonte Eddie. «So, das Wort sei nun wieder Ihres, mein verehrter Herr Philosophieprofessor.» Eddie verbeugte sich voller Hochachtung im Sitzen vor seinem Freund.
Eine Verbeugung und ein «Herzlichen Dank, mein Guter» später setzte Niko seine Erklärung fort. «Dieser Conard schreibt also, dass Vince…», Niko räusperte sich, «…Jules und Vincent ihre ganzen Werte und jeden Sinn im Leben verloren haben. Um sich trotzdem einen Reim auf ihr Dasein zu machen, nutzen sie Popkultur. Sie sprechen darüber, wie man einen Quarter Pounder mit Käse in Paris nennt…»
«Royale mit Käse», zitierte Eddie in der Stimme von Jules.
«…was ein Pilot im Fernsehen is’ und so weiter. Conard sagt, dass die Menschen sich früher über etwas wie Religion miteinander verbandelt hätten und…»
«Bedeutet so viel wie», unterbrach Eddie, «Popkultur löst Gott ab und wenn Gott weg ist, gibt’s keinen mehr, der mir sagt, was gut und böse, was richtig und falsch, was wichtig und was unwichtig ist.»
«Correctamundo!», gab Niko zurück und nickte seinem Freund anerkennend zu. «Nicht schlecht.»
«Jaja, ich bin vielleicht noch nicht komplett auf die Rückseite der Intelligenz gewechselt», klopfte sich Eddie verbal auf die eigene Schulter.
«Scheint so… Auf jeden Fall… Es geht noch weiter: Laut Conard wird der Verlust von gemeinsamen Werten am offensichtlichsten durch ‹Ezechiel 25,17›…»
Und da sprach Eddie, nicht mehr aufzuhalten, die sakralen Worte des «Ezechiel 25,17», wie ein Pfarrer beim Gottesdienst, der vom Spiritus Sanctus selbst zum Sprachrohr seiner Verse auserwählt wurde: «Der Pfad der Gerechten ist zu beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. Gesegnet sei der, der im Namen der Barmherzigkeit und des guten Willens die Schwachen durch das Tal der Dunkelheit geleitet. Denn er ist der wahre Hüter seines Bruders und der Retter der verlorenen Kinder…»
Niko stieg mit ein und zu zweit, als Brüder der Filmkunst, rezitierten sie die letzten Zeilen ihres allmächtigen Tarantinos: «…Und ich will grosse Rachetaten an denen vollführen, die da versuchen, meine Brüder zu vergiften und zu vernichten, und mit Grimm werde ich sie strafen. Auf dass sie erfahren sollen, ich sei der Herr, wenn ich meine Rache an ihnen vollbracht habe.»
Sie seufzten zufrieden. «Einfach geil», sagte Niko.
«Jep… Den Scheiss kann ich sogar auf Englisch, Italienisch und Schwedisch», erwähnte Eddie beiläufig.
«Beeindruckend.» Einen Moment Ruhe… Dann Niko wieder: «Was wollte ich schon wieder sagen?»
«Nihi-Dingsda, Conard, Popkultur löst Gott ab und was das mit ‹Ezechiel 25,17› zu tun hat», erinnerte Eddie.
«Ach, genau! … Am Anfang sagt Jules ja den Bibelvers nur auf, weil er denkt, dass das einfach ‘n eiskalter Spruch zum Zitieren ist, bevor er jemandem das Gehirn aus dem Schädel pustet. Hat nie darüber nachgedacht, was der Mist überhaupt meint.»
«Gibt er sogar selbst zu.»
«Genau… Aber dann… bei Brett… das Wunder! … Keine der Kugeln, die auf Jules und Vincent abgefeuert werden, trifft sie. Und was ist mit Jules?»
«Er glaubt an einen göttlichen Eingriff. Dass Gott eigenhändig die Kugeln aufgehalten hat.»
«Er verändert sich langsam… Nicht wahr? … Und im Diner… bevor die ganze Situation mit Honey Bunny und Pumpkin eskaliert… Was passiert?»
«Jules entscheidet sich, seinen Job zu schmeissen und ein Penner zu werden», antwortete Eddie.
«Das ist das Ergebnis. Davor macht er was anderes», half Niko seinem Kumpel auf die Sprünge.
