
Zähneknirschend, schweissnass und verkrampft sass ich im Kinosessel, meinen Blick auf den Screen gerichtet, der nicht aufhören wollte, mir Schreckliches zu zeigen. Ich dachte nur: «Wann hört das auf?» Dann packte der Typ neben mir endlich sein Smartphone weg, und ich konnte mich wieder auf den Film konzentrieren. Kurzer Appell an alle Kinobesuchenden: Handy aus, Klappe zu. Danke.
Doch nun zu «Bring Her Back»: Zähneknirschend, schweissnass und verkrampft sass ich im Kinosessel, meinen Blick auf den Screen gerichtet, der nicht aufhören wollte, mir Schreckliches zu zeigen. Ich dachte nur: «Wann hört das auf?» Die australischen Regie-Zwillinge und ehemaligen Youtuber Danny und Michael Philippou antworten: «Nie.» Sie ziehen’s voll durch, ein emotionaler Tiefschlag folgt auf den nächsten. Das kollektive Um-Gnade-Bitten des Publikums ignorieren die beiden Filmemacher schonungslos.
Das tut weh, ist gleichzeitig jedoch nur konsequent und deshalb eine Stärke des Films, der von den Stiefgeschwistern Andy (Billy Barratt) und Piper (Sora Wong) handelt. Er ist 17 Jahre alt, sie ist etwas jünger und hat eine starke Sehbehinderung. Nachdem ihr Vater gestorben ist, kommen die beiden kurzerhand bei einer Pflegemutter unter. Die heisst Laura (Sally Hawkins), wohnt abgeschieden in einem schönen Häuschen und hat bereits ein Kind namens Oliver (Jonah Wren Phillips) in ihrer Obhut, das aufgrund seines Mutismus kein Wort spricht. Ach, und an einem obskuren Ritual scheint die Dame ebenfalls zu arbeiten.
Filmfakten
Regie: Danny und Michael Philippou
Drehbuch: Danny Philippou, Bill Hinzman
Mit: Sally Hawkins, Billy Barratt, Sora Wong, Jonah Wren Phillips, Sally-Anne Upton, Stephen Phillips, Mischa Heywood
Produktionsland: Australien
Länge: 104 Minuten
Kinostart Deutschschweiz: 14. August 2025
Aus diesem Setting entwerfen die Philippou-Brüder ein Kammerspiel aus seelischem Schmerz, Manipulation und Blut. Fast alle Figuren sind auf irgendeine Weise vom Leben gezeichnet – ob nun mental oder körperlich. Ihr Leiden prägt ihr Wesen und Handeln. Andy und Laura sind wandelnde Traumata, Piper bleibt meist die hilflose Blinde, woran teilweise die Überfürsorglichkeit der anderen schuld ist. (Auch Oliver besitzt keine charakterlichen Facetten, ihn lasse ich bei diesem Kritikpunkt aber mal aussen vor. Der Junge hat ein ganz anderes, kaum vergleichbares Problem…)
Ich hab‘ sie gehasst
Dass mich die sehr einfach gestrickten Figuren erst nach einigem Sinnieren über «Bring Her Back» stutzig gemacht haben – und für mich darum nur ein kleiner Makel in einem ansonsten gross- wie bösartigen Horror-Highlight mit Tristesse-Garantie bleiben –, liegt an zwei Faktoren.
Erstens: das Schauspiel. Die Darsteller:innen verleihen ihren Rollen eine Vielschichtigkeit, die in dieser Form gar nicht im Drehbuch von Danny Philippou und Bill Hinzman besteht. Billy Barratt und Sora Wong vermitteln die Liebe zwischen den zwei Geschwistern Andy und Piper so aufrichtig, dass die beiden mich haben zweifeln lassen, ob sie nicht tatsächlich miteinander aufgewachsen sind. Und um Jonah Wren Phillips’ Wohlergehen habe ich mir ernsthafte Sorgen gemacht, derart erschütternd spielt das zwölfjährige Nachwuchstalent die Teilnahmslosigkeit und den körperlichen Verfall von Oliver.
Die Philippous arbeiten wie bei ihrem Filmdebüt «Talk to Me» (2022) vorrangig mit frischen und begabten Gesichtern, was dazu beiträgt, dass keine Diskrepanzen zwischen den Schauspielenden und ihren Rollen entstehen. Heisst: Auf der Leinwand tritt die Figur ins Zentrum, nicht der Star, der sie mimt.
