Was Faltfächer, Tote und Kröten mit Japans ersten Filmen zu tun haben

Der Film hat auch in Japan eine fast 130-jährige Geschichte, die schon in ihren Anfängen viel Wildes zu zeigen und witzige Anekdoten zu erzählen hat. Eine Reise durch die allerersten Filme Japans – Headbanger, Kröten-Ninjas und Männer in Frauenkleidern inklusive!

Die ersten japanischen Filme waren wilder, als man vielleicht annimmt. | Bildmaterial: OpenClipart-Vectors, bearbeitet durch Jan Wattenhofer

So viele Jahre auf dem Buckel hat der Film noch gar nicht. Im Vergleich zu den äonenlangen Geschichten von Malerei, Bildhauerkunst und Architektur wirken die 13 Dekaden, in denen der Film nun schon dunkle Säle erhellt, beinahe bedeutungslos. Doch wie der «Eine Ring» aus Tolkiens Fantasy-Saga ganz Mittelerde veränderte, so krempelte das bewegte Bild, festgehalten auf dünnen Zelluloidstreifen, unsere Welt um. Zwischen Literatur, Theater, Museumsbesuchen und Frischluftaktivitäten drängte sich das Kino. Zum Glück! Was würde ich sonst mit meinem Leben anfangen? Und über was würde ich schreiben?

1896, nur ein Jahr nach der Geburtsstunde des Kinematografen der Gebrüder Lumière, kam der Film nach Japan. Eine Sensation, die sich prompt auf dem ostasiatischen Inselstaat verbreitete. Dieser befand sich gerade in einer Modernisierung und in einem gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Wandel (die Zeit der sogenannten Meiji-Restauration ab 1868).

Woher stammen die Informationen für diesen Beitrag?

Wo nichts anderes vermerkt ist, entnehme ich die filmhistorischen Fakten aus dem Buch «Der japanische Film» von Kayo Adachi-Rabe, edition text+kritik

Was wurde damals aber mit der Kamera gebannt? Und von wem? Mit welchen Streifen begann Japans cineastische Historie? Und was haben Faltfächer, Tote und Kröten damit zu tun? Fragen, die es zu beantworten gilt. Hilfe dabei bekommen wir von der Filmwissenschaftlerin Kayo Adachi-Rabe und ihrem Buch «Der japanische Film».

Allerdings kann sie uns nicht alles vorkauen. Wir müssen selbst hinsehen, mit unseren eigenen Augen diese Zeitdokumente sichten. Das Schöne an diesen ganz, ganz, ganz alten Zelluloidschinken ist: Streaming-Abo braucht’s nicht. Filmgeschichte ist kostenlos auf YouTube abruf- und schaubar. Dann mal los!

Ein nicht ganz so toter Toter

Tanzende Geishas und Stadtlandschaften: Das waren 1898 die allerersten Filmaufnahmen eines Japaners. Sein Name: Shirō Asano. Sein Beruf: Fotograf. Irgendwie naheliegend, dass ein Mann mit dieser Profession der erste Einheimische war, der sich mit dem Medium des bewegten Bildes beschäftigte.

Zwei seiner Filme haben sogar einen überlieferten Titel: Die beiden «Sketche», wie sie Adachi-Rabe bezeichnet, «Resurrection of a Corpse» (Shinin No Sosei) und «Jizo the Ghost» (Bake Jizō) drehte Asano noch im selben Jahr wie seine Geisha- und Stadtaufzeichnungen. Nach kurzer Internet-Recherche erfahren wir weitere Dinge über diese beiden Kurzfilme:

Erstens sollen sie zu den frühesten je gemachten Horrorstreifen zählen – zumindest, wenn wir der Filmdatenbank «TMDB» (nicht zu verwechseln mit «IMDb») glauben.

Zweitens gelten die angeblichen Urschocker als verschollen.