«Er… fängt an… hmm… nachzudenken? … Ja, doch… Er denkt nach… Und… Und! … Am Ende beginnt er, ‹Ezechiel 25,17› zu interpretieren!»
«Ganz recht. Jules beginnt, zu verstehen, dass der Bibelvers, den er all die Jahre dahingesagt hat, auf einen Rahmen von Werten und Sinn verweist, der in seinem Leben – und ganz nebenbei bemerkt: im Leben von allen anderen Gestalten im Film – völlig fehlt. Und wie du gesagt hast, Jules deutet dann ‹Ezechiel 25,17›, während er Pumpkin den Lauf seiner Knarre vor die Nase hält. Drei Interpretationen gibt Jules… ‘nen Moment… Wie war das noch gleich? …»
Eddie, der im Bruchteil einer Sekunde in die Rolle von Jules geschlüpft war und mit seiner rechten Hand eine Knarre imitierte, sagte: «Verstehst du, im Moment denk’ ich, vielleicht bedeutet es, du bist der böse Mann und ich bin der rechtschaffene Mann und Mister 9mm hier…», Eddie bewegte subtil seine imaginäre Waffe, «…ist der Hirte, der meinen schwarzen Hintern im Tal der Dunkelheit beschützt. Es könnte auch bedeuten… du bist der rechtschaffene Mann und ich bin der Hirte und dass es die Welt ist, die böse und selbstsüchtig ist. Tja, das gefällt mir… Aber dieser Quatsch ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist: Du bist schwach und ich bin die Tyrannei der bösen Männer… Aber ich bemühe mich, Ringo. Ich verspreche, ich gebe das Beste, was ich kann, um der Hirte zu sein.»
Niko klatschte in die Hände. «Kannst du wirklich den ganzen verdammten Film auswendig sprechen?»
«Klar, aber nur auf Deutsch», antwortete Eddie, der nun wieder Eddie war. «Ich geh’ mal davon aus, dass unser guter Conard Interpretationen für Jules’ Interpretationen parat hat, korrekt? Raus damit!»
«So is’ es. Die erste Deutung, von wegen Pumpkin sei der böse Mann und Jules sei der rechtschaffene und Mister 9mm sei der Hirte, das stimmt laut Conard mit Jules’ bisherigem Lebensstil überein: Scheissegal, was er tut, es ist gerechtfertigt… ob er jetzt Leute umnietet oder einen Hamburger isst, obwohl das seine Vegetarier-Freundin kaum cool fände. Er ist der Gerechte, seine Knarre sein Schild, was ihm in die Quere latscht, ist böse… Alles klar? … Zweite Deutung, von wegen Pumpkin sei der Rechtschaffene und Jules der Hirte und die Welt sei böse… Wenn die Welt böse ist, hat sie Jules dazu getrieben, all die Verbrechen zu begehen, die er halt so begangen hat. Als Hirte will Jules Pumpkin vor dem Bösen der Welt schützen. Aber! … Und nun zur dritten Deutung… Das ist nicht die Wahrheit…»
«Die Wahrheit ist», quetschte sich Eddie in Nikos Monolog, «dass Jules selbst das Böse ist.»
«Richtig», bestätigte Niko. «Er versucht aber, der Hirte zu werden, der den schwachen Pumpkin durch das Tal der Dunkelheit führt. Das Tal der Dunkelheit hat Jules in diesem Fall selbst erschaffen, es ist seine Dunkelheit, sodass der Kampf, der Hirte zu werden, sein Kampf mit sich selbst ist, nicht wieder zum Bösen zurückzukehren. Jules schenkt dann Pumpkin seine fünfzehnhundert Piepen aus seiner Bad-Motherfucker-Brieftasche, damit er ihn nicht erschiessen muss. Verstehst du? Jules kauft Pumpkins Leben, wo er’s doch früher, ohne mit der Wimper zu zucken, einfach ausgelöscht hätte. Es ist eine Wandlung: vom Killer, der keine Werte in seinem Herzen trägt und sich alles mit Popkultur erklärt, zu einem Mann, der plötzlich einen neuen moralischen Kompass in die Hand bekommt, um sich in der Welt zu orientieren.»