Einzige Ausnahme dabei ist Sally Hawkins, die vielen aus «The Shape of Water» (2017) oder den «Paddington»-Filmen (2014, 2017) von Paul King bekannt sein dürfte. Allerdings ist bei der Britin schnell vergessen, dass es sich bei ihr um eine zweifach oscarnominierte Darstellerin handelt. Sie verschmilzt mit der manipulativen und seltsamen Pflegemutter Laura, die sich während der 104-minütigen Laufzeit immer mehr zur Antagonistin entwickelt. Trotz der tief verankerten Tragik in ihrer Person, die mir durchaus Mitgefühl hat abringen können, habe ich Laura gehasst. In diesem Fall ist das ein weiteres Kompliment an Hawkins und ihre Schauspielleistung.
«Nein! Bitte nicht!»
Zweitens liegt es an den Zwillingen auf den Regiestühlen, dass die eindimensionalen Figuren kaum negativ ins Gewicht fallen. Schon ihr Erstling «Talk to Me» zeichnete sich durch eine atmosphärisch dichte Inszenierung aus, die einfallslose Schreckmomente alias Jump-Scares erfreulicherweise ausgespart hat.
Darauf aufbauend verbessern die Philippous ihr Handwerk. Ihre gekonnte Gruselstimmung ergänzen sie in «Bring Her Back» um ein beständiges Unbehagen. Zu Beginn habe ich mich gefühlt, als wäre ich auf einer Party, bei der ich nicht willkommen bin. Je weiter der Horrorfilm fortgeschritten ist, desto unangenehmer ist die metaphorische Party geworden, auf der mich die Gäste nicht mehr nur als Fremdkörper wahrgenommen haben, sondern gleich verbal oder physisch auf mich losgegangen sind.
Gerade Laura mit ihrem perfiden Gaslighting ist Auslöser für eine zutiefst unangenehme innere Unruhe, die die Regie-Brüder mit Spannungsmomenten anreichern, die ordentlich an den Nerven zehren. Vor allem, wenn sie Pipers Sehbehinderung in einzelnen Sequenzen nutzen, um den Suspense zu steigern. Ein billiger Trick, der leider funktioniert.
Und an noch etwas haben die Philippous gefeilt: an der Gewalt. Mit überraschender Brutalität haben sie in «Talk to Me» das Gesicht eines Teenagers entstellt. In «Bring Her Back» bestätigen die Australier ihre Freude an der Verstümmelung von Jugendlichen. Hierfür verwenden sie unter anderem ein Küchenwerkzeug, mit dem sich bereits unzählige Killer durch verschiedenste Horrorstreifen gestochen, geschnitten, gehackt oder geschlitzt haben: das Messer.

Im Jahr 2025 präsentieren die Philippous eine der fiesesten Gore-Szenen seit langer Zeit mit diesem altbekannten Mordinstrument. Wenn ich an diese eine Szene zurückdenke (was in den letzten paar Tagen oft passiert ist), zieht sich erst alles in mir zusammen, bevor ein eiskaltes Schütteln durch meinen Körper zuckt. «Nein! Bitte nicht!», schreie ich jedes Mal innerlich. Das Allerschlimmste daran ist nicht das, was uns die Regisseure zeigen, sondern das, was sie uns zu hören zwingen. Ein Geräusch so unvergesslich, penetrant und garstig wie Gollums Stimme.
Die Erbarmungslosigkeit der Inszenierung spiegelt sich auch im Drehbuch wider. Kaum ist ein Schock überstanden, schleicht sich schon der nächste an. Die letzten 30 Minuten sind mit einer übernatürlichen Anspannung aufgeladen, die die Frage aufwerfen, ob die Philippous bei der Produktion nicht ein wenig Hilfe von okkulten Mächten gehabt haben.
Apropos Fragen, von denen bleiben am Ende einige unbeantwortet. Das ist aber gut, nicht alles muss bis ins kleinste Detail ausformuliert werden. «Bring Her Back» bewahrt sich dadurch ein gewisses Mysterium, das zu einer zweiten Sichtung verlockt, um vielleicht doch noch den einen oder anderen Hinweis zu entdecken. Wobei… So schnell bringt mich nichts mehr dazu, diesen Film nochmal zu sehen.
Bewertung:


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