Drittens ist auf «TMDB» für «Resurrection of a Corpse» eine Inhaltsbeschreibung aufgeführt: In einem Sarg bricht der Boden weg, und die darin verstaute Leiche fällt heraus. Dann folgt der Plot-Twist: Der Tote erwacht wieder zum Leben.

Sorry für den Spoiler, aber wir haben sowieso keine Chance, den Film zu gucken. Da hatten die Japaner:innen von 1899 mehr Glück, als Shirō Asano seine Aufnahmen der Öffentlichkeit vorführte.

Der Fall des Faltfächers

Wir verweilen noch ein bisschen im Jahr 1899, richten unseren Blick aber nun auf einen Film, den wir uns tatsächlich reinziehen können. «Momijigari», gedreht von Tsunekichi Shibata, heisst die sechsminütige Aufzeichnung des gleichnamigen Kabuki-Stücks und ist der älteste erhaltene Streifen aus Japan.

Eine Geisha tanzt im Wald, in der einen Hand ein Faltfächer, den sie in fliessenden Bewegungen um sich herum gleiten lässt. Eine Drehung und aus einem werden urplötzlich zwei Fächer, die in den Händen der Dame im Kimono herumwirbeln. Sie setzt sich, macht sich bereit, wirft den einen Fächer in die Höhe und fängt ihn gekonnt. Sie wirft den anderen – und die Katastrophe tritt ein: Wie Herbstlaub im Wind landet der Fächer nicht in der Hand der Geisha, sondern fällt vor die Bühne auf den Boden, dahingetragen von einem hinterlistigen Luftstoss.

Der Patzer gehörte nicht zur Choreografie, blieb jedoch in der Aufnahme, da es laut Autor und Journalist Donald Richie damals nicht infrage kam, die Szene ein weiteres Mal abzufilmen. Sein Buch «A Hundred Years of Japanese Film» enthält ein paar Anekdoten über die Dreharbeiten von «Momijigari». So habe Tsunekichi Shibata auf einer kleinen Freiluftbühne, die eigentlich reserviert war für Teepartys, hinter dem Tokioter Kabuki-Theater «Kabukiza» gedreht. An jenem Morgen habe ein starker Wind geweht, und Bühnenarbeiter hätten deswegen sogar die Kulisse festhalten müssen.

Kein Wunder, flog der Faltfächer nicht zurück zwischen die Finger der Geisha, die übrigens vom Schauspieler Danjuro Ichikawa IX – genau ein Mann! – verkörpert wurde.

Kurzer Exkurs: Im Kabuki haben Männer in weiblichen Rollen eine lange Tradition. Frauen sind weiterhin eine Minderheit in dieser japanischen Form des Theaters – und das trotz der Überlieferung, dass ein Schreinmädchen namens Okuni das Kabuki im 17. Jahrhundert begründete. 

Zurück zu «Momijigari», der neben der tanzenden Geisha und ihren Faltfächern eine zweite Szene zu bieten hat, in der sich ein edler Fürst samt Katana gegen einen Dämon zur Wehr setzt. Der Teufel scheint eine Vorliebe fürs Headbangen zu haben, er schüttelt seinen Kopf und wirbelt sein langes Haar wie einen Kettenmorgenstern dem Fürsten entgegen. Ende. Einfach so vorbei. Wer das Duell gewinnt, bleibt offen. Der ultimative Cliffhanger.

Bis zum heutigen Tag wartet die Welt auf die Fortsetzung…

Ein diesmal wirklich toter Toter

Wir machen einen Hüpfer ins 20. Jahrhundert, das der deutsche Regisseur Werner Herzog «in seiner Gesamtheit für einen Fehler» hält, wie er in seinem Buch «Jeder für sich und Gott gegen alle» schrieb. Etwas harsch, wie ich finde, vor allem, wenn wir berücksichtigen, dass in diesem Zeitabschnitt die Filmkunst erst so richtig begann, ihr volles kreatives Potenzial zu entfalten.