Eddie nickte, sagte: «Verstehe, verstehe…»
«Bei Vincent hingegen», fuhr Niko ungebremst fort, «sei die Sache anders, sagt Conard, der mache keine Wandlung durch wie Jules. Sein Gott ist und bleibt sein Boss Marsellus Wallace, der ihm genau sagt, welche Dinge einen Wert haben…»
«Beispielsweise der Koffer.»
«Wieder richtig… Da laut Conard ein Rahmen mit gemeinsamen Werten fehlt, wird der Koffer ultimativ wertvoll für Vincent, weil der Koffer ultimativ wertvoll für Marsellus Wallace ist. Und weil das so ist, ist in Vincents Welt jedes Mittel gerechtfertigt, um den Koffer zu beschaffen… Ein anderer Grund ist selbstverständlich, dass er keine Scherereien mit seinem Chef will…»
«Wow, und ich hab’ immer gedacht, der Koffer sei nichts als ein MacGuffin…»
«Das natürlich auch, ja…»
«Und was ist drin? Hat dein Philosophie-Buddy dazu auch was zu sagen?»
«Sei vollkommen gleichgültig, was drin is’. Wichtig ist aus seiner Sicht der Wert für Marsellus Wallace beziehungsweise für Vincent.»
«Ich hab’ irgendwo mal gehört, im Koffer sei Marsellus Wallaces Seele…», bemerkte Eddie.
«Mmm-huhh…» Niko liess sich die Theorie durch den Kopf gehen. «Würd’ ‘ne Seele so doll leuchten? Der Typ is’ doch im Grunde abgrundtief schlecht, ‘en Gangster halt. Leuchtet ‘ne schlechte Seele im Dunkeln?»
«Leuchtet ‘ne gute Seele im Dunkeln?»
Die beiden taten keinen Mucks mehr… grübelten… Sekunden verstrichen…
«Willst du noch mehr hören?», fragte Niko. «Es geht nämlich noch weiter mit Butch.»
«Mit Butch? Ich weiss nicht, wieso, aber irgendwie vergess’ ich immer, sogar nach so oft gucken, dass Bruce Willis in ‹Pulp Fiction› mitspielt, und dann freu’ ich mich jedes Mal, wenn sein mürrischer Blick plötzlich die Leinwand füllt.»
«Geht mir genauso… Das sagst du übrigens bei jeder Gelegenheit, wenn wir über den Film sprechen, mindestens einmal…»
«Kann sein… Also, Butch?»
«Is’ für Conard ebenfalls eine zentrale Figur des Films und seiner Nihilismus-Theorie. Wie Jules macht auch er eine Wandlung durch, die wieder mit verloren gegangenen Werten und Moralvorstellungen zu tun hat», erklärte Niko.
«Kacke!» Aus heiterem Himmel sprang Eddie auf wie eine junge Gazelle. «Ich muss dringend pissen!» Er rannte los, als wäre er wahrlich zur Beute einer afrikanischen Raubkatze geworden, raus aus dem Wohnzimmer, ab in den Flur, von dort mit einem «Fast & Furious»-Drift ins Badezimmer. Peng! Türe zugeknallt… Stille… Plätschern… WC-Spülung… Händewaschen… Erneute Stille… HOLTERDIEPOLTER! KLADDERADATSCH! … Eine… zwei… drei Minuten nichts… Dann: Etwas rührte sich in der Nasszelle. Die Tür öffnete sich. Eddie kam zurück in die gute Stube und setzte sich aufs Sofa. «Soso… Butch macht also auch eine Wandlung durch.»
«Yes, Sir», sagte Niko. «Es is’ so: Am Anfang des Films is’ Butch ‘n Boxer, der im Auftrag von Marsellus Wallace beim nächsten Kampf, exakt in der fünften Runde, zu Boden gehen soll. Aber… das tut er nicht. Stattdessen setzt er Geld auf sich selbst und schlägt seinen Gegner nicht nur k. o., sondern sogar tot.»
«Allerdings nicht mit Absicht.»
«Und das is’ der Punkt. Die Gewalt ist komplett willkürlich und ohne Sinn. Ich meine, was macht Butch, wenn er erfährt, dass er grad jemanden zu Tode geprügelt hat?»
«Na ja, nichts. Es ist ihm scheissegal.»
«Genau, und später, wenn Fabienne seine Golduhr…»
Golduhr – das war Eddies Stichwort. Erneut wurde er zu jemandem anderen, transformierte sich in die Figur Captain Koons und begann, dessen berühmten Monolog vorzutragen: «Diese Uhr… diese Uhr hier…»
Niko wollte keine fünf Minuten warten, bis Eddie wieder zu Eddie wurde. Doch wie nur? Wie in aller Welt konnte er den Captain aus seinem Freund austreiben?
Captain Koons unterdessen: «Und als er seine Pflicht erfüllt hatte, fuhr er nach Hause zu deiner Urgrossmutter…»
Niko sah sich hastig um, er schwitzte… HEUREKA! Die Lösung! Da stand sie! Direkt vor ihm!
«Noch ‘nen Kaffee?», unterbrach Niko den Captain und hielt ihm seine schon längst erkaltete Espressotasse unter die Nase, die er vor Ewigkeiten unangenippt auf den Couchtisch gestellt hatte.
Wie der Dämon bei einem Exorzismus verliess Captain Koons Eddies Körper, der instinktiv nach der Tasse griff und den kalt gewordenen Aufguss in sich hineinkippte. «Danke.»
«Also…», Niko überlegte kurz, wo er stehen geblieben war, «wenn Fabienne Butchs Uhr in dessen Wohnung vergisst und Butch sie holen geht, da killt er Vincent, und danach will er Marsellus Wallace über den Haufen fahren, als der zufällig vor ihm die Strasse überquert. Er kennt keine Skrupel mehr, genau wie seine Feinde.»
«Soll das jetzt die Wandlung sein, von der du geschwafelt hast?»
«Nein, die Wandlung kommt erst noch, und zwar dann, wenn er, nachdem die Vergewaltiger ihn und Marsellus Wallace gefangen genommen haben und Butch entkommen ist, zurück in den Keller geht, um Marsellus Wallace den Arsch zu retten.»
«Ich glaub’…», bemerkte Eddie grinsend, «Marsellus Wallaces Arsch ist an dieser Stelle schon nicht mehr zu retten…»
Niko schüttelte enttäuscht über den miesen Scherz, aber leider amüsiert den Kopf. «Auf jeden Fall, laut Conard hat die Gewalt, die Butch gegen die Vergewaltiger anwendet, zum ersten Mal eine Berechtigung…»
«Weil Butch seinem ehemaligen Feind das Leben rettet.»
«Absolut. Er entscheidet sich, nicht mehr skrupellos zu agieren, sondern seinen Feind vor noch viel schrecklicheren Menschen, als sie beide es sind, zu retten… Diese Wandlung, sagt Conard, werde repräsentiert durch die Wahl der Waffe, mit der Butch die Vergewaltiger umbringt.»
«Das Katana.»
«Das Katana… ganz genau. Bevor er aber das Schwert auswählt, hält er zuerst noch einen Hammer, einen Baseballschläger und eine Kettensäge in der Hand… alles Symbole der amerikanischen Kultur. Conard meint, dass diese Dinge für den Nihilismus stehen würden, den Butch am Ende der ganzen Episode zurücklässt… Das Katana hingegen verweist auf eine Kultur mit einem strengen Rahmen von Werten, moralischen Kriterien und Sinn, der im Leben der Figuren in ‹Pulp Fiction›, wie schon gesagt, komplett fehlt. Samurai-Kodex-Shit eben.»
«Verstehe…», murmelte Eddie. «Dann ist das Schwert für Butch, was «Ezechiel 25,17» für Jules ist…»
«So is’ es.»
«Und was ist mit Butchs Uhr? Hat die gar keine Bedeutung?»
«Doch, doch…», antwortete Niko, «die Uhr versinnbildlicht so ‘ne Art Tradition der Ehre und Männlichkeit, denn, wie wir wissen, Butchs Urgrossvater, sein Grossvater und auch sein Vater waren ja alle Soldaten. Conard betont aber, dass wir auf die Art und Weise achten sollten, wie Butch die Uhr erhält… Sein Vater versteckt sie in seinem Arsch, stirbt dann im Gefangenenlager in Vietnam, gibt sie vor seinem Tod Captain Koons weiter, der sie dann dem kleinen Butch gibt… Die Uhr ist bloss ‘n Stück Scheisse, ‘n leeres Symbol, wie Conard sagt. Das, worauf sich das Symbol beziehen könnte, sei nicht da. Butch hat ja seinen Alten nie wirklich gekannt, er hat keine Verbindung zu ihm. Die Uhr ist, wie gesagt, einfach nur ein Schiss aus dem Hintern seines toten Vaters.»