Dieses Potenzial wurde in «The Funeral of Tomijiro Kobayashi» (Kobayashi Tomijirō Sōgi) noch nicht ausgespielt. Hierbei handelt es sich um eine der ältesten erhaltenen Dokumentaraufnahmen Japans, die 1910 vermutlich von einem Mann mit dem Namen Ryō Konishi aufgenommen wurde. In diesem sieben Minuten langen Filmchen ist ein Trauerzug von etwa 1000 Menschen zu sehen. Und keine Sorge, anders als «Jizo the Ghost» bleibt der Tote tot.

Die Trauergesellschaft besteht vorrangig aus Männern, die mal traditionell japanisch, mal westlich in Anzügen, aber immer in Schwarz gekleidet sind. Eine Gruppe Frauen bricht mit der dunklen Garderobe der Herren und hebt sich mit weissen Kimonos von ihnen ab.

Durch die Beschriftung eines Gebäudes finden wir heraus, in welcher Stadt sich diese Szene zutrug: «Tokyo Young Mens Christian Association». Die Hauptstadt also.

Eine Frage blieb aber bisher unbeantwortet: Wer war dieser Tomijiro Kobayashi? Wie sich nach einer Google-Suche und ein paar Klicks herausstellt, gründete er 1891 die Lion Corporation. Das japanische Unternehmen stellt Produkte aus verschiedensten Segmenten her, von Zahn- und Haustierpflegeprodukten über Reinigungsmittel und Chemikalien bis hin zu Medikamenten.

Der unbesiegbare Kröten-Ninja

Elf Jahre nach der Beisetzung von Tomijiro Kobayashi verewigte Shōzō Makino, der «Vater des japanischen Films», wie ihn die Filmwissenschaftlerin Kayo Adachi-Rabe beschreibt, einen Ninja mit magischen Kräften auf Zelluloid.

In «Jiraiya the Hero» (Gōketsu Jiraiya, 1921) geht es um, na ja, Jiraiya eben. Und der verfolgt ein Ziel – glaube ich zumindest… Ganz klar wird’s nicht, warum er eigentlich das tut, was ein Ninja halt so tut: Samurais verkloppen, verschwinden, ganz plötzlich wieder auftauchen, in einer Rauchschwade erneut verschwinden, ganz plötzlich wieder als Riesenkröte erscheinen, um seine Gegner… anzugreifen? Auf ihnen zu tanzen? Keine Ahnung.

Und warum eigentlich eine warzige Amphibie? Als tödliche Grosskatze, etwa als Tiger oder Jaguar, würde es Jiraiya doch weitaus leichter fallen, seine Feinde zu besiegen. Einfach die dolchartigen Krallen und Zähne ins Fleisch der Angreifer treiben, abbeissen oder wahlweise in Stücke reissen – zu Ende ist der Kampf.

Noch furchteinflössender (und natürlich effektiver) wäre ein Höllenfeuer speiender Drache, der alles im Umkreis von 20 Metern einäschert. Aber nein, Jiraiya scheint ein gutmütiger Ninja zu sein, der lieber ein Tänzchen mit den Leuten, die ihn umbringen wollen, aufführen möchte, als sie blutüberströmt, verstümmelt oder verbrannt über den Jordan zu schicken.

Der Kröten-Ninja gönnt seinen Gegenspielern nach dem schweisstreibenden Rumgefuchtel mit Schwert und Speer gar eine erfrischende Abkühlung, indem er ein Sprinklersystem herbeizaubert. Die neuartige Rasenbewässerungstechnologie scheint die Samurai jedoch mehr in den Wahnsinn zu treiben, als ihre überhitzten Kriegerköpfe auf angenehme Temperatur herunterzukühlen.

Für einen Streifen, der schon über ein Jahrhundert alt ist, kann sich das wirklich sehen lassen, was da so in den ersten sechs Minuten abgeht. Was kommt jetzt?