«Das… ist irgendwie traurig… nicht? Dein Alter sieht die vietnamesischen Radieschen von unten und alles, was einem von ihm bleibt, ist sein Stuhlgang…»
«Ja schon, doch hier kommt das Katana noch mal ins Spiel.»
«Inwiefern?»
«Es verbindet Butch mit seinen Vorfahren, mit den Soldaten in der Familie.»
«Ahhh… warte, red’ nicht weiter, ich verstehe! … Katana gleich Waffe eines Kriegers… Krieger gleich Soldat… Butch mit Katana gleich Butch is’ ‘n Soldat, ganz genauso wie sein Vater und die vor ihm.»
«Correctamundo! … Schon wieder!», rief Niko begeistert von Eddies Kombinationsgabe.
«Verdammt, bin ich gut heute!», lobte sich Eddie.
«Indem Butch das Katana wählt…», erklärte Niko weiter, «und Marsellus Wallace das Leben rettet, verwandelt er sich vom einsamen Boxer in einen Soldaten, einen verdammten Krieger, der sich ab jetzt Geschichte und Tradition mit seinen Vorfahren teilt, urplötzlich mit ihnen verbunden is’. Und genauso plötzlich orientiert er sich bei dem, was er macht, an Werten wie Ehre, Mut, Hilfsbereitschaft, also Dinge, die ihn vorher ‘nen Dreck geschert haben.»
«Und weiter?», fragte Eddie gespannt.
«Ähhmm… Das war’s… mehr oder weniger zumindest…»
Beide schwiegen sie eine Weile. Eddie sann über all das, was ihm Niko erzählt hatte: über den Philosophieprofessor Conard, über Nihi-Dingenskirchen, über fehlende Werte, die in erfundenen Bibelversen und coolen Samurai-Schwertern stecken; darüber, wie es sich anfühlt, eine goldene Taschenuhr im Rektum zu tragen; über Niko, der auf einmal liest, und Maverick, der Iceman ficken will…
«Ums kurz zu machen», brach Eddie jäh das Schweigen, «jeder in ‹Pulp Fiction› ist innerlich verfault, und nur ein paar wenige haben die Chance auf Rehabilitierung…»
«So in etwa, ja…», bestätigte Niko.
«Ich geb’s zu, ist ganz cool, dieser Conard mit all seinen Einfällen und Ideen und Theorien. Aber mal ernsthaft… was wäre, wenn der Film gar keine tiefere Bedeutung hätte? Nichts, was er uns sagen möchte? Wenn’s schlicht und ergreifend um ‘n paar kultige Zitate gehen würde, ‘n paar dufte Typen und astreine Mädels, die verrückten Scheiss erleben, über völlig alltäglichen, aber verdammt witzigen Müll plaudern, Leuten aus Versehen ins Gesicht schiessen… um jede Menge Popkulturanspielungen… die reinste Oberfläche halt… Aber eben makellos geschrieben, gespielt, gefilmt und geschnitten… Wenn ‹Pulp Fiction› einfach die perfekte Unterhaltung wäre? … Wär’ das so schlimm?»
«Überhaupt nicht», entgegnete Niko, «ich finde, du hast absolut recht: ‹Pulp Fiction› ist perfekte Unterhaltung.»
«Weisst du, was uns der Streifen vielleicht auch sagen möchte… neben dem ganzen Nihi-Dingsbums-Zeugs?»
«Was denn?»
«Wie langweilig, unkreativ und beschissen so viele andere Filme sind, die nicht ‹Pulp Fiction› heissen.»
«Amen», sprach Niko das Schlusswort dieser Diskussion.
«So!», sagte Eddie und klatschte sich mit den Händen auf die Oberschenkel zum Zeichen der unbedingten Notwendigkeit des Disc-Wechsels. «Was glotzen wir als Nächstes?»
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