Aha… Fürst Ashikaga wird sauer (steht so ähnlich auf einem Zwischentitel), und Jiraiya bringt ihm zur Besänftigung ein Präsent. Bei der Übergabe des Geschenks packt unser Held einen Gefolgsmann des Fürsten am Kragen. Der Gefolgsmann wackelt rhythmisch mit den Augenbrauen, wohl aus Angst, vielleicht auch, weil er sonst nicht weiss, wie er vor seinem Herrscher auf diese Unflätigkeit reagieren soll.

Nach dem wilden Gezucke der Haarbogen, die unsere Glubscher zieren, finden wir uns an einem eisigen Ort wieder. Aufs Neue entbrennt ein Hand- oder eher ein Stahlgemenge. An den Kämpfenden vorbei schweben Schneeflocken zu Boden, die den Katana-Hieben und dem Speergestochere tänzelnd ausweichen.

Jiraiya ändert abermals seine Gestalt, wird zur Riesenkröte und verschreckt, demütigt und verschluckt ein paar Samurai, nur um sie einen Moment später wieder auszukotzen. Ein Spektakel sondergleichen!

Doch Obacht! Ein feindlich gesinnter Ninja, bewaffnet mit einer Hellebarde, fordert Jiraiya zum Duell. Beide teilen aus, beide mutieren, Kröte und Schlange sitzen beziehungsweise liegen auf der Schneedecke… und chillen. Dann: eine Schnecke, die sich als Verbündete unseres Helden herausstellt. Zu dritt, nach wie vor in animalischer Form, wird gezittert und gewabbelt und schliesslich zurückverwandelt. Die Klingen kreuzen sich und streicheln schmerzhaft den Körper des Böswichts, Jiraiya und seine Unterstützerin gewinnen den Kampf – der Krieg jedoch, der wartet auf seine Entscheidung.

Also weiter zum Endgegner! Priester Zenshu muss fallen! Wer weiss, wieso!? Egal, ein allerletztes Mal scheppert Stahl auf Stahl – doch der Zenshu, dieser elende Feigling, flieht! Weit kommt der alte Wicht nicht, vor den Toren zum Wald wird er aufgehalten und rennt direkt in seinen Tod, direkt zurück zu unserem Helden, der den Schisser Zenshu mit seinem Katana aufschlitzt. Die Gerechte Strafe… für was auch immer! Triumph! Hoch lebe Jiraiya der warzige Kröten-Ninja!

Um all das zu glauben, muss man es gesehen haben! Ein Film, der die Sinne erregt!

Aber einer, der nur wenig von seiner Geschichte preisgibt… Das Warum für all die Heldentaten und Zaubereien bleibt ein Rätsel. Zwischentitel nutzte Regisseur Shōzō Makino kaum, visuelles Storytelling schien ihm ein Fremdwort zu sein.

Doch halt, so einfach ist es nicht! Auch wenn wir heute nur wenig von der eigentlichen Handlung verstehen, erging es den damaligen Zuschauenden anders. Sie begriffen alles, weil ihnen der Benshi wichtige Informationen zum Verständnis des Plots lieferte.

Die Benshi waren Kinoerzähler, die die Handlung erklärten und Dialoge live einsprachen, teilweise wurde die Vorstellung ebenfalls musikalisch begleitet. «Die Funktion des Benshis basiert auf Traditionen der Erzähl- und der Bühnenkunst», schreibt Kayo Adachi-Rabe. Eine der Wurzeln dieser «Besonderheit der japanischen Stummfilmvorführungen» ist das weiter oben erwähnte Kabuki-Theater.

Filmvorstellungen mit einem Benshi seien so beliebt gewesen beim Publikum, dass man sagt, ein wirklich «stummer» Film habe in Japan nie existiert, schreibt Adachi-Rabe. Diese Sprecher waren teilweise sogar so beliebt, dass sie zu regelrechten Stars avancierten und mit dafür verantwortlich waren, dass die Stummfilmzeit in Japan bis in die Mitte der 1930er-Jahre andauerte, während der Westen schon 1927 zum Tonfilm wechselte.